Wenn man am Strand ein Loch gräbt, rutscht sofort von allen Seiten Sand nach. Im Städtebau ist das nicht anders: Nichts ist so schwer, wie einen Freiraum in einer dicht bebauten Stadt freizuhalten. Im Fall von Berlin ist das, worum seit Jahren gestritten wird, kein Loch, sondern die Freifläche des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Während der Teilung hatte Berlin immerhin drei sehr gut funktionierende, architektonisch teilweise spektakuläre Flughäfen, jetzt hat es nur noch einen, der nicht so gut funktioniert, und um die Nachnutzung von Tegel und Tempelhof wird seit Jahren ergebnislos gestritten.Immerhin gibt es mittlerweile eine Rekordanzahl von Vorschlägen, was am Tempelhofer Feld geschehen könnte: Der Architekt Jakob Tigges empfahl die Errichtung eines 1000 Meter hohen Berges, was den großen Utopie-Preis verdiente, gefolgt von der Idee, einen großen See mit einer Insel in der Mitte anzulegen – aber die meisten Vorschläge gingen in Richtung Wohnungsbau.Trotz Mietendeckel verdoppelte sich die Miete seit 2016Der wäre in Berlin bitter nötig, die Stadtbevölkerung wächst, seit 2022 kamen dazu noch 57.000 Flüchtlinge aus der Ukraine. Berlin muss dringend Wohnraum schaffen. Aber wie? Wie es nicht aussehen sollte, zeigt Berlin an der Landsberger Allee – dort baut die Stadt 1500 „belegungsgebundene“ Wohnungen für „kleinere Einkommen“ in achtgeschossigen Modulbau-Riegeln, gegen die jeder DDR-Plattenbau luxuriös und fröhlich aussieht. Was da entsteht, ist reiner Unterbringungsfunktionalismus einer Gesellschaft, die einkommensschwachen Menschen mit solchen Bauten sagt: Mehr habt ihr halt im doppelten Wortsinn nicht verdient. Wenn es unmoralisches Bauen gäbe, sähe es so aus: Will irgendwer in solchen Riegeln Kinder aufwachsen sehen, kostbare Jahre seines Lebens verbringen? So baut man die Problemkieze der Zukunft.So soll es nach der Initiative „Zuhause am Tempelhofer Feld“ dort bald aussehen. Kann man Häuser wie die links im Bild so bauen, dass die Wohnungen hinter den Fassaden bezahlbar sind? Na klar, kein Problem, meinen die Architekten.Kollhoff/Nöfer/AstigmaticEs gab immer wieder Vorschläge, den Rand des Tempelhofer Feldes zu bebauen, aber es war so durchsichtig, dass die Stadt mit dem Verkauf der Grundstücke vor allem die klamme Landeskasse auffüllen wollte und dass dort am Ende öde Luxuskisten entstehen würden, dass die Berliner in einem Volksentscheid mit über 64 Prozent dafür stimmten, dass auf dem Feld gar nichts gebaut werden dürfe. Das wurde Gesetz, seitdem wuchern dort Bäume, Tiere siedelten sich an, Skateboarder sausen über die alten Startbahnen, Pärchen schlagen sich in die immer höher wuchernden Büsche, und es gibt immer noch nicht genug Wohnungen; mittlerweile ist eine Mehrheit der Berliner für eine Bebauung des Feldrandes.Immer wieder haben einzelne Architekten Vorschläge gemacht – Arno Brandlhuber errechnete, dass man auf das 1,2 Kilometer lange Flughafengebäude einen genauso langen achtgeschossigen Wohnriegel bauen könnte mit 3500 Wohnungen, länger als das einen Kilometer lange Corviale-Hochhaus in Rom. Christof Langhof schlug zwölf unterschiedlich hohe Wohntürme mit 5000 Wohnungen am Rand des Feldes vor, die alle gleich und ein bisschen sehr nach China-goes-Dubai aussahen.Hinten vorgefertigte Teile, vorn individuelle Fassaden: Klappt das?Jetzt tritt das nächste Team an, das Versprechen: ein „Paradigmenwechsel“. Zwei Drittel des Feldes werden wie ein „Central Park“ behandelt, in eine Stiftung überführt und dürften dann nicht mal nach einer Gesetzesänderung bebaut werden, ein Drittel der Fläche am Rand wird mit