Es war ein Paukenschlag, als die Bundesnetzagentur im Juli 2023 mitteilte: Der Staat würde mit der Vergabe von Flächen für die Errichtung von Windparks in der Nord- und Ostsee sehr viel Geld einnehmen. Insgesamt 12,6 Milliarden Euro hatten der französische Energiekonzern Totalenergies und der britische Energiekonzern BP für das Recht geboten, auf drei Flächen nordwestlich von Helgoland sowie auf einer Fläche vor Rügen Windparks bauen und betreiben zu dürfen. Ende 2030 sollten die Parks ans Netz gehen, hieß es damals. In einer weiteren Auktion ein Jahr später bot Totalenergies noch einmal knapp zwei Milliarden Euro für den Bau eines weiteren Windparks.Knapp drei Jahre später gibt es starke Hinweise darauf, dass mindestens ein Teil der Milliardenprojekte vor dem Aus steht. Einem Bericht von NDR und „Süddeutsche Zeitung“ zufolge will Totalenergies seine Flächen in der deutschen Nord- und Ostsee loswerden. Den geplanten Ausstieg soll der Konzern in einem internen Diskussionspapier skizziert haben; als Gründe werden „Verzögerungen im Netzausbau“ und „Veränderungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen“ genannt. Besonders brisant: Dem Bericht zufolge fordert Totalenergies nun sogar Geld vom deutschen Staat zurück.Konkret zu dem Thema Stellung nehmen die Franzosen bislang nicht. Ein Sprecher teilte der F.A.Z. am Dienstag mit, sich nicht äußern zu wollen. Ganz unerwartet kommt die Entscheidung nicht: Schon im Juni 2025 hatte das Unternehmen nach dem Erhalt einer weiteren Konzession in deutschen Gewässern Risiken angedeutet. „Angesichts der von den deutschen Netzbetreibern angekündigten längeren Verzögerungen bei den Anschlussfristen“ habe man „eine strategische Überprüfung der verschiedenen seit 2023 erteilten Genehmigungen eingeleitet, um im Dialog mit den deutschen Behörden die Bedingungen für deren mögliche Weiterentwicklung zu erörtern“, hieß es seinerzeit.Auch mit Blick auf BP verdichten sich Anzeichen, dass zumindest ein Teil der geplanten Projekte nicht umgesetzt wird. Viele der „Herausforderungen“ lägen jedoch „nicht in der Kontrolle von BP“, teilte ein Sprecher des Joint Ventures Jera Nex BP am Dienstag auf Anfrage der F.A.Z. mit. Man sei dabei, gemeinsam mit der Bundesregierung nach Lösungen zu suchen.„Marktumfeld deutlich verschlechtert“Unter Beobachtern war schon nach der ersten Milliardenauktion 2023 das Erstaunen über die hohen Summen groß. In der Branche machen nun Vorwürfe die Runde, Totalenergies und BP hätten sich mit ihren Geboten schlicht verkalkuliert. Seit der Auktion sei der für den Bau wichtige Stahlpreis deutlich gestiegen, während die Strompreise, die die Offshore-Betreiber mit direkten Lieferverträgen (PPAs) erzielen können, eingebrochen seien.„Schon damals waren die Gebote extrem ambitioniert. Und seit den Auktionen hat sich das Marktumfeld noch einmal deutlich verschlechtert“, sagte Casimir Lorenz vom Beratungsunternehmen Aurora Energy der F.A.Z. „Erstens ist der Marktwert für Offshore-Wind zurückgegangen, weil die Stromnachfrage nicht so schnell steigt wie erwartet. Das bedeutet weniger Umsatz für die Betreiber“, erklärte der Energieökonom. „Zweitens sind die Baukosten deutlich gestiegen – von seinerzeit 2600 auf heute 4000 Euro je Kilowatt.