Es war ein wildes Rennen, im Juni 2023. Vier Flächen waren zu haben, drei in der Nordsee, eine in der Ostsee. Mehrere Bieter wollten dort Windparks errichten. Alle waren bereit, auf jegliche Förderung zu verzichten. Weshalb am Ende, nach mehreren Gebotsrunden, zwei Konzerne den Zuschlag bekamen, die dafür Geld zahlten, richtig viel Geld: die Ölkonzerne BP und Total Energies. Unfassbare 12,6 Milliarden Euro wollten die Unternehmen hinlegen, um die Windparks errichten zu dürfen. Mit Betonung auf: wollten.Denn nach Recherchen von NDR und Süddeutscher Zeitung scheinen die Unternehmen das Interesse an dem Milliardenprojekt verloren zu haben – womöglich mit weitreichenden Konsequenzen für den Ausbau der Windkraft zur See. Demnach dringt Total Energies derzeit innerhalb des Branchenverbands BWO auf eine Möglichkeit „zur freiwilligen Rückgabe bezuschlagter Flächen“. Das geht aus internen Entwürfen für eine Positionierung des Verbands hervor, die NDR und Süddeutscher Zeitung vorliegen. Die Projekte aus der Auktionsrunde könnten „voraussichtlich nicht realisiert werden“, weil sich die Rahmenbedingungen verschlechtert hätten, argumentiert Total demnach – und verweist auf Verzögerungen beim Netzausbau. BP wiederum schließt den Recherchen zufolge sein Büro in Hamburg, über das die Tochter Jera Nex BP das Projekt hatte vorantreiben sollen. Die BP-Tochter äußerte sich auf Anfrage nicht zu dem Vorgang. Total Energies wiederum betonte, man arbeite „aktiv an der Realisierung unserer Projekte“, suche aber „praktikable Regelungen“.Die Sache ist diffizil und stellt alle deutschen Ziele für die Windenergie im Meer infrage. Theoretisch könnten die Konzerne die gewonnenen Zuschläge erst einmal behalten. Noch steht der Termin, zu dem die Windparks verbindlich ans deutsche Stromnetz angebunden werden, nicht fest. Erst nach Bekanntgabe dieses Termins ist eine finale Investitionsentscheidung fällig. Wird die nicht getroffen, verfällt der Zuschlag – allerdings gehen damit Jahre ins Land. Schon jetzt ist klar, dass sich die deutschen Ziele für 2030 nicht halten lassen: 30 Gigawatt Offshore-Kapazität soll bis dahin errichtet sein, geschafft sind aber erst gut zehn. Die vier Projekte allein, die zwischen 2030 und 2032 in Betrieb gehen sollen, steuern sieben Gigawatt bei.Können die Konzerne die Gebote dagegen vorzeitig zurückgeben, sodass sie erneut versteigert werden können, wäre der Zeitverlust geringer. Allerdings droht dies das Auktionsverfahren zu unterminieren. Schließlich könnten dann Bieter in Zukunft wahre Mondgebote abgeben – im Wissen, dass sie im Zweifel wieder rauskommen. Nach geltendem Recht müssten die Konzerne immerhin befürchten, mehrere Hundert Millionen Euro an Sicherheiten zu verlieren, die sie für die Projekte hinterlegt haben. Auch das will Total Energies mit seinem Vorstoß ausschließen. Und am liebsten wieder mitbieten, wenn die Flächen erneut versteigert werden. Selbst für den Fall, dass die Flächen rasch neu versteigert werden, rechnen Experten mit jahrelangen Verzögerungen. Schließlich müsste jeder neue Bauherr auch neu planen und bestellen.Knapp 1,3 Milliarden Euro sind schon an den Bund geflossenDie Folgen reichen allerdings noch weiter. Denn die 12,6 Milliarden Euro sollten zu 90 Prozent in den Ausbau der Stromleitungen und Konverter-Stationen zur See fließen, wie ihn die Netzbetreiber Tennet, 50Hertz und Amprion schultern – sie binden Windparks in Nord- und Ostsee ans deutsche Stromnetz an. Was aber nicht von den Unternehmen fließt, müssen letztlich die Stromkunden über eine „Offshore-Umlage“ bezahlen. Stattdessen könnten am Ende zwar riesige Plattformen mit Konverter-Stationen zur See entstehen – doch die nötigen Windparks fehlen. Es brauche jetzt rasch Klarheit und neue Ausschreibungen, verlangt auch Tennet. „Sollte das nicht passieren, befürchten wir, dass zwar unsere Netzanbindungen rechtzeitig errichtet sind, sich aber bereits verauktionerte Offshore-Windparks um mehrere Jahre verschieben könnten.“Doch innerhalb der Branche gibt es Widerstände gegen den drohenden Rückzieher. An diesem Dienstag trifft sich der Branchenverband BWO zur Mitgliederversammlung, sie soll auch eine gemeinsame Positionierung zu dem Problem beschließen. Ein Kompromissvorschlag kursiert, er soll eine „freiwillige Rückgabe“ ermöglichen. Die betroffenen Bieter müssten weder eine Pönale leisten noch Geld in den Netzausbau stecken. Allerdings dürften sie sich nicht erneut auf die Flächen bewerben – die möglichst schnell wieder ausgeschrieben werden sollen. Die Branche bangt auch um ihre Zulieferer. Ein Einbruch bei den Aufträgen, weil Windparks erst verzögert gebaut werden, ist etwa für die Hersteller der Windräder nur schwer verdaulich. Es gehe mittlerweile um „zentrale Fragen der industriellen Kontinuität, der Versorgungssicherheit und der energiepolitischen Glaubwürdigkeit des Offshore-Standorts Deutschland“, heißt es in einem Papier des BWO.Die gemeinsame Position soll dann ans Wirtschaftsministerium gehen, doch das verweist schon jetzt ganz nüchtern auf die Rechtslage. Das entsprechende Gesetz regele schließlich „eindeutig, dass ein Zuschlag nicht zurückgegeben werden darf“, erklärt ein Sprecher. Derzeit habe man keinen Grund, an der Realisierung zu zweifeln. Das allerdings könnte sich schon diese Woche ändern.Immerhin zehn Prozent jener 12,6 Milliarden Euro, knapp 1,3 Milliarden Euro, sind schon an den Bund geflossen: für die Förderung der Fischerei und des Meeresschutzes. Die müssen die Konzerne wohl abschreiben, wenn sie ihre Zuschläge zurückgeben. Allein 400 Millionen Euro steckte die Ampelkoalition am Tag ihres Zerbrechens noch in eine Umweltstiftung. Zumindest das bleibt von der Bonanza von einst.