Campino ist angefasst. „Ich komme mir vor wie verprügelt“, sagt er. Die Band hat gerade auf ihr letztes Studioalbum angestoßen. Und deshalb ist der Sänger der Toten Hosen nicht nur angefasst, sondern auch ein wenig angeschickert. Dass die Szene am Anfang und am Ende der Dokumentation „Was bleibt: Die Toten Hosen – Das letzte Album“ von Eric Friedler steht, gefällt Andreas „Campino“ Frege nicht wirklich. Aber er akzeptiert es.Denn das hier war kein Werbedreh, es ist ein ehrlicher, wuchtiger Film über die legendäre deutsche Rockband, von der anfangs niemand dachte, dass sie einmal um die ganze Welt touren würde und es sie nach mehr als vier Jahrzehnten immer noch gäbe. Jetzt haben Campino, Kuddel (Andreas von Holst), Breiti (Michael Breitkopf), Andi (Andreas Meurer) und Vom (Stephen George Ritchie) ihr letztes Album mit neuen Songs im Studio aufgelegt. „Trink aus, wir müssen gehen!“ heißt es.Zwei Jahre haben sie dafür gebraucht, in denen ihnen der Filmemacher Eric Friedler und seine Crew immer wieder über die Schulter geschaut haben. Sie zeigen, welch harte Arbeit hinter einem Rocksong steckt, wie um jede Zeile und jedes Riff gerungen wird und die inzwischen älteren Herren miteinander harmonieren – oder auch nicht. Und dann gibt es auch noch eine Schlagzeile für den Boulevard.Was hinter dem Song „Teddy“ stecktDie lautet: Campino ist im zarten Alter von inzwischen 63 noch einmal Vater geworden. Und das, wie sollte es anders sein, verarbeitet er in einem Song mit dem schönen Titel „Teddy“. Er habe sich, sagte er am Donnerstagabend bei der Filmpremiere in Mainz, seinen „Weg zur Rente schon anders vorgestellt, aber das fällt jetzt halt aus“. Das sei „vielleicht der schönste Beweis, den man haben kann, dass das Leben sich was anderes überlegt als du“. Ein Kind zu bekommen, sei „wohl die schönste Umkehrung“.Bleibt im Takt: Schlagzeuger Stephen George „Vom“ RitchieSWR / Donata WendersDass er sich auf diese freut, war unverkennbar an diesem Kinoabend im Cinestar in Mainz, mit Hunderten Fans und reichlich Prominenz (darunter Jürgen Klopp, der Lokalfußballheld, und der ehemalige Ministerpräsident Alexander Schweitzer), die auf der Bühne die Fortsetzung dessen sahen, was man in den anderthalb Stunden zuvor im Film mitbekommen hatte.Campino ist der Wortführer; wenn er will, ein Charmebolzen sondergleichen, ebenso aber unnachgiebiger Antreiber. Der Bassist Andi ist die Ruhe selbst, Gitarrist Kuddel sanftmütig ausgleichend, Breiti eine bescheidene Sphinx und Vom, der Mann an den Drums, der Schalk vom Dienst, mit fein-derbem britischem Humor. Ohne den Sechsten im Bunde, den man auf der Bühne nicht zu sehen bekommt, würde das letzte Studioalbum der Toten Hosen allerdings wohl nie erscheinen. Das ist der Produzent Vincent Sorg, der aussieht wie ein großer Junge und mit Engelsgeduld dafür sorgt, dass am Ende alles passt (und Rührei brät).Mehr als sechzig Songs haben sich die Toten Hosen im Studio zusammengereimt, nur sechzehn schaffen es auf das Album, und ein besonderer Reiz des Films besteht darin, dass wir hier lauter Songs hören, die die Band aussortiert hat. Es muss ab- und ins Ohr gehen, schnell und hart sein und nur manchmal sentimental weich, wie bei „Teddy“ zum Beispiel.Dass er all das einsammeln kann, kommt bei dem Dokumentarfilmkünstler Eric Friedler, der sich auf ein Team mit Ausdauer und Nehmerqualitäten (das von Campino auch schon mal in den Senkel gestellt wird) verlassen konnte, nicht von ungefähr. Er hat sich das Vertrauen der Toten Hosen erworben, 2012 hat er zum dreißigjährigen Bestehen der Band den Film „Nichts als die Wahrheit“ gedreht und gemeinsam mit Campino im Jahr 2020 einen Film über Wim Wenders. Friedler kommt generell an die Menschen heran, wahrt zugleich die für den Dokumentaristen nötige Distanz und hat ein Gespür für Dramaturgie, deren Gelingen Schnitt und Kamera garantieren.Und ist das nun wirklich „das letzte Album“ der Toten Hosen? Der Gitarrist Kuddel lässt anklingen, dass er die Idee nicht so berauschend fand, er hätte nicht so entschieden, das war Campinos Idee, von der dieser am Ende dann wie erschlagen wirkt – „verprügelt“ eben. Live auf der Bühne geht es mit der Band noch weiter. Der Bassist Andi kann es, wie er bei der Filmpremiere in Mainz sagte, kaum erwarten. Auf Stadiongassenhauer wie „Hier kommt Alex“, „Tage wie diese“ oder „Alles aus Liebe“ müssen die Fans noch lange nicht verzichten. Wie sich die Toten Hosen dabei verausgaben, sieht man in diesem Film auch.Was bleibt: Die Toten Hosen – Das letzte Album läuft in der ARD-Mediathek und am Samstag um 23.25 Uhr im Ersten.