KI, die für uns autonom einkauft, Emails beantwortet und Urlaube bucht: An seiner Entwicklerkonferenz präsentiert Google, wie es KI-Agenten nun auf den Massenmarkt bringen will. Und auch eine neue smarte Brille erwartet die Nutzer.20.05.2026, 05.29 Uhr5 LeseminutenBesucher auf der Google's I/O 2026 Entwicklerkonferenz in Mountain View, Kalifornien.Manuel Orbegozo / ReutersJahreszeiten gibt es in Nordkalifornien nicht wirklich, vielmehr ist das Frühjahr im Silicon Valley die Saison der Entwicklerkonferenzen: Die grössten Tech-Konzerne unserer Zeit lassen sich dann in den Maschinenraum blicken wie an einem Tag der offenen Tür. Im Zeitalter der künstlichen Intelligenz gleichen diese Konferenzen einem Kräftemessen: Ob Anthropic, Apple oder Meta, jede der Firmen will beweisen, dass sie bei der Schlüsseltechnologie die Nase vorne hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei die Konferenz von Google: Schliesslich war es der Suchmaschinen-Konzern, der die derzeitige KI-Revolution durch Grundlagenforschung wesentlich geprägt hat. Doch auch Google muss beweisen, wie es mit Produktneuheiten an der Vorreiterrolle festhalten will.Dieses Kopf an Kopf-Rennen der grossen KI-Firmen war allgegenwärtig, als der CEO Sundar Pichai am Dienstagmorgen vor etwa 6000 Gästen auf die Bühne im Shoreline Amphitheater in Mountain View trat. Die Geschwindigkeit, mit der sich KI zurzeit weiterentwickelt, sei atemberaubend: «Wir leben in einer Ära des Hyper-Fortschritts», sagte der 53-Jährige, wie immer leger gekleidet mit Sneakers und dunkelblauer Strickweste. Im vergangenen Jahr hätten sich die monatlichen Token-Anfragen an Google mehr als versiebenfacht auf 3,2 Trillionen. (Ein Token ist die digitale Masseinheit, in die KI-Modelle jede Textanfrage zerlegen und mit der man die anfallende Rechenlast quantifiziert.)«Die Leute wollen aber auch den echten Mehrwert in den Produkten sehen, die sie nutzen», sagte Pichai. Wie dieser Mehrwert künftig erreicht werden soll, darauf gaben er und das Top-Management in den folgenden zwei Stunden eine klare Antwort: «Wir beginnen über ganz Google hinweg die neue Ära der Agenten.»Agenten sollen uns beim Handeln helfenKI-Agenten sind autonom handelnde Systeme, die selbständig planen, entscheiden und aktiv werden, um ein Ziel zu erreichen – ganz ohne menschliche Zwischenschritte. Seit mehreren Monaten sind sie die Avantgarde in der KI-Revolution, doch vielen gelten sie als nicht ausreichend sicher und zuverlässig genug für den durchschnittlichen Nutzer.Doch nun will Google die Agenten auf den Massenmarkt bringen. Man bewege sich weg von KI-Modellen, die für uns Schreiben, hin zu Agenten, die für uns handelten, fasste es ein Manager zusammen.Konkret kommen die Agenten nun, erstens, in die Google-Suche: Eine neue Funktion namens Spark soll die Internetsuche personalisieren. Man kann etwa Agenten damit beauftragen, den Finanzmarkt auf ganz spezialisierte Bewegungen hin zu analysieren; oder im Internet nach einer Mietwohnung zu suchen, die bestimmte Kriterien erfüllt; oder Konzertkarten eigenständig zu kaufen, sobald diese verfügbar sind. Der Agent arbeitet rund um die Uhr im Hintergrund und informiert den Nutzer, sobald der Auftrag abgeschlossen ist. «Sie können den Laptop in der Zwischenzeit zumachen», sagte Pichai.Ebenso sollen die KI-Agenten künftig, zweitens, das Einkaufen verändern: In Zusammenarbeit mit Walmart, Target, Amazon und andere grossen amerikanischen Detailhändlern stellte Google eine neue Shopping-Funktion vor, die Agenten dafür nutzt, vordefinierte Einkäufe zu erledigen. Die KI tätigt dabei auch die Bezahlung, weil sie auch auf Kreditkarten zugreifen kann. Sie kann dem Kunden sogar empfehlen, welche Kreditkarte bei der jeweiligen Transaktion die meisten Vorteile bringt.Um zu verhindern, dass die Agenten etwas kaufen, was der Nutzer gar nicht will, kann man vorher Preisgrenzen definieren. «Die Macht des agentischen Einzelhandels ist nun hier und liegt nicht mehr in einer fernen Zukunft», sagte Liz Reid, die für die Google Suche zuständige Managerin.Agenten können aber auch sehr komplexe Programmieraufträge erfüllen, nämlich mit der, drittens, neu geschaffenen Plattform Antigravity: Programmierer können