Umtriebige Senioren lösen über 200 000 Bilderrätsel der ETH. Einer von ihnen sagt: «Diese Detektivarbeit ist sauglatt!»Seit zehn Jahren setzt die Hochschule auf Freiwillige, um ihre historischen Fotos zu verorten. Sie fahnden nach Vogelhäuschen, längst vergessenen Nasenoperationen und Uhrensammlern namens Döbeli.Jana Kehl19.05.2026, 17.00 Uhr6 LeseminutenAlbert Einstein, Dritter von links, wurde weltberühmt. Wer die Frauen auf dem Gruppenbild sind, konnte die ETH dank Freiwilligen herausfinden.ETH-BildarchivIm Jahr 1913 lassen sich elf Menschen in einem Chemielabor der ETH Zürich ablichten. Die meisten Männer tragen einen buschigen Schnauz, die Frauen Hochsteckfrisuren, vor ihnen auf dem Tisch stehen einige Zylinder aus Glas.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In der vorderen Reihe, Dritter von links, sitzt ein Mann, der wenige Jahre später weltberühmt wird: Albert Einstein, hier 34-jährig, grinst in die Kamera. Er steht zum Zeitpunkt der Aufnahme kurz vor seiner bahnbrechenden Veröffentlichung zur Allgemeinen Relativitätstheorie. Die Gesichter anderer Fotografierter, insbesondere jene der drei Frauen, geraten hingegen in Vergessenheit. Wer sind sie?Das Gruppenfoto mit Albert Einstein ist eine von knapp vier Millionen Fotografien im Bildarchiv der ETH, einer der grössten Sammlungen des Landes. Tausende von Landschaftsaufnahmen sind darin enthalten, Porträts und Postkarten, bedeutende und weniger bedeutende Bilder. Oft bleibt jedoch unklar, wer oder was genau zu sehen ist. Deshalb hat die Hochschule vor zehn Jahren ihr digitales Archiv geöffnet – die offenen Fragen zu ihren Bildern will sie seither durch sogenanntes Crowdsourcing beantworten.Dabei wird die Recherche zu den Hintergründen der Bilder an Freiwillige ausgelagert. 1700 von ihnen sind für das ETH-Archiv im Einsatz. Zu Hause von ihrem Computer aus klicken sie sich durch den Bilderschatz, zoomen auf kleinste Details, jagen nach den Namen und Biografien unbekannter Abgebildeter.Jeder und jede, der oder die dazu beitragen will, kann die Bilder online kommentieren – oder sich auf eines jener Fotos stürzen, das Mitarbeitende regelmässig in der Rubrik «Wissen Sie mehr?» posten. So tragen die Freiwilligen Stück für Stück, Bild für Bild dazu bei, dass sich die Metadaten der Bilddateien – also die essenziellen Angaben zum Wo, Wann und Wer hinter den Aufnahmen – mit Wissen füllen.Als erstes Archiv hat die Library of Congress, die Nationalbibliothek der USA und die grösste Bibliothek der Welt, 2008 eine Crowdsourcing-Initiative gestartet. In Zürich gab es ein Jahr später einen Pilotversuch, im vollen Umfang läuft das Crowdsourcing seit 2016.Seither waren die Hobbydetektive im Auftrag der Hochschule höchst erfolgreich: Über 200 000 Bilder konnten sie genauer verorten. «Früher mussten wir dafür Spezialisten in den Lesesaal bestellen», sagt Nicole Graf, die Leiterin des ETH-Bildarchivs. «Dank der Digitalisierung können wir heute die Schwarmintelligenz nutzen und auf einen riesigen Pool von Wissen zurückgreifen.»Koryphäen der Astrophysik – und eine NasenoperationIm Fall des Gruppenbilds mit Einstein ist dank der Schwarmintelligenz nicht nur ein mehrzeiliger Kommentar, sondern auch ein 40-seitiger Forschungsbericht von Freiwilligen entstanden. Die Autoren, ein Informatikprofessor und ein Historiker aus den Niederlanden, schlussfolgern: Auf dem Bild zu sehen sind von links nach rechts Eva Dina Bruins, Catherina Amelia Frankamp und Rebekka Aleida Biegel. Bei den drei Frauen handelt es sich um Koryphäen der Astrophysik, die in der Lage waren, «präzise astronomische Berechnungen anzustellen, die notwendig waren, um Einsteins Theorien zu beweisen».Die Rechercheure haben auch den Anlass des Bildes herausgefunden: eine Tee-Party zur Feier des Besuchs eines bekannten österreichischen Physikers namens Paul