“„Energiepolitisches Drama“Für die Allgemeinheit könnte ein Scheitern der Projekte zu einem großen Problem werden. Oder, wie Lorenz es ausdrückt: ein „energiepolitisches Drama“. Eigentlich sollen 90 Prozent der geplanten Auktionserlöse dazu verwendet werden, den weiteren Anstieg der Netzentgelte zu dämpfen. Diese dürfen die Betreiber allerdings über 20 Jahre abstottern, beginnend mit der Inbetriebnahme. Folgerichtig hat Totalenergies den Berichten von NDR und SZ zufolge bislang erst zehn Prozent der gebotenen Summe bezahlt (knapp 800 Millionen Euro); diese sollen in den Schutz der Meere sowie die Förderung einer umweltschonenden Fischerei fließen. Darüber hinaus habe Totalenergies demnach eine Sicherheitsleistung von 750 Millionen Euro hinterlegt, die das Unternehmen nun zurückfordere. Zusätzlich möchte das Unternehmen eine Art Abschlag von seinem Nachfolger kassieren – für die Voruntersuchung der Fläche.Zudem bedeuten die Pläne einen weiteren erheblichen Rückschlag für den sowieso schon strauchelnden Ausbau der Windenergie auf See. In deutschen Gewässern sind bislang 9,3 Gigawatt installiert – nur knapp ein Drittel dessen, was man sich bis 2030 vorgenommen hat. Die Bundesnetzagentur hatte die Ausschreibungen für dieses Jahr ausgesetzt, nachdem sich im vergangenen Jahr kein einziger Bieter gefunden hatte. Im kommenden Jahr soll es mit einem neuen Auktionsdesign weitergehen; die Bundesregierung überarbeitet dazu gerade das Wind-auf-See-Gesetz.Ministerium: Verschiebung von Meilensteinen möglichDas Bundeswirtschaftsministerium von Katherina Reiche (CDU) hielt sich am Dienstag mit einer Bewertung der Vorgänge zurück. Schon das derzeit geltende Gesetz treffe für derlei Verwerfungen „rechtliche Vorkehrungen“, versicherte ein Sprecher. Eigentlich gibt das Gesetz den Betreibern sogenannte Meilensteine und damit verbundene Fristen vor, zum Beispiel zur Vorlage der technischen Planungsunterlagen, zum Beginn des eigentlichen Baus und zur Inbetriebnahme und Netzanbindung. Diese Regelung soll verhindern, dass Unternehmen in den Auktionen Mitbieter ausstechen und sich wertvolle Meeresflächen sichern, diese dann aber jahrelang ungenutzt lassen.Der Ministeriumssprecher sagte, solche „Meilensteinverschiebungen“ seien weiterhin möglich. Er erwähnte die mögliche Verschiebung von Fertigstellungsterminen sowie eine Verlängerung der Betriebsdauer. Auf Antrag sei die Herauszögerung um bis zu zehn Jahre zulässig, „um auf etwaige Herausforderungen flexibel zu reagieren“. Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (BSH) und die Bundesnetzagentur stünden in diesen Fragen in regelmäßigem Austausch mit den Netzbetreibern und den Windparkunternehmen.Der Branchenverband BWO dringt jedoch auf eine schnelle Lösung; er will am Mittwoch einen Vorschlag für einen möglichen Ausweg präsentieren. Denn Beobachter fürchten eine Kettenreaktion im Markt, sollte Totalenergies mit seinen Rückgabeplänen tatsächlich erfolgreich sein. Auch Netzbetreiber Tennet, der für die Anbindung der Offshore-Parks zuständig ist, forderte am Dienstag „schnell Klarheit durch einen politisch koordinierten Übergang zum neuen Auktionsregime sowie Rückgabeoption und erneute Ausschreibungen“. Andernfalls fürchte das Unternehmen, „dass zwar unsere Netzanbindungen rechtzeitig errichtet sind, sich aber bereits verauktionierte Offshore-Windparks um mehrere Jahre verschieben könnten, wenn die jetzt notwendigen politischen Maßnahmen und Anreize zu spät in Gang gesetzt werden“.
Nordsee und Ostsee: Offshore-Milliardenprojekte von Totalenergies und BP vor dem Aus
Totalenergies und BP haben Milliarden in die Hand genommen, um in Nord- und Ostsee Windparks bauen zu dürfen. Jetzt wollen sie die Flächen offenbar zurückgeben. Ein Kenner spricht von einem „energiepolitischen Drama“.













