Die schlechte Nachricht vorneweg: Es geht immer noch schlimmer. Das gilt auch für die jüngsten, massiv steigenden Zahlen von Angriffen auf Politiker aller Parteien. Noch schlimmer, das sollten wir uns vergegenwärtigen, würde bedeuten, dass Gewalt, in welcher Form auch immer, „normal“ wird und weitere „Tabus“, auf die sich eine demokratische, liberale, konsensuale Demokratie geeinigt hat, fallen.Dann würde demokratisches Engagement lebensgefährlich werden, Politiker würden sich aus Angst um ihr Leben zurückziehen und Einschüchterung würde die öffentliche Debatte zum Verstummen bringen. Wer in Angst lebt, kann nicht für die Demokratie kämpfen Schon jetzt ist es so, dass angesichts der Präsenz der AfD in Kleinstädten, Kommunen und Dörfern andere Parteien den Kontakt zu den Menschen abreißen lassen. Dort, wo es ausweglos erscheint, wird Demokratie seltener verteidigt. In Angst um die eigene mentale oder körperliche Gesundheit ist Demokratie noch schlechter zu retten. Jeder kriminelle Angriff auf einen AfD-Politiker ist falsch und zu verurteilen. Wie Angriffe auf alle anderen Politiker. So weit sind wir schon gekommen, dass man das extra betonen muss. Und so wird die Gefahr größer, dass die ganze Demokratie in Brand gerät. Niemand schießt hier mit Kanonen auf Spatzen. Denn angesichts dessen, was an Polarisierung bereits hinter uns liegt, und angesichts einer sehr erfolgreichen AfD kann derzeit niemand behaupten, eine weitere Eskalation sei unmöglich.Die Zahlen selbst mögen in ihrer Nüchternheit die Dramatik, die mögliche Dystopie, nicht widerspiegeln. Die Polizei registrierte 2025 bundesweit 5140 Straftaten, die sich gegen Parteirepräsentanten beziehungsweise Parteimitglieder richteten. 2024 waren es 3690. Und doch sind diese Zahlen, jede einzelne Tat, ein Ausdruck gesellschaftlicher Schwäche.Der Übergang vom „schimpfenden“ Bürger zum gewaltbereiten Bürger wird durchlässiger. Wir wissen schon einiges über die Abgründe. Wir kennen die Gefahr, die aus dem Alltäglichen emporsteigt, nicht erst seit Corona. Gewaltpotenziale gibt es nicht allein im Digitalen, sondern an Schulen, in Bussen, auf Bahnsteigen, in Fußballstadien, Supermärkten, im Straßenverkehr und selbst bei ‚Diskussionen‘ in der Familie oder im Freundeskreis. Politiker werden als Feinde, nicht als Vertreter erlebt Die Ursachen dieser „Entwicklung“ sind vielfach beschrieben worden. Da ist die Ohnmachtserfahrung, das Gefühl, keine Stimme und keine Kontrolle zu haben; da ist die Entfremdung von einem politischen System, in dem Staat und Politiker als Feinde, nicht als Vertreter erlebt werden; oder da ist die ideologische Legitimation, in der Gewalt als „gerechter Widerstand“ umgedeutet wird.Vieles beschreibt eine Gesellschaft von „Zweifelnden“; eine Gesellschaft, die sich selbst nicht traut, die sich selbst auch immer weniger zutraut. So finden sich immer Gründe, warum die anderen, im Zweifel die Politiker schuld sind. Jeder schimpft doch auf die! Die Menschen an der Basis sind das Rückgrat unserer Demokratie.Armin LehmannHier geht es nicht um Bundeskanzler, Minister oder hohe Parteifunktionäre, auch die verdienen Respekt; es geht um die Kommunalpolitiker, die ehrenamtlichen Bürgermeister, die Menschen an der Parteibasis. Sie sind das Rückgrat der Demokratie. Sie zu schützen, heißt in erster Linie, Respekt zu haben. Die Schutzschichten, die uns die Krisen der Zeitenwenden abgerieben haben, fehlen auch den Politikern. Alle zusammen sind wir dünnhäutig und kompromisslos geworden.Was wir offenbar gerade verlernen, das gilt auch für die Politik selbst, ist, den Kopf aus dem Sand zu nehmen; offen zu sein für Annahmen, Erklärungen und für ein „Ausprobieren“ nach bestem Wissen und Gewissen statt grundsätzlicher Ablehnung, die sich in Hass hineinhalluziniert. In der Politik findet man schnell Schuldige Gewalt, überwiegend Beleidigungen gegen Politiker, kann auch Ausdruck einer wachsenden Angst von Menschen sein, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Viele Menschen haben die Annahme, sie können es nicht. In der Politik findet man dann Schuldige.Diese Annahme, es nicht schaffen zu können, lernt die Gesellschaft offenbar gerade. Aber es ist eine falsche Annahme, die Populisten schüren, damit sie keine Lösungen anbieten müssen. Die Vergangenheit zeigt uns Ressourcen und Kompetenzen, mit denen wir „Krisen“ schon gemeistert und unsere Demokratie stabilisiert haben. Wir könnten uns mehr dieser „Lösungen“ erzählen, um Resilienz spürbar zu machen. Denn die große Mehrheit im Land ist ganz in Ordnung. Sie lehnt die Gewalt ab.
Ein Land verlernt, konstruktiv zu streiten: Der Übergang vom „schimpfenden“ zum gewaltbereiten Bürger wird durchlässiger
Mehr als 5000 Straftaten gegen Parteirepräsentanten gab es im vergangenen Jahr. Doch wo Politiker sich aus Angst zurückziehen, verstummt die Debatte. Dagegen hilft nur eines.