sechsgeschossiger, hochverdichteter, aber durch kleine Plätze aufgelockerter Blockrandbebauung gefüllt, wobei 21.400 Wohnungen entstehen sollen.Hinter dem Plan stehen die Architekten Tobias Nöfer und Hans Kollhoff. Man mag den beiden nicht bei allem zustimmen, was sie machen, aber Kollhoffs Wunsch, dass hier „kein herzloses Investment Gebirge“ im Stil der „sterilen Großbebauung“ am Hauptbahnhof entstehen möge, kann man nur unterstützen. Aber wie könnte es vermieden werden? Am Mittwoch fand eine Pressekonferenz im historischen Gebäude der Berliner Avus-Tribüne statt, die der Berliner Immobilien-Unternehmer Hamid Djadda gerade renoviert und umwandelt. Er engagiert sich in Berlin gegen Mietspekulation und für die Erhaltung des Kleingewerbes, und jetzt auch für den Kollhoff-Nöfer-Plan. Der Zugang zur Pressekonferenz wurde kontrolliert von einem sehr imposanten, durchtätowierten Türsteher, der eventuelle Aktivisten, die auf der Einhaltung des aktuellen Gesetzes zur Freihaltung des Tempelhofer Feldes pochen, von Störungen abhalten sollte. Unter dem recht selbstbewussten Slogan „Paradies auf Erden in Berlin“ wurden die Pläne vorgestellt: Die Idee, erläuterte Kollhoff, sei, nach dem Vorbild des Gründerzeit-Wohnungsbaus, der ja im Kern auch ein standardisierter Massenbau gewesen sei und in kürzester Zeit errichtet wurde, ein neues Viertel mit den Mitteln unserer Zeit zu bauen - nicht bloß Wohnungen, sondern Stadt mit Straßenbäumen, Kindergärten und Eck-Cafés, kleinen Läden und grünen Höfen, alles fußläufig erreichbar.Sollen bitte woanders Häuser bauen, gäbe Platz genug, finden viele Anhänger des unbebauten Feldes: Hier führt die „Freibühne Wendland“ auf dem Tempelhofer Feld ein Theaterstück auf, danach gab es einen Rave.dpaNöver errechnete, dass man durch serielle Vorfertigung der Wohnungsbauelemente auf einen Quadratmeterpreis von 3000 Euro kommen könnte. Wenn die Stadt am Feld Wohnungen für 50.000 Menschen bauen würde und sie alle vermietete, müsste sie 1,8 Milliarden in das Projekt stecken, wenn sie 30 Prozent der gebauten Wohnungen in den freien Markt gäbe, so Növer, könne sie 3,2 Milliarden Euro verdienen und hätte trotzdem für über 16.000 Menschen sozialen Wohnraum geschaffen.Die Idee, so Kollhoff sei, dass sich in einem Haus alle sozialen Schichten abbildeten, dass es dort kleine und große Wohnungen, Sozialstandard und auch Luxus gäbe. Das Feld solle auch zum Versuchsprojekt werden, wie man in Zukunft einfach bauen und zum Beispiel die kostspielige Haustechnik auf ein notwendiges Mindestmaß reduzieren könnte. Kurz gesagt ist die Idee: serieller, vorgefertigter Bau, fast in Plattenbauweise, aber 3,20 Meter Deckenhöhe und flexible Grundrisse, davor individualisierte Fassaden, die dadurch zustande kommen, dass die Baufelder nicht blockweise an Entwickler vergeben werden, sondern an kleinere Investoren, nach dem alten Motto: „Bauland in Bürgerhand“.Könnte das neue Berlin so aussehen wie das alte am Chamissoplatz?Kollhoff zitierte das Beispiel des Chamissoplatzes, wo Ende des 19. Jahrhunderts in kürzester Zeit qualitätvolle Wohnungen entstanden. Dass so etwas heute möglich sei, will auch am Tempelhofer Feld das bei der Pressekonferenz Bauunternehmen Goldbeck gern beweisen, das am Maybachufer in Neukölln bis Ende nächsten Jahre 120 Mietwohnungen fertigstellen will, von denen etwa jede fünfte für nur sieben Euro Nettomiete angeboten werden soll.Wo auf städtischem Terrain, das nicht der Bodenspekulation unterliegt, für rund 50.000 Menschen bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird und dazu auf dem Feld reger Publikumsverkehr herrscht, stehen die Chancen gut, dass