Der SC Freiburg greift nach dem Europa-League-Titel – selbst eine Niederlage wäre historischUnter dem Trainer Julian Schuster ist der SC Freiburg erfolgreicher denn je. In Istanbul will der Klub nun als Aussenseiter gegen Aston Villa bestehen.20.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenMit dem Trainer Julian Schuster erlebt der SC Freiburg die erfolgreichste Zeit seiner Klubgeschichte.ReutersNicht einmal zwei Jahre ist es her, da lasen sich Meldungen aus Freiburg wie ein Abgesang. Christian Streich, der langjährige Trainer, hat sich entschlossen, seine Karriere beim SC Freiburg zu beenden; nach zwölf Jahren sei es an der Zeit, die Arbeit jemand anderem zu überlassen. Kein anderer Trainer wurde so stark mit seinem Arbeitgeber identifiziert wie Streich, die lange Verweildauer entsprach zudem einer gewissen Freiburger Tradition.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Auch Volker Finke, der Freiburg einst in die Bundesliga geführt und sich dort mit seiner Mannschaft behauptet hatte, konnte auf ein ungewöhnlich langes Engagement zurückblicken: Sechzehn Jahre hielt es der Niedersachse im äussersten Süden der Republik aus.Schon anhand dieser beiden beamtenhaft lang anmutenden Arbeitsverhältnisse kann man auf die Idee kommen, dass die Dinge in Freiburg anders vorangehen als bei manchen Konkurrenten – auf eine unzeitgemässe Weise, die sich aber nur behaupten kann, weil sie erfolgreich ist.Und was spricht dagegen, dass ein weiterer Coach diese Traditionslinie fortsetzt? Die Indizien dafür, dass es so kommt, sind jedenfalls zahlreich: Am Mittwoch führt der Trainer Julian Schuster seine Mannschaft in Istanbul in den Final der Europa League gegen Aston Villa. Es ist der grösste Erfolg der Freiburger, deren Vereinsgeschichte nicht sonderlich reich an Titeln ist.Abfindungen wurden nie gezahltJulian Schuster ist vierzig Jahre alt, damit zählt er zu den jüngeren Fachkräften in der Bundesliga. Erfahrung auf höchstem Niveau, so hat es den Anschein, hat er nicht gebraucht. Was vielleicht auch daran liegen könnte, dass er die Freiburger Fussballkultur zwar ehrt, aber das Notwendige über das Wünschenswerte stellt: Gepflegtes Kurzpassspiel, Kombinationen, kontrollierter Angriffsfussball – das ist im Idealfall die Signatur des Freiburger Spiels. Eine Saison lang setzte Schuster auf Stabilität; erst im zweiten Jahr zeigte Freiburg den gewohnten Angriffsschwung.Die Treffsicherheit der Freiburger ist legendär, wenn es um die Wahl der Schlüsselstelle des Trainers geht. Und sie trug massgeblich dazu bei, dass der Klub mit seinem ehedem überschaubaren Budget finanziell solide dasteht. Schliesslich wurden Abfindungen, so sagt der Sportvorstand Oliver Leki, in Freiburg nie gezahlt. Finke, Streich und auch Robin Dutt beendeten ihre Arbeit aus freien Stücken.Der Mann auf der Bank ist die wichtigste Figur im Verein, auch wenn die diskrete Art und Weise des Auftretens von Julian Schuster frei von jenem Sendungsbewusstsein ist, das einst Volker Finke und auch Christian Streich auszeichnete. Daran, dass Schuster der richtige Mann am richtigen Ort ist, zweifelt in Freiburg niemand. Der Verein ist ihm aus seiner Zeit als Profi bestens vertraut. Ehe er die Nachfolge des Zampanos Streich antrat, war er Verbindungstrainer zwischen den U-19-Junioren, der U-23 und der Bundesligamannschaft. Der Schweizer Johan Manzambi, der in seiner