Eine preisgekrönte Kurzgeschichte soll von einem Sprachmodell verfasst worden sein. Die Grenzen zwischen KI und menschlicher Literatur verschwimmenDie Geschichte eines trinidadischen Autors könnte von künstlicher Intelligenz erstellt worden sein. Sie gewann einen internationalen Literaturpreis, auf den sich Tausende Autoren beworben hatten.20.05.2026, 15.20 Uhr3 LeseminutenDer Autor Jamir Nazir stammt aus Trinidad und Tobago.Felipe Dana / AP«Der Busch speichert Erinnerungen, wie Haar Geruch speichert», schreibt der trinidadische Autor Jamir Nazir. Oder: «Sita bewegte sich leise, als ob jedes Geräusch eine Last wäre. Neunzehn Jahre alt und braun wie Staub nach dem Regen, knetete sie den Roti-Teig mit einem Rhythmus, der nicht Freude, sondern Ausdauer entsprang.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In Nazirs Kurzgeschichte «The Serpent in the Grove» folgen solche exotisierenden, stolpernden Sätze in dichter Abfolge aufeinander. Die Geschichte dreht sich um Vishnu Mohammed, einen Dorfbewohner, der seiner Frau im Rausch überdrüssig wird und sie in eine Falle lockt. Sie fällt in einen Brunnen, wird jedoch gerettet und emanzipiert sich in der Folge von ihrem Mann. Er bereut, aber die Natur erinnert sich an seine böse Tat. Die Geschichte endet in Versform: «Der Wald erinnerte sich. / Das Haus erinnerte sich.»Mit diesem Text gewann Nazir, bislang ein unbekannter Hobbyautor, kürzlich den Karibik-Regionalpreis der britischen Commonwealth Foundation. Deren Kurzgeschichtenwettbewerb will die Literatur aus den 56 Commonwealth-Ländern unterstützen, Tausende Autoren bewerben sich auf ihn. Nazir steht nun auf der Shortlist für den mit 5000 Pfund dotierten Hauptpreis, sein Text wurde vom prestigeträchtigen Literaturmagazin «Granta» veröffentlicht. Die Jurorin und Schriftstellerin Sharma Taylor schwärmte von einer «wunderschön erzählten und souveränen Geschichte».Schiefe MetaphernGemäss Nazirs Kritikern in den sozialen Netzwerken hat jedoch ein KI-Sprachmodell die Geschichte erzeugt. Sie haben in den vergangenen Tagen Belege dafür gesammelt und bezeichnen die Kurzgeschichte als den ersten von künstlicher Intelligenz geschriebenen Text, der einen Literaturpreis gewonnen hat. Bestimmte Konstruktionen, die Nazir ausgiebig nutzt, seien charakteristisch für KI-Texte. So etwa Scheinwidersprüche im Muster von «nicht X, nicht Y, sondern Z». Oder schiefe Vergleiche, die sichtbar machen, dass Sprachmodelle eben über keine sinnliche Wahrnehmung verfügen.Der Autor Jamir Nazir.PDSeine Kritiker verweisen zudem auf Nazirs Posts in sozialen Netzwerken. Sie befassen sich mal mit der Angst vor KI, mal mit dem Sturz von Maduro, und tragen immer die glatten Merkmale von KI-Text. Frühere Beiträge sind durch chaotische Interpunktion und Gedankensprünge gekennzeichnet. Auch Nazirs Autorenfoto scheint mit KI verändert worden zu sein, da es sich stark von der Machart der anderen Fotos unterscheidet, die im Netz zu finden sind.Die Anschuldigungen gegen Nazir haben einen tragischen Beigeschmack. Denn der Commonwealth-Preis hätte für den bislang unbekannten Autor der Durchbruch sein können. Ein Medienbericht porträtierte ihn 2018 als 53-Jährigen, der für Behörden und im Privatsektor arbeite und nebenher schreibe. Er wolle mit seinem im Eigenverlag veröffentlichten Lyrikband zeigen, sagte Nazir, dass auch in der Karibik Literatur produziert werde, die es mit jener entwickelter Länder aufnehmen könne.Auf eine Anfrage der NZZ hat Nazir bislang nicht reagiert. Die Commonwealth Foundation schreibt in einer Stellungnahme, sie nehme die Vorwürfe sehr ernst und habe sich von allen Autoren bestätigen lassen, ihre Texte seien von ihnen selbst verfasst. Da aber auch KI-Prüfungstools nicht verlässlich seien, müssten sie den Autoren vertrauen. Das Magazin «Granta» verweist auf die Foundation. Es habe die Texte nicht selbst redaktionell geprüft.Der Scheideweg künstlicher IntelligenzDie Literaturwelt ist damit an einem Scheideweg angekommen. Selbst Experten verfügen nicht über Werkzeuge, KI-Literatur verlässlich von Nicht-KI-Literatur zu unterscheiden.Vor einigen Monaten spekulierte die Journalistin Vauhini Vara im «New Yorker» über die Möglichkeit, dass Lesern literarische Texte, die von künstlicher Intelligenz generiert wurden, gefallen könnten. Vara stützte ihre These auf eine Studie, nach der fachlich gebildete Probeleser KI-Texte häufig den Originaltexten von bekannten Autoren vorzogen, wenn die Sprachmodelle fein eingestellt waren.Sollte Nazirs Kurzgeschichte nicht KI-generiert sein, würde der Fall ein noch viel grösseres Problem enthüllen: dass der Sprachschatz von Autoren schon längst von den Marotten der KI-Modelle infiziert worden ist. Ohnehin sind viele Beobachter der Überzeugung, dass KI-Vokabular unmittelbar in die Sprech- und Schreibweise seiner Nutzer zurückwirkt. Ein prominentes Beispiel dafür sind die englischen Wörter «delve» und «foster», die eher selten verwendet wurden, aber mittlerweile vermehrt in den Sprachgebrauch eingewandert sind.Zudem wirft die Debatte ein Schlaglicht auf die Auswahlmechanismen internationaler Literaturpreise. Denn am Ende bleibt die Erkenntnis, dass ein literarischer Text – ob KI-generiert oder nicht – wie ein Ausfluss von Chat-GPT klingen und dennoch einen renommierten Wettbewerb gewinnen kann.Passend zum Artikel
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