in den Sockelgeschossen das Kleingewerbe florieren würde, für das sich auch Djadda seit Langem einsetzt: Tischler, Schneider, Werkstätten, die Dinge wieder aufarbeiten, Restauration. Das ist kein schlechter Ansatz; gerade in einer Zeit, wo Kaufhausketten und Wegwerf-Discounter die Stadt verlassen und ihre Produkte nur noch online anbieten, weil es für sie ökonomisch attraktiver ist, gäbe es in den freiwerdenden Räumen in der Stadt wieder Platz für dieses Kleingewerbe.Doch die politischen Rahmenbedingungen müssten dafür geschaffen werden - ebenso wie dafür, dass Sozialbau-Wohnungen nicht nach zehn Jahren aus der Bindung fallen und auf den freien Markt kommen. Es gibt noch viele Fragen auf dem Weg zu einer Randbebauung. Unter anderem die, warum dort keine Türme stehen sollten, mit denen man noch besser verdichten und noch mehr Feld freihalten könnte.Das ist das, was die Berliner wollen, sagt der ArchitektDer Entwurf sei „alternativlos“, erklärte Kollhoff zum Ende der Pressekonferenz, als habe ihm Angela Merkel persönlich das Manuskript frisiert, man baue einfach die Bautypologie weiter, die in Berlin am beliebtesten sei, Altbau spätes 19., frühes 20. Jahrhundert: „Das hier ist das, was die Berliner wollen“. Das sahen erwartungsgemäß nicht alle auf der Pressekonferenz so; es wurde gefragt, warum man überhaupt ausgerechnet das Feld bebauen sollte, wenn doch Berlin in seinem Stadtentwicklungsplan erklärt habe, es sei für 250.000 Wohnungen noch Platz in den Bezirken, ohne Tempelhofer Feld. „Menschen brauchen Wohnungen, ja“, meint auch Anh-Linh Ngo, Chefredakteur der Architekturzeitschrift ARCH+. „Aber sie brauchen auch Luft, Weite, Bewegung, Öffentlichkeit. Das Tempelhofer Feld ist deshalb weit mehr als eine freie Fläche. In einer Stadt, die immer dichter, teurer und privatisierter wird, gehört es zur öffentlichen Daseinsvorsorge. Die eigentliche Wohnungsfrage entscheidet sich ohnehin nicht dort, sondern in der Bodenpolitik dieser Stadt. Bevor Berlin eine seiner letzten großen Freiflächen bebaut, sollte die Stadt erst zeigen, dass andere Möglichkeiten wirklich ausgeschöpft sind: leerstehende Büroflächen, landeseigene Grundstücke, Dachaufstockungen oder die Nachverdichtung bereits versiegelter Flächen.“Theoretisch gäbe es natürlich auch anderswo Platz, erklären die Planer, in der Praxis hake es aber mit dem Bauen dort, und man lasse doch 200 Hektar frei, das sei größer als der Hyde Park in London. Investoren klagen in Berlin tatsächlich über jahrelangen Stillstand, oft ausgelöst dadurch, dass der sonst so ruppige Berliner Behördenmensch jeder Fledermaus und jeder Kröte eine schier unglaubliche Liebe entgegenbringt und ihre Umsiedlung an die Stadtränder nicht für zumutbar hält - die Verdrängung von Menschen, die in der Stadt keine Wohnung finden, dorthin aber schon. Stimmt es, dass man Wohnraum auch bequem anders schaffen könnte in einer Stadt, in der weit über eine Million Quadratmeter Bürofläche leer stehen? Vielleicht müssen sich notwendiger Neubau und forcierter Umbau nicht ausschließen.Aber geschehen muss etwas. Wenn Bürgermeister Kai Wegener nicht als der Landeschef in Erinnerung bleiben will, der Tennis spielen geht, wenn Terroristen großen Teilen seiner Stadt den Strom abschalten, sollte er noch vor den Wahlen ein großes Projekt zum Wohl der Bürger anschieben. Zum Beispiel den Neubau von Wohnungen, die nicht bloß verloren im Raum umherstehende Unterbringungskartons sind und nicht bloß reine Renditeobjekte für profitorientierte Immobiliengroßkonzerne, sondern Teil von echten neuen Stadtvierteln werden. Wo immer die dann gebaut werden. Ideen gäbe es genug.