Jahrelang blieb sie verschlossen und moderte vor sich hin. Nun erstrahlt eine der schönsten Bibliotheken Europas in neuem Glanz. Dahinter steckt eine Geschichte, wie sie kein Drehbuchautor hätte erfinden können.Via Duomo 114, mitten im Gewirr der Gassen: Hier ruhen fünfhundert Jahre europäische Kulturgeschichte – und kaum jemand nimmt Notiz davon. Die Touristen strömen in den Dom gleich gegenüber, lassen sich dort die schöne Geschichte auftischen von der angeblich spontanen und sich dreimal jährlich wiederholenden Verflüssigung des geronnenen Blutes des Stadtheiligen Gennaro. Danach wenden sie sich alsbald einer Pizza Margherita zu, deren ursprüngliche Erfindung gleich mehrere Pizzerien hier für sich beanspruchen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Neapel ist eine Stadt im permanenten Ausnahmezustand. Alles ist eine Spur opulenter als anderswo, auch die Geschichten, die man sich selbst und den Besuchern gerne erzählt. Viele davon sind Legenden, andere bewegen sich näher an der Wahrheit. Diese hier, die Geschichte einer kriminellen Bücherliebe, gehört zu den wahren. Doch der Reihe nach.Ein versteckter Garten im Herzen Neapels: der Kreuzgang des Chiostro degli Aranci, der zum Girolamini-Gebäudekomplex gehört. Bald wird er öffentlich zugänglich sein.Wie in der Sixtinischen Kapelle in RomVor wenigen Wochen sind im Palazzo an der Via Duomo 114 die Türen wieder aufgegangen, nachdem sie jahrelang verschlossen gewesen waren. Die etwas heruntergekommene und durch ein Baugerüst teilweise verstellte Fassade des Gebäudes lässt nicht erahnen, dass sich hier der Eingang zu einem einzigartigen Stück Stadt befindet.«Wir sprechen von 12 000 Quadratmetern, verteilt auf sieben Ebenen», sagt Antonella Cucciniello. Die Kunsthistorikerin leitet seit 2020 den ganzen Gebäudekomplex. Dazu zählen zwei mittlerweile stillgelegte Klöster, eine Barockkirche, die den Vergleich mit dem nahen Dom nicht zu scheuen braucht, eine riesige, demnächst zugängliche Gemäldesammlung mit Meisterwerken aus dem 16. und dem 17. Jahrhundert sowie, als Herzstück, die Biblioteca Girolamini.Bücherfreunden stockt der Atem, wenn sie die grosszügige Treppe hinaufgehen und die Sala Vico besuchen. Es ist ein Gefühl, als würde man zum ersten Mal die Sixtinische Kapelle betreten, allein und ohne Touristenmassen. Ein grosser hoher Raum, über den sich eine üppig bemalte Decke spannt, warmes Licht, das durch die gelben Fensterscheiben dringt, kleine Staubpartikel, die in den Strahlen tanzen. An den Wänden reich verzierte Büchergestelle mit wertvollen Büchern aus allen Sparten der Wissenschaft.«Es ist eine Schatzkammer und auch architektonisch ein Juwel», schwärmt Cucciniello. Die Bibliothek enthält unter anderem eines der wichtigsten Archive barocker Kirchenmusik sowie die Büchersammlung des Rechtsgelehrten Giuseppe Valletta (1636 bis 1714), die auf Drängen des grossen neapolitanischen Philosophen Giambattista Vico (1668 bis 1744) hier untergebracht wurde. Vico zählte zu den eifrigsten Besuchern der Bibliothek, nach ihm wurde später der Hauptsaal benannt.