ersten Saison im Profiteam zum Stammspieler aufstieg, ist Schuster aus dieser Zeit vertraut.Strahlkraft der Freiburger im DreiländereckBloss wäre die sportliche Stabilität wenig wert, wenn sie nicht mit einer soliden kaufmännischen Ausrichtung des Klubs korrespondieren würde. Auch hier können die Freiburger als vorbildlich gelten. Das Risiko, das alte, idyllische Stadion an der Dreisam nahe dem Stadtzentrum zu verlassen, nahmen sie im genau richtigen Augenblick auf sich.Es war kein einfacher Umzug, ehe es im Oktober 2021 zur Eröffnung kam. Davon kann Leki, der Finanzvorstand des SC Freiburg, berichten. Aufwendig sei es gewesen, Überzeugungsarbeit habe er leisten müssen, sagte Leki in einem Gespräch mit der NZZ. Bürgerinitiativen erhoben Einsprüche, sie mobilisierten Proteste gegen das Stadion.Knapp 35 000 Zuschauern bietet die neue Spielstätte Platz, längst nicht jeder Fan kommt zu jeder gewünschten Gelegenheit ins Stadion herein, was Leki manchmal Vorwürfe einträgt: «Damals musste ich mir immer wieder anhören: ‹Wie kann man für so einen kleinen Standort so ein grosses Stadion bauen?› Dieselben Leute, die aufgrund der hohen Nachfrage heute keine Karten bekommen, sagen nun: ‹Wie konnte man nur so klein bauen?›»Es ist jene unauflösbare Spannung zwischen dem Wachstum und der Pflege der Stammklientel, die einen Klub wie Freiburg zwangsläufig begleitet. Leki sieht darin allerdings die grosse Chance der Freiburger, solange dieses Wachstum ein «organisches und gesundes» ist. Darüber, dass ein solches Wachstum Grenzen hat, ist man sich im Südwesten durchaus im Klaren. Wirtschaftlich wie sportlich wird der Sportclub nicht so schnell in die Bereiche von Bayern München vorstossen.Allerdings ist die Strahlkraft der Freiburger im Dreiländereck von Frankreich, Deutschland und der Schweiz beträchtlich; der vermeintliche Nachteil der geografischen Abgeschiedenheit hat sich längst in einen Vorzug verkehrt. Viele Fans kommen aus dem Elsass und aus der Schweiz zum SC Freiburg.Freiburg konsolidiert sich auf hohem NiveauSportliches und wirtschaftliches Wachstum sind kaum voneinander zu trennen. Dass sich Freiburg gleich in der ersten Saison nach dem Abgang von Christian Streich für die Champions League qualifizierte, ist eine der grössten Sensationen der jüngeren Bundesligageschichte.Unmittelbar nachdem sie sich erstmals für die Eliteklasse hatten qualifizieren können, kam manchen im Klub der Gedanke, dass die Situation nicht nur Vorzüge für den Klub habe: Bisher war es immer so, dass auf eine Europacup-Teilnahme eine schwache Saison folgte. In der gegenwärtigen Spielzeit aber war es anders; Freiburg vermied den starken Abfall und wird immerhin in der Conference League im kommenden Jahr vertreten sein.Es ist eine Konsolidierung auf hohem Niveau. Kein Gedanke wird an einen Abstieg verschwendet, auch wissen die Profis, was sie an ihrem Klub haben. Mittlerweile, sagt Leki, lasse sich auch in Freiburg für einen Profi ordentliches Geld verdienen, und das ermöglicht es dem Sportclub, manche Kräfte deutlich länger zu halten als in den Jahren zuvor.Auch waren Transfers für mehr als 30 Millionen Euro noch vor wenigen Jahren illusorisch für die Freiburger. «Es läuft gerade ziemlich perfekt», sagte jüngst der Routinier Matthias Ginter. Nun geht es noch darum, den Favoriten Aston Villa aus Birmingham ins Straucheln zu bringen.Passend zum Artikel