Nach rund vier Jahren Vorbereitung macht die größte US-Bank Ernst. Vom 20. Mai an können Kunden mit Chase sparen. Unter diesem Namen bietet J.P. Morgan nun eine Banking-App für das Smartphone an. Dort gibt es zunächst nur ein Angebot für Tagesgeld, also für jeden Tag verfügbares Erspartes. Wer Geld auf ein Tagesgeldkonto von Chase legt, bekommt einen sehr hohen Zins von vier Prozent monatlich ausgezahlt – allerdings nur während der ersten vier Monate. Dies teilte die US-Bank zum Marktstart mit.Nach vier Monaten sinkt der Tagesgeldzins auf zwei Prozent, also auf das Niveau, das aggressive Wettbewerber wie Trade Republic auch bieten, mit dem Banken allein aber kaum Geld verdienen, weil es auf Höhe der EZB-Leitzinsen liegt. Bis zum Jahr 2028 soll die Angebotspalette von Chase daher ausgebaut werden. Geplant sind: ein Girokonto mit Debitkarte, Investmentlösungen wie ETF-Sparpläne, Aktienkauf- und -verkauf und das Altersvorsorgedepot sowie Konsumentenkredite etwa für Immobilienerwerb oder Autokauf. Eine Kreditkarte ist zunächst nicht vorgesehen.Kampfansage an Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken – und INGIm Gespräch mit der F.A.Z. gibt sich Deutschlandchef Llano Manibardo, der nach sieben Jahren als Privatkundenvorstand der ING Deutschland im April 2025 zu J.P. Morgan stieß, selbstbewusst: „Ich sehe keinen Grund, warum Chase nicht zu einer der führenden Privatkundenbanken in Deutschland werden könnte, mit dem, was wir alles planen. Das wird sicherlich Zeit brauchen, aber wir haben die Entschlossenheit, es zu erreichen.“Deutschlandchef von Chase: Daniel Llano ManibardoMartin JoppenDas ist eine Kampfansage an alle Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken im Lande, die oft nur mickrige Zinsen auf Tagesgeld bieten und deren Kunden für das Wertpapiergeschäft zunehmend zu günstigeren Digitalbrokern wie Trade Republic und Scalable Capital abwandern. Der J.P.-Morgan-Konzern hat allerdings mit einem Jahresbudget von 17 Milliarden Dollar allein für IT und Künstliche Intelligenz (KI) eine ganz andere Wucht. Chase greift auch ING Deutschland an, Llano Manibardos früheren Arbeitgeber, der mit ING (Diba) und attraktiven Tagesgeldzinsen hierzulande groß geworden ist und inzwischen hinter der Deutschen Bank (inklusive Postbank) mit Spargeldern von rund 150 Milliarden Euro auf Augenhöhe mit der Commerzbank liegt.BBVA und Crédit Agricole buhlen schon um deutsche SparerJ.P. Morgan zuvorgekommen sind andere Auslandsbanken wie die spanische BBVA und die französische Bank Crédit Agricole, die seit wenigen Monaten mit attraktiven Zinsangeboten allein über digitale Wege Privatkunden in Deutschland anlocken. Crédit Agricole etwa hat sich gerade zum Ziel gesetzt, seinen Einlagenbestand bis zum Jahr 2028 hierzulande auf 30 Milliarden Euro zu verdoppeln. Auf die Frage, ob Chase ehrgeiziger oder weniger ehrgeizig sei, antwortet Llano Manibardo: „Wir denken nicht in wenigen Jahren, sondern in Jahrzehnten. Wir sind überaus ehrgeizig auf sehr lange Sicht.“ Und dass es mehr als drei Jahre gedauert hat bis zum Start, erklärt er so: „Chase ist schon in den USA und in Großbritannien aktiv, aber Deutschland ist unser erster Privatkundenmarkt in der EU. Das erfordert zu Beginn ein höheres Maß an Investitionen und Aufwand als bei anderen, europäischen Bankengruppen.“Obwohl J.P. Morgan schon seit vielen Jahrzehnten in Deutschland als Firmenkundenbank und im Kapitalmarktgeschäft aktiv ist und sich gemessen an der Bilanzsumme schon unter den fünf größten Banken in Deutschland befindet, macht sich Llano Manibardo indes wenig Illusionen über die noch geringe Bekanntheit. „Wir werden gerade im ersten Jahr signifikant in unsere Marke investieren, um Chase in Deutschland bekannt zu machen.