«Die Sammlung Valletta hat die süditalienische Intelligenzia jener Jahre geprägt», sagt die Direktorin. Neapel zählte im 18. Jahrhundert zu den intellektuell und kulturell bedeutendsten Metropolen Europas und war nach London und Paris die drittgrösste Stadt des Kontinents. Wer die Biblioteca Girolamini besucht, kann sich ein Bild jener glänzenden Jahrzehnte machen.Die alten Bestände und Kunstwerke werden sorgfältig digitalisiert. Im Bild links erfasst ein mit einer Spezialkamera ausgerüsteter Mitarbeiter die Details einer Skulptur in der Chiesa dei Girolamini. Bild rechts: Antonella Cucciniello, die Direktorin des Gebäudekomplexes in Neapel.Geplündert, vom eigenen DirektorDie kürzliche Wiedereröffnung war denn auch eine Feierstunde für die Stadt, für das Land – «für die westliche Kultur überhaupt», wie Cucciniello sagt. Gleichzeitig tauchten die Geister der Vergangenheit wieder auf und damit die Erinnerungen an die dunkle jüngere Geschichte des Hauses.1943 wurde es durch die Bombardements der Alliierten schwer getroffen, 1980 beschädigte es das grosse Erdbeben in der Region. 2011 und 2012 schliesslich geriet die Girolamini in den Strudel eines beispiellosen Verbrechens – begangen vom eigenen Direktor, Marino Massimo De Caro.De Caro hatte die Bibliothek, die ihm vom Kulturministerium anvertraut worden war und die er zu neuer Blüte hätte führen sollen, hemmungslos ausgeweidet. Der «Fall Girolamini» ging in die Annalen ein als einer der spektakulärsten Diebstähle von Kulturgut. Mehr als 2500 jahrhundertealte Werke hatte De Caro aus der Bibliothek entwendet, um sie auf dem Schwarzmarkt und in internationalen Buchauktionen zu verkaufen. 2012 beschlagnahmte die Polizei allein in einem Auktionshaus in München über 500 Bücher im Wert von 2,5 Millionen Euro aus der Neapolitaner Sammlung; 2015 wurden sie an den italienischen Staat zurückgegeben.Der unterdessen 53-jährige De Caro wurde 2012 verhaftet und später zunächst zu sieben Jahren Haft und danach in einem weiteren Verfahren zu zusätzlichen fünf Jahren Haft verurteilt, die er teilweise in Hausarrest verbüsste. Die Bibliothek in Neapel blieb fortan geschlossen. De Caro hat die Taten gestanden, gleichzeitig aber stets betont, dass er die Werke nur verkauft habe, um mit dem Erlös den Wiederaufbau der Bibliothek zu finanzieren – ein Robin Hood der Bibliophilie, gewissermassen. Oder ein «Robin Books», wie er sich selbst einmal nannte.Von zahlreichen der entwendeten Bücher fehlt nach wie vor jede Spur. «Vieles ist verlorengegangen und wird vielleicht nie mehr auftauchen», sagt Cucciniello. «Wenn beispielsweise aus einem besonders reich verzierten Band Einzelblätter entnommen und auf dem Schwarzmarkt verkauft wurden, ist es sehr schwierig, sie zu finden.» Aber die Suche gehe weiter, es handle sich um kriminalistische Arbeit, bei der die Bibliothek von anderen Institutionen unterstützt werde.Grosse Barockkunst in der Girolamini-Kirche: Die Skulpturen der Heiligen Simon und Bartholomäus stammen von Pietro Bernini, dem Vater des vor allem in Rom allgegenwärtigen Künstlers Gian Lorenzo Bernini.Büchernarr, Hochstapler, FälscherDie Umstände der Taten De Caros und sein Leben wären Stoff für einen Roman: die Welt der alten Bücher, kostbare Manuskripte, eitle Männer, Macht – eine Kulisse nach Art von Umberto Eco.Dass De Caro überhaupt in das Amt des Direktors gewählt wurde, ist erstaunlich genug. De Caro weist keinen universitären oder vergleichbaren Abschluss auf, vielmehr hatte er sich als Büchernarr, Fälscher und Hochstapler betätigt und sich dabei einen Weg in höchste Kreise gebahnt.Mit dem argentinischen Kurienkardinal Jorge María Mejía, dem früheren Verantwortlichen der vatikanischen Archive und Bibliotheken, pflegte er eine Freundschaft, die er auch für zweifelhafte Büchertransaktionen nutzte; mit