Vom Hoffnungsträger zur Bürde: Julian Nagelsmann steht in der Kritik – auch, weil der deutsche Bundestrainer zu lange zur Torwart-Personalie schwiegStatt Oliver Baumann setzt Nagelsmann an der WM Manuel Neuer ins Tor. Und brüskiert einmal mehr mit seinem Kommunikationsstil.20.05.2026, 14.40 Uhr6 LeseminutenDas Verhältnis von Julian Nagelsmann und Manuel Neuer war nicht immer unbeschwert.GettyEs sei unmöglich, nicht zu kommunizieren, sagte einst ein kluger Mensch, der beobachtet hatte, dass Schweigen sehr viel verrät. Sich zu Dingen nicht ins Verhältnis zu setzen, obschon dies erwartet wird, wird in der Regel doch als eine Positionierung wahrgenommen, auch wenn der Betreffende das Gegenteil beteuert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wie richtig der österreichische Psychotherapeut und Kommunikationswissenschafter Paul Watzlawick mit dieser Aussage lag, lässt sich derzeit am Kommunikationsstil des deutschen Bundestrainers Julian Nagelsmann beobachten. Nagelsmann ist jemand, der selten um eine Erklärung verlegen ist: Er redet gern; es entspricht offenbar seinem Charakter. Er ist ein eloquenter Trainer.Nagelsmann hat viele Telefonate zu führenUnd so setzte sich Nagelsmann am vergangenen Samstag nach dem letzten Spieltag der Fussballbundesliga in das «Aktuelle Sportstudio» des ZDF. Dort erklärte er, dass insgesamt 62 Spieler auf seiner Liste für die anstehende Weltmeisterschaft in den USA, Mexiko und Kanada stehen. 55 von ihnen hat Nagelsmann der Fifa vorab gemeldet. 62 Spieler bedeuten laut Nagelsmann, dass er viele Telefonate führen muss, denn jeder Spieler habe es verdient, von ihm persönlich zu erfahren, warum er zur WM mitgenommen wird. Oder warum nicht.Kommunikation, so berichten langjährige Weggefährten, sei eine Stärke Nagelsmanns, weswegen ihm dieser Aufwand eigentlich keine Mühe bereiten sollte. Nur drehte sich bei seinem Auftritt im ZDF fast alles um eine entscheidende Frage, an der enorm viel für den Trainer Nagelsmann hängt. Darum, ob Manuel Neuer, mit 124 Länderspielen Deutschlands Rekordtorhüter, wieder zum Kader des deutschen Nationalteams stösst.Nagelsmann wand sich am späten Samstagabend, er wollte sich zu keiner Aussage hinreissen lassen. Der Moderator versäumte, ihn auf Widersprüche hinzuweisen, etwa auf den, dass er dem Hoffenheimer Torhüter Oliver Baumann das Vertrauen ausgesprochen hatte. Eine kurze Einspielung zeigte einen ebenso rat- wie hilflos wirkenden Baumann, der sagte, er gehe davon aus, dass er als Nummer eins zur Weltmeisterschaft fahre, er habe nichts Gegenteiliges vom Nationaltrainer gehört.Eine solche Situation ist ein kommunikativer GAU für den Trainer Nagelsmann. Und so stellt sich die Frage, warum Nagelsmann sich einige Tage vor der offiziellen Kadernominierung am Donnerstag in ein Fernsehstudio setzt und nahezu eine halbe Stunde lang nichts weiter tut, als herumzulavieren. Schliesslich gab es schon seit Tagen die Meldungen, wonach Nagelsmann Neuer in den Kader zurückholen wolle, als Nummer eins für die Weltmeisterschaft.Der Bundestrainer Julian Nagelsmann und der Torhüter Oliver Baumann reichen sich nach dem WM-Qualifikationsspiel gegen Nordirland die Hand.ImagoNeuer verletzte sich am Samstag an der WadeWeder zu dementieren noch zu bestätigen, erzeugt eine Pattsituation. Für Nagelsmann war dies vor allem ein Gesichtsverlust. Denn es gäbe durchaus eine Erklärung dafür, warum er dem ZDF ein Interview gewährte, ohne etwas sagen zu wollen. Gut möglich, dass er eigentlich vorhatte, die Personalie Neuer zu verkünden, dass aber dessen Wadenverletzung, die sich Neuer am letzten Saisonspieltag zugezogen hat, Ungewissheit erzeugte.Dass er dennoch auftrat, lässt sich eigentlich nur damit erklären, dass Nagelsmann seine Fähigkeit, überzeugend zu argumentieren, überschätzt. Der Eindruck, den er hinterliess, war verheerend.Zwar sprangen ihm da und dort einige Experten bei, die sagten, dass es durchaus vertretbar sei, Neuer an der Weltmeisterschaft ins Tor zu stellen. Das ist eine fachlich einwandfreie Aussage: Neuer hat seine stärkste Saison seit langem gespielt, Leistungen wie er sie im Halbfinal-Rückspiel gegen Paris Saint-Germain oder im Viertelfinal-Hinspiel gegen Real Madrid vollbrachte, zeigen noch heute im Weltfussball wenige Torhüter. Auch gab es Aussagen wie jene von Matthias Sammer, der meinte, wer mit einer solchen Entscheidung hadere, der habe im Profifussball wenig verloren.Dies erklärt vielleicht, warum Sammer als Trainer keine lange Karriere beschieden war. Schliesslich geht es in manchen Angelegenheiten, und dazu zählt die mögliche Rückkehr des fünfmaligen Welttorhüters