In den Onsen gehen Japaner nur mit guten Freunden. Splitternackt und in der Regel geschlechtergetrennt baden sie in den von heißen Vulkanquellen gespeisten Thermalbädern. Insofern gelang Ministerpräsidentin Sanae Takaichi abermals eine im Internet gefeierte Überraschung, als sie zum Abschluss ihres Besuchs in Südkorea am Mittwoch in Aussicht stellte, sie könne den Präsidenten Lee Jae-myung nächstes Mal in einer Stadt mit einem Onsen empfangen. Schon im Januar hatte die Social-Media-begabte Takaichi den Koreaner für ein gemeinsames Schlagzeug-Duett gewonnen.Aus historischen Gegnern werden immer engere Partner. Das sollte auch die Ortswahl der beiden Regierungschefs zeigen. Lee empfing Takaichi mit einer Umarmung in seinem Heimatort, dem ländlichen Andong. Diese Wertschätzung war seine Antwort auf Takaichis Einladung in ihre Heimatstadt Nara während dessen Besuch in Japan im Januar.Es war das erste Mal, dass die beiden Regierungschefs sich in ihren Heimatstädten besuchten – eine hochsymbolische Geste, die auch deshalb nicht selbstverständlich ist, weil beide aus Parteien stammen, in denen das jeweils andere Land besonders kritisch gesehen wurde: Strömungen in Südkoreas Demokratischer Partei beharren auf weiteren Reparationen und Entschuldigungen für die brutale Kolonialzeit unter den Japanern zwischen 1910 und 1945, während Takaichis Liberaldemokratische Partei in ihren nationalistischen Ausprägungen immer noch Kriegsverbrechern die Ehre erweist.China, Trump und der Irankrieg schweißen zusammenDoch die Bedrohung aus China, die Unzuverlässigkeit Amerikas und neuerdings der Irankrieg schweißen Seoul und Tokio enger zusammen. Unter den beiden jeweils erst 2025 ins Amt gekommenen Staatschefs beschleunigt sich dieser Prozess sogar, anders als zuvor von manchen erwartet. Die unter den Vorgänger-Regierungen eingeführte Shuttle-Diplomatie geht weiter. Schon zum vierten Mal trafen sich die beiden jetzt in ihren noch jungen Amtszeiten.Der Präsident beschrieb die beiden Länder in Andong als „strategische Partner bei der gemeinsamen Bewältigung des sich rasch wandelnden internationalen Umfelds“. Takaichi sprach von einer „sich vertiefenden Freundschaft und Vertrauen“. Sowohl Lee als auch Takaichi können sich das dank jeweils hoher Zustimmungsraten im eigenen Land leisten.Realpolitik verdeckt die historischen Belastungen. Neuen Kitt liefert die Energiekrise. Japan bezieht üblicherweise fast alle seine Ölimporte durch die Straße von Hormus, Südkorea mehr als 70 Prozent. Beide Staaten müssen wegen der Blockade der Meerenge eilig neue Lieferanten finden und zehren schon seit Wochen von ihren Notreserven. Auch wichtige Rohstoffe für die Herstellung von Medikamenten, Chemikalien, Kunststoffen und Speicherchips bleiben aus.Zusammenarbeit bei strategischen LieferkettenNun vereinbarten Takaichi und Lee eine engere Zusammenarbeit bei strategischen Lieferketten. Die Sicherung und der Informationsaustausch bei der Rohöl- und Flüssiggasversorgung (LNG) soll intensiviert werden. „Wir sind uns einig, dass die Instabilität der Lieferketten und Energiemärkte durch die Ereignisse im Nahen Osten eine enge bilaterale Zusammenarbeit dringender denn je erforderlich macht“, sagte Lee.Es soll gemeinsame Ölreservelager geben, zudem vereinbarten beide Länder ein Tauschabkommen für Rohöl, Erdölprodukte wie Kerosin sowie LNG. Auch in der Sicherheitspolitik, der Künstlichen Intelligenz und in weiteren Wirtschaftsfragen wolle man stärker kooperieren.„Die Welt steht vor großen Herausforderungen“, sagte Lee. „Gerade jetzt sind Zusammenarbeit und Kommunikation zwischen gleichgesinnten Ländern wichtiger denn je“, fügte er hinzu. „Die Möglichkeiten für die koreanisch-japanische Partnerschaft sind künftig grenzenlos.“Gemeinsamer Blick auf AmerikaAuch die trilaterale Zusammenarbeit mit den USA wollen beide bewahren. Zwar sind die Vereinigten Staaten unter Präsident Donald Trump sowohl für Japan als auch Südkorea zu einem unsteten Partner geworden. Mit großer Sorge wurde in beiden Ländern vernommen, wie Trump nach seinem Peking-Besuch amerikanische Waffenlieferungen an Taiwan zu einer „guten Verhandlungsmasse“ in einem möglichen Handelsabkommen mit Peking degradierte.Doch gilt es als ein Zeichen traditioneller Verbundenheit, dass Trump kurz nach seinem China-Besuch sowohl Lee als auch Takaichi anrief und sie von den Gesprächen in Peking unterrichtete. Südkorea und Japan sind in Sicherheitsfragen von den USA abhängig, die jeweils Zehntausende Soldaten in den Ländern stationiert haben, deren Präsenz aber Trump immer wieder in Frage gestellt hat. Im Zuge des Irankriegs ließ er Truppen und Waffensysteme aus beiden Ländern in die Golfregion verlegen.Aufwertung der gemeinsamen SicherheitspolitikSeoul und Tokio teilen die Sorgen vor dem zunehmend selbstbewusst und aggressiv auftretenden China. Ein Krieg um Taiwan wäre für beide Länder schon deswegen eine Katastrophe, weil eine Blockade der Meerenge zwischen der Inselrepublik und der Volksrepublik ihre wichtigste Handelsroute für Rohstoffimporte und Warenexporte behindert. Auch auf Nordkoreas nukleare Aufrüstung und dessen Unterstützung durch Russland und China blicken beide mit Sorge. Vor diesem Hintergrund vereinbarten beide Länder eine Aufwertung ihrer sicherheitspolitischen Gesprächskanäle auf stellvertretende Ministerebene.Bei allem Gleichklang kristallisierte sich in der Haltung gegenüber Peking allerdings ein Unterschied heraus. Lee sagte laut der japanischen Nachrichtenagentur Kyodo im Beisein Takaichis, es sei für Südkorea, China und Japan wesentlich, „einander zu respektieren, zusammenzuarbeiten und gemeinsame Interessen zu verfolgen“, um echten Frieden und Stabilität in der Region zu erreichen. Japans Ministerpräsidentin dagegen fand keine Worte, die auf eine Beruhigung des zerrütteten Verhältnisses zwischen Tokio und Peking deuten.