Marcello Dell’Utri, einem Freund Silvio Berlusconis mit mutmasslichen Verbindungen zur Mafia, teilte er die Leidenschaft für wertvolle Bücher. Dell’Utri war es auch, der De Caro zu einer Anstellung erst im Agrar- und dann im Kulturministerium in Rom verhalf.Sein Gesellenstück als krimineller Büchernarr war freilich die Fälschung des «Sidereus Nuncius» von Galileo Galilei, jener berühmten Abhandlung, mit der Galilei seinen Ruf als Astronom begründete. Die Fälschung war so gut, dass ein Teil der Fachwelt darauf hereinfiel und sie als authentisch adelte. 2005 verkaufte De Caro das von ihm in aufwendigster Arbeit eigenhändig gefälschte Buch für 500 000 Dollar an einen Antiquar in New York. Erst später flog die Sache auf.Eine Internetrecherche hätte genügt, um das dubiose Vorleben von Marino Massimo De Caro zu erkennen. Doch dafür interessierte sich im Römer Kulturministerium offenbar niemand. Stattdessen hievte man den Mann 2011 auf den Posten des Verantwortlichen der Girolamini-Bibliothek in Neapel.Ein Podcast der RAI, in welchem De Caro selbst ausführlich zu Wort kommt, zeichnet dessen bemerkenswerte «Karriere» nach: Seine frühe Faszination für die Welt der Bücher, die sich zum Fetischismus ausweitet; die spätere Erkenntnis, dass der Besitz von Büchern unter Umständen auch zu Einfluss und Geld verhilft; seine kriminelle Energie; die narzisstische Kränkung desjenigen, der sich selbst als Galileo-Experten sieht, sich aber vom Establishment zurückgesetzt fühlt.Eine Besucherin studiert die derzeit in der Sala Vico ausgestellten wertvollen Bände aus der Büchersammlung von Andrea Matteo III Acquaviva, einem Fürsten und Vertreter der süditalienischen Renaissance.Eines der ausgestellten Werke aus der Sammlung Acquaviva.Dass er schliesslich aufflog und seine Welt zusammenbrach, ist dem Sieneser Kunsthistoriker Tomaso Montanari zu verdanken, der sich im Frühling 2012, einem Hinweis folgend, auf die Reise nach Neapel an die Via Duomo 114 aufmacht und dort ein Bild des Verfalls vorfindet. Er schreibt darüber einen Artikel in der Zeitung «Il Fatto Quotidiano».«Was ich an jenem unvergesslichen Morgen sah, übertraf jede Vorstellung», fasst er später in einem Buch zusammen. «Ich traf den ‹Professor› De Caro (wie er sich gerne nennen liess), wie er ganz in das Blättern in den wertvollsten Bänden der Sammlung versunken war, zwischen Stapeln alter und kostbarer Bücher, die auf dem Boden lagen, leeren Coca-Cola-Dosen, einem hübschen ukrainischen Mädchen, das sich mit ihm die Klosterunterkunft teilte, und einem deutschen Schäferhund, der mit einem riesigen Schinkenknochen im Maul durch die monumentalen Säle der Bibliothek streifte.»Es war ein Bild des Niedergangs, des Verfalls, der Obszönität – und gleichzeitig ein Weckruf. Die Justiz wurde aktiv, De Caro erhielt bald seine Strafe.Vierzehn Jahre später kehrt das Leben an die Via Duomo 114 zurück. Dort, wo De Caro und seine Mitstreiter nachts ihr Diebesgut in kleine Lieferwagen packten, sind jetzt Bauarbeiter am Werk.Der Staat holt nach, was man in all den Jahren verpasst hat: Der Gebäudekomplex wird mit europäischen Fördermitteln renoviert, die Bestände und Kunstwerke werden systematisch erfasst und digitalisiert. Schritt für Schritt wird das Areal zugänglich gemacht. Einige Lücken bleiben, aber Neapel ist um eine Geschichte reicher. Eine wahre.Eine Büste von Papst Benedikt XIII. ziert die Bücherregale in der Sala Vico.Passend zum Artikel