GastkommentarHerbert WulfDas Sicherheitsbedürfnis wird zum NachhaltigkeitszielDie Aktien der europäischen Rüstungsindustrie befinden sich im Höhenflug. Die Waffenhersteller, einst die Schmuddelkinder des Industriesektors, wurden durch die Reaktionen auf den Ukraine-Krieg zur Lieblingsbranche der Investoren. Selbst ESG-Investitionen sind jetzt gefragt.20.05.2026, 05.25 Uhr3 LeseminutenDie Auftragsbücher der Rüstungsindustrie sind prall gefüllt.Morris MacMatzen / GettyDas Stockholmer Internationale Friedensforschungsinstitut (Sipri) hat Ende April mitgeteilt, dass die Weltmilitärausgaben 2025 auf 2887 Milliarden US-Dollar angestiegen seien – der höchste jemals registrierte Wert. Bemerkenswert war die Tatsache, dass die grössten Zuwächse im letzten Jahr in Europa zu verzeichnen waren. Der russische Angriff auf die Ukraine hat zu einem bislang ungekannten Aufrüstungsschub geführt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Inzwischen sind die Auftragsbücher der Rüstungsindustrie prall gefüllt, das spiegelt sich auch in den Börsenkursen der zehn grössten europäischen Rüstungsfirmen, von denen neun börsennotiert sind. An der Spitze liegen mit über 1000 Prozent Kursanstieg in gut vier Jahren Rolls-Royce aus Grossbritannien und Rheinmetall aus Deutschland.Greenwashing und PeacewashingAuch sogenannt nachhaltige Investitionen in die Rüstungsindustrie haben in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Investitionen etwa in Waffen oder Kohle waren einst von den als nachhaltig klassifizierten Investitionen ausgeschlossen. Jetzt werden die Nachhaltigkeitskriterien für die Rüstungsindustrie in Europa aufgeweicht. Massgeblich sind dabei drei Akteure: die Rüstungsindustrie und ihre Verbände, die EU-Kommission sowie die Finanzbranche.Der Verband der europäischen Rüstungsindustrie Aerospace, Security and Defence Industries Association of Europe betonte bereits in einer Stellungnahme im Oktober 2021 die besondere Nachhaltigkeit ihrer Produkte: Es bestehe ein untrennbarer Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Verteidigung, sei doch Verteidigung ein entscheidender Bestandteil von Sicherheit, Frieden sowie Wohlstand und damit auch von wirtschaftlicher und sozialer Entwicklung. Dabei beruft sich der Verband auf Ziel 16 (Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen) der Uno-Ziele für nachhaltige Entwicklung.Rüstungsfirmen haben längst erkannt, dass sie ihr Image als saubere, ökologisch, sozial und ethisch korrekte Branche pflegen müssen. Die grösste deutsche Rüstungsfirma Rheinmetall schreibt auf ihrer Website, dass «die Ausrichtung auf Nachhaltigkeit integraler Bestandteil der Rheinmetall-Strategie» sei und dass das Unternehmen bis 2035 CO2-Neutralität erreichen wolle. MBDA, der grösste europäische Raketen- und Drohnenhersteller, hebt die besondere Verantwortung für die Bevölkerung und den Planeten hervor und hat sogar ein ESG-Komitee etabliert. Und Rolls-Royce, der «top performer» der grossen Rüstungsfirmen, will bis spätestens 2050 das Netto-Null-Ziel erreichen.EU-Kommission und FinanzbrancheDer zweite wichtige Protagonist für den Trend zur Öffnung der Rüstungsindustrie für grüne und nachhaltige Investitionen ist die EU-Kommission. Im Oktober 2023 teilte sie im Amtsblatt der EU mit, die Kommission erachte es als notwendig, «allen strategischen Sektoren und insbesondere der Verteidigungsindustrie, die zur Sicherheit der europäischen Bürgerinnen und Bürger beiträgt, den Zugang zu Finanzmitteln und Investitionen auch aus dem privaten Sektor zu sichern».Und natürlich zeigt auch die Finanzbranche selbst grosses Interesse, denn die Rüstungsindustrie verspricht profitable Investitionen. Im Jahr 2024 veränderte der deutsche Bundesverband Investment und Asset Management (BVI) das Regelwerk für nachhaltige Finanzprodukte. Der Grund, so schreibt das «Manager-Magazin», waren die veränderten geopolitischen Rahmenbedingungen: Bis Ende 2024 blieben Anlagen in Unternehmen, die mehr als 10 Prozent ihrer Umsätze aus Herstellung oder Vertrieb von Rüstungsgütern erzielen, von nachhaltigen Finanzprodukten ausgeschlossen. Nun sind nur noch Investitionen in Hersteller völkerrechtlich geächteter Waffen untersagt (Antipersonenminen, Streumunition, chemische und biologische Waffen). Alle übrigen Rüstungsgüter – Atomwaffen und Artillerie, Kriegsschiffe und Kampfflugzeuge, Drohnen und Raketen, Panzer und Gewehre – werden damit als nachhaltig deklariert. Jetzt darf auch das Geld der europäischen Kleinsparer mit gutem Gewissen in Rüstung investiert werden.Nicht nur die traditionellen Rüstungsfirmen wollen davon profitieren, auch Startups sowie alteingesessene Firmen werfen ein Auge auf die Branche. So beispielsweise die durch Turbulenzen verunsicherten Automobilkonzerne. Während VW noch überlegt, in seinem Werk in Osnabrück das israelische Abwehrsystem Iron Dome zu produzieren, ist die französische Firma Renault Anfang 2026 bereits in die Produktion von Militärdrohnen eingestiegen.Im Gegensatz zu früher sind denn auch Arbeitsplätze in der Rüstungsindustrie äusserst begehrt. Die Bezahlung stimmt, die Jobzukunft scheint gesichert – und Gewerkschaften sowie Betriebsräte aus Rüstungsbetrieben, die sich früher schon einmal für die Umstellung auf zivile Produktion starkgemacht und selbst Konversionspläne vorgelegt haben, setzen heute auf die Rüstungsproduktion. Rüstung hat Zukunft, und nach der Umdefinition ist sie nun auch noch ökologisch, sozial und ethisch unbedenklich.Herbert Wulf ist em. Professor für Friedens- und Konfliktforschung. Er leitete das Bonn International Center for Conflict Studies (BICC) und forschte am Stockholm International Peace Research Institute (Sipri).
Von Frieden zu Profit: Europas Waffenindustrie und neue ESG-Standards
Die Aktien der europäischen Rüstungsindustrie befinden sich im Höhenflug. Die Waffenhersteller, einst die Schmuddelkinder des Industriesektors, wurden durch die Reaktionen auf den Ukraine-Krieg zur Lieblingsbranche der Investoren. Selbst ESG-Investitionen sind jetzt gefragt.