durch den Nationaltrainer, auch um die Frage der Integrität eines Trainers. Wie verlässlich sind seine Zusagen? Kann man auf sein Wort zählen?Ottmar Hitzfeld spricht noch heute davon, dass es die schwerste Entscheidung in seiner Trainerlaufbahn gewesen sei, als BVB-Coach den Libero Wolfgang Feiersinger im Champions-League-Final von 1997 auf die Tribüne zu setzen.Hitzfeld stellte die Chance auf einen Sieg gegen Juventus durch eine taktische Umstellung über die Verdienste des Österreichers. Aber er machte es sich damit nicht eben leicht. Genauso rühmt der ehemalige Dortmunder Verteidiger Neven Subotic die Art und Weise, in der Jürgen Klopp auch unangenehme Dinge mitteilte. Allerdings habe sich der Trainer auch an die Zusage erinnert, die Lage neu zu bewerten, nachdem sich die Trainingsleistungen gebessert hatten.Nagelsmanns Verhalten rührt an einer wesentlichen Eigenschaft, die einen guten Trainer auszeichnet. Bloss ist nicht ausgeschlossen, dass er dies völlig anders sieht. Nagelsmann ist auch und vor allem ein taktischer Nerd, der gerne Varianten durchspielt, mögen sie auf den ersten Blick auch absurd erscheinen. Wenn es gelingt, hat es den Anschein der Genialität, misslingt es, den Anschein der Scharlatanerie.Nagelsmann spielt gerne Varianten durch – und kann deshalb wankelmütig wirken.Ronald Wittek / EPAHoeness kritisiert Nagelsmann scharfNagelsmann ist ein beständig Ausprobierender, dem die Methode gleich viel wert zu sein scheint wie das Resultat an sich. Dass er dabei ständig zu neuen Erkenntnissen kommt, erklärt vielleicht jene personellen Experimente, die auf den ersten Blick etwas wankelmütig erscheinen.«Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen, dann haben wir eine Chance», sagte Uli Hoeness, der Ehrenpräsident des FC Bayern München, der «FAZ».Hoeness kennt Nagelsmann aus den knapp zwei gemeinsamen Jahren beim FC Bayern. 25 Millionen Euro hatten die Bayern 2021 an Leipzig bezahlt – die höchste Ablösesumme, die je für einen Trainer fällig wurde. Fünf Jahre betrug die Vertragsdauer, länger hatte zuvor nie ein Trainer in München unterschrieben. Das zeigte, wie hoch das Ansehen des damals 33‑jährigen Nagelsmann im deutschen Fussball war.Mit 28 Jahren debütierte er in Hoffenheim, verhinderte den sicher geglaubten Abstieg, konsolidierte die Mannschaft und formte ein Team aus Routiniers, das weit über seinen individuellen Möglichkeiten spielte. Aus dieser Zeit rührt der Ruf des Wunderkindes. Sobald man Nagelsmann zuhörte, vergass man sein Alter. Er kam ohne Floskeln aus, formulierte präzise, und man konnte sich leicht vorstellen, wie er die Spieler für seine Ideen zu begeistern vermag – was ihm offenbar auch in Leipzig gelang. Doch schon früh zeigte sich eine Tendenz, sehr viel zu wollen, etwa als Nagelsmann erklärte, er sei ein glücklicher Mensch, aber er wäre noch glücklicher, wenn er eines Tages den FC Bayern trainieren würde.Als es dann so weit war, geriet der geplante Langzeitaufenthalt zum Intermezzo; Nagelsmann war im herausfordernden Münchner Milieu, das einem Minenfeld gleicht, überfordert. Das Mass war voll, als er sich im März 2023 nach einer Niederlage gegen Leverkusen in den Kurzzeiturlaub verabschiedete. Nagelsmann wurde durch Thomas Tuchel ersetzt, von seiner Entlassung erfuhr er auf der Skihütte im Zillertal.Früher war er souveränerManchen Beobachtern erschien das Verhalten des Trainers in München mindestens kurios. Etwa, dass er mit dem Longboard zum Training kam. Nagelsmann, gerade frisch liiert mit einer ehemaligen Reporterin der «Bild»-Zeitung, wirkte jugendlicher. Allerdings wurde auch gefragt, ob dieses Verhalten angemessen sei für einen Coach, der einen der besten Fussballklubs Europas trainiert.Bisweilen wirkt Nagelsmann, als sei er geblendet von der eigenen Präpotenz. Als der Angreifer Deniz Undav nach seiner Einwechslung im Länderspiel gegen Ghana traf, bescheinigte ihm Nagelsmann, bis zum Treffer kein gutes Spiel gemacht zu haben. Undav setze sich mit Forderungen nach Einsatzzeiten unter Druck. Einen Tag später buchstabierte Nagelsmann zurück und entschuldigte sich bei Undav. «War blöd von mir, tut mir leid», sagte er im Fernsehen. Ein solches Verhalten ist durchaus löblich. Nur entwertete Nagelsmann selber die Geste, indem er preisgab, dass ihn seine Partnerin darin ausdrücklich bestärkt habe.Überlegt wirkt dies nicht. Eher hat es den Anschein, dass Julian Nagelsmann mit 28 Jahren ein weitaus reiferer Trainer war, als er es heute ist. Für das deutsche Nationalteam ist dies eine Bürde an der Weltmeisterschaft.Passend zum Artikel
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