dort komplexe Software in Auftrag geben und sich nicht mehr wie bisher nur einzelne Zeilen von Code generieren lassen. Auf der Bühne zeigte der zuständige Manager Varun Mohan, wie Antigravity mithilfe von 93 Sub-Agenten ein komplettes neues Betriebssystem innerhalb von zwölf Stunden schrieb.Neues, effizienteres KI-Modell Gemini 3.5 Flash«Wir stehen noch ganz am Anfang wenn es darum geht, Agenten wirklich sicher und einfach zum Bedienen zu machen», gab der CEO Pichai zu, und betonte trotzdem immer wieder: «Wir sind nun mit beiden Füssen in diesem neuen Zeitalter angekommen.»Eine Schlüsselrolle in dieser neuen Ära spielt ein neues KI-Modell namens Gemini 3.5 Flash, das der Konzern in den kommenden Tagen lanciert. Dieses beantworte Anfragen deutlich effizienter und brauche nur ein Drittel der Token, die die Modelle der Konkurrenz dabei verschlängen, sagte Pichai mit einem Seitenhieb gegen die anderen KI-Firmen. «Für uns hier bei Google intern war es ein Game Changer». Kunden könnten dank dem neuen Google-Modell enorme Geldsummen sparen.Interessanterweise stellt Google viele der neuen KI-Agenten nur Nutzern zur Verfügung, die für ein höherpreisiges KI-Abo von Google zahlen, nämlich für Gemini Pro (20 Dollar pro Monat) oder gar Gemini Ultra (ab 100 Dollar pro Monat). Damit macht der Konzern deutlich, dass das Gratis-Zeitalter zu Ende sei: Wer künftig die neuesten KI-Funktionen nutzen will, muss dafür zahlen.Es ist ein Geschäftsmodell, dass auch andere KI-Firmen wie Open AI und Anthropic zunehmend verfolgen: Die KI-Landschaft teilt sich in ein mittelmässiges Gratisangebot für die Masse und ein Premiumangebot für Zahlende.Doch die Fortschritte in der KI bringen auch Probleme mit sich – etwa mit Blick auf Fälschungen. Nutzer würden nur in einem von vier Fällen Deep Fake-Videos und Fotos als solche erkennen, sagte Demis Hassabis, der Googles KI-Hub Deep Mind leitet. Aus diesem Grund habe Google eine Art Wasserzeichen entwickelt, mit dem Nutzer KI-generierte Bilder und Videos nun als solche identifizieren könne: Nutzer können die KI direkt fragen, ob etwas authentisch sei, oder mit der rechten Maustaste im Chrome-Browser auf ein fragwürdiges Bild klicken.Der neuen «synthetischen ID», wie die Funktion heisst, haben sich auch andere führende KI-Firmen wie Nvidia, Open AI und Elevenlabs angeschlossen. «Es ist eine Industrie-übergreifende Zusammenarbeit, mit der wir die Transparenz im Zeitalter der KI fördern wollen», sagte Hassabis.Eine neue KI-Brille, die dem Nutzer ins Ohr flüstertAm Ende des rund zweistündigen Events präsentierte Google noch ein KI-Produkt, das viele Nutzer sehnsüchtig erwarten: eine neue KI-Brille. Google hat eine schwierige Vergangenheit mit solchen Brillen, hatte der Konzern doch vor 14 Jahren als erster die smarten «Google Glasses» vorgestellt, die sich letztlich als Reinfall erwiesen hatten.Die neue smarte Brille, die Google an seiner Entwicklerkonferenz vorstellte, spricht dem Nutzer ins Ohr.Manuel Orbegozo / REUTERSDoch Brillen sind im Zeitalter der KI eine zunehmend wichtige Produktkategorie, die Konkurrenten Meta, Apple und mutmasslich Open AI tüfteln ebenfalls alle an solchen «smart glasses».Ab Herbst, so wurde am Dienstag bekannt, wird nun Google seine erste Version einer neuen smarten Brille auf den Markt bringen, die es gemeinsam mit Samsung entwickelt hat. In einer ersten Version soll das Produkt zunächst nur über eine KI-Audio-Funktion verfügen, bei der die Brille sieht und hört, was der Nutzer wahrnimmt, und sich mit ihm darüber unterhalten kann. So hilft die KI etwa beim Kochen, erstellt Fotos oder übersetzt Gespräche in Echtzeit.Auch hier kommen die neuen Agenten zum Zug: Bei einer Vorführung auf der Bühne konnte die smarte Brille für den Nutzer eigenständig einen Kaffee im Lieblingscafe bestellen und bezahlen.Im nächsten Jahr soll die smarte Brille dann um einen kleinen Bildschirm in einem Brillenglas ergänzt werden, der dem Nutzer Informationen ins Sichtfeld projiziert. Für das Design der Brillen arbeitet Google mit den Brillendesignern von Warby Parker und Gentle Monster zusammen. «Es ist beeindruckend zu sehen, wie weit wir inzwischen mit Brillen gekommen sind», sagte Hassabis.Passend zum Artikel