“ Signifikant bedeute Millionen an Euro in Werbung auf allen Kanälen, erklärt er auf Nachfrage.Goldman Sachs scheiterte mit „Marcus“Aufwand entsteht etwa wegen Geldwäschevorschriften, die zum Beispiel die Neobank N26 so schlecht erfüllte, dass sie in der Vergangenheit immer wieder Ärger mit der Finanzaufsicht Bafin bekam. Außerdem müssen Berichte zu Steuerzahlungen auf Zinsen, mit denen sich Anleger beim Fiskus möglicherweise Geld zurückholen können, den Kunden von Banken bereitgestellt werden. Dass derartige Regeln für ein Finanzinstitut mit Sitz außerhalb der EU nicht einfach zu erfüllen sind, hat vor nicht allzu langer Zeit Goldman Sachs gezeigt. Diese renommierte US-Bank musste ihre Pläne für eine Privatkundenbank in Deutschland 2022 nach ebenfalls rund vier Jahren Vorbereitung aufgeben. Dabei war das Projekt immerhin „Marcus“ getauft worden, benannt also nach dem in die USA ausgewanderten Bankgründer Markus Goldmann. Dieser später in der neuen Heimat Marcus Goldman Genannte wird just an diesem Wochenende in seiner alten Heimat mit einem Festakt geehrt, wenn am 23. Mai im unterfränkischen Trappstadt eine Ehrentafel enthüllt wird.Hunderte Testkunden haben die Chase-Banking-App in den vergangenen Monaten laut J.P. Morgan getestet.ChaseAuch um das Privatkundengeschäft von J.P. Morgan rankten sich immer einmal wieder Berichte über ein mögliches Scheitern, seitdem die Pläne der Bank erstmals im Jahr 2021 bekannt wurden. Dem wurde oft mit Verweis auf die erfolgreiche Expansion in Großbritannien widersprochen, wo es Chase seit dem Jahr 2021 gelang, in wenigen Monaten 2,5 Millionen Kunden zu gewinnen. Dabei bot die Bank neben hohen Tagesgeldzinsen „Benefits“ wie den Zugang zu Fußballspielen der Männer-, Frauen- und Jugendnationalmannschaften durch Partnerschaften mit allen vier britischen Fußballverbänden. Außerdem gab es beim Einsatz der Kreditkarte Gutschriften. In Deutschland indes, dem „Land der Sparer“, steht die Kreditkarte zunächst gar nicht im Fokus.Als er vor gut einem Jahr zu J.P. Morgan gekommen sei, habe er die bisherigen Geschäftspläne nicht umschmeißen müssen, beteuert Llano Manibardo. Es sei seitdem um „Aufbau und Testen“ gegangen. Wie der Deutschlandchef erzählt, ist die Zahl der Beschäftigten am Sitz in Berlin seit einem Jahr um 60 auf 160 angewachsen. Mit Hunderten von Testkunden hat J.P. Morgan ausprobiert, wie es funktioniert, ein Konto zu eröffnen. Neben dem Video-Ident-Verfahren – bei dem man sein Ausweisdokument in die Computerkamera hält – habe sich die eID als gutes Legitimationsverfahren erwiesen, also die Onlineausweisfunktion des Personalausweises. Marktforschung habe auch ergeben, dass digitalaffine Privatkunden viel Wert auf Service legten. Tatsächlich hat der Neobroker Trade Republic wegen schlechter Erreichbarkeit Kundenvertrauen eingebüßt und erst vor Kurzem mit Investitionen in einen besseren Kundenservice eine Kehrtwende vollzogen.Chase will von Anfang an mit einem guten Kundenservice punkten. Über die App soll Kunden bei Fragen sowohl telefonisch als auch per Chat geholfen werden. Dies treibe die Kosten nur leicht. Denn J.P. Morgan ziele auf die Kundengruppe der Selbstentscheider, die im Digitalen möglichst allein klarkämen. Nur wenn die App nicht gut funktioniere, werde von solchen Kunden der Service bemüht, meint Llano Manibardo. Er ist sich aber sicher: „Wir haben lange gebaut und viel getestet. Unsere Banking-App wird leicht zu bedienen sein.“