Die Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen den Tengelmann-Chef. Was wusste er über das Verschwinden seines Bruders?Der frühere Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub verschwand vor acht Jahren auf mysteriöse Weise in Zermatt und wurde für tot erklärt. Die Staatsanwaltschaft Köln glaubt, sein Bruder und Nachfolger habe Kenntnisse über den Fall verschwiegen.Sebastian Lange, Berlin20.05.2026, 11.57 Uhr3 LeseminutenDer Tengelmann-Chef Christian Haub wehrt sich gegen den Vorwurf einer falschen eidesstattlichen Versicherung.Lars Heidrich / ImagoAm 7. April 2018 verschwand Karl-Erivan Haub in Zermatt. Der damalige Co-Chef des Handelskonzerns Tengelmann trainierte morgens am Klein Matterhorn für das traditionsreiche Skirennen Patrouille des Glaciers – und kehrte nicht mehr zurück. Vieles an dem Fall ist rätselhaft, und bis heute blühen die Spekulationen: Starb Haub in den Bergen? Oder hat er sich abgesetzt, gar mit einer russischen Geliebten?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Leiche wurde nie gefunden, und neben dem persönlichen Drama, welches das Verschwinden für die Familie bedeutete, hatte der Fall auch Folgen für das Unternehmen: Karl-Erivan Haub wurde für tot erklärt, sein Bruder Christian Haub übernahm nach einem erbitterten Erbstreit mit Karl-Erivans Frau Katrin und dessen Kindern die alleinige Führung des Konzerns. Diesen hatte er zuvor gemeinsam mit seinem Bruder geleitet. Zur Tengelmann-Holding gehören die Baumarktkette Obi und der Textildiscounter Kik.Wie nun bekannt wurde, legte die Staatsanwaltschaft im April beim Landgericht Köln eine 72-seitige Anklageschrift gegen Christian Haub vor. Der Vorwurf: Er habe eine falsche Versicherung an Eides statt abgegeben. Im Kern geht es um den Verdacht, Christian Haub habe in dem Verfahren, in dem sein Bruder für tot erklärt wurde, die Existenz von Aufnahmen einer Überwachungskamera verschwiegen. Die Bilder sollen diesen lebend in Moskau zeigen, und zwar im Jahr 2021.Haub kannte diese Fotos, bezweifelte aber, dass sie seinen Bruder zeigen. Zugleich erklärte er in der von sich aus abgegebenen eidesstattlichen Versicherung, es lägen ihm «keine belastbaren Hinweise» vor, dass sein Bruder noch leben könnte.Wie die «Westdeutsche Allgemeine Zeitung» berichtet, hätten Experten des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen die Aufnahmen der Überwachungskamera untersucht. Sie seien zu einem ambivalenten Befund gekommen: Aufgrund der schlechten Bildqualität lasse sich nicht klären, ob es sich bei der abgebildeten Person um Karl-Erivan Haub handele. Es gebe «sowohl Übereinstimmungen als auch erhebliche Abweichungen».´Die Haub-Brüder im Jahr 2009, von links: Karl-Erivan, Georg und Christian Haub.Sven Simon / ImagoMark Binz, der Anwalt von Christian Haub, sieht laut dem Zeitungsbericht in der Anklage einen «Skandal», er verweist auf den Grundsatz «in dubio pro reo», nach dem Zweifel zugunsten eines Beschuldigten berücksichtigt werden müssen. Juristisch entscheidend ist hier aber womöglich nicht die Echtheit der Fotos – sondern allein die Frage, ob Christian Haub verschwiegen hat, dass er von den Fotos weiss.Das Gericht prüft nun, ob die Anklage zur Hauptverhandlung zugelassen werden kann. Dafür bedarf es eines «hinreichenden Tatverdachts», der die Prognose erlaubt, dass eine Verurteilung wahrscheinlicher ist als ein Freispruch.Eine Journalistin erstattet AnzeigeDas Verschwinden des Unternehmers beschäftigt seit Jahren nicht nur die Justiz. Die für RTL und NTV tätige Investigativjournalistin Liv von Boetticher behauptet nach umfangreichen Recherchen, Karl-Erivan Haub sei in fragwürdige Geschäfte mit «dubiosen Gestalten» in Russland verstrickt gewesen. Boetticher beschränkte sich allerdings nicht nur auf journalistische Nachforschungen: Sie stellte selbst die Strafanzeige gegen Christian Haub, die zu den Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft führte.Das Rätsel um den verschwundenen Unternehmer gewann Ende des vergangenen Jahres noch an Tiefe: Gemäss den von der amerikanischen Regierung veröffentlichten Epstein-Akten kontaktierte Mark Epstein, der Bruder des Sexualstraftäters Jeffrey Epstein, im Jahr 2020 die Walliser Kantonspolizei. Sein Bruder war im Jahr zuvor in einer New Yorker Haftanstalt gestorben, nach offizieller Lesart durch Suizid.Mark Epstein soll einen Zusammenhang zwischen dem Tod seines Bruders und dem Verschwinden von Karl-Erivan Haub nahegelegt haben. Beide, so seine Vermutung, könnten ermordet worden sein. Drei Seiten der Akten befassen sich mit den Ermittlungen der Walliser.Was im April 2018 in Zermatt geschah, dürfte auch ein möglicher Prozess in Köln nicht klären. Verhandelt würde nicht, ob Karl-Erivan Haub in einer Gletscherspalte liegt oder, wie mehrere Medien spekulieren, mit einer russischen Geliebten in Moskau lebt. Es ginge allein darum, ob sein Bruder bei der Todeserklärung die Wahrheit gesagt hat. Das Rätsel um den verschwundenen Unternehmer dürfte noch länger auf seine Lösung warten.Passend zum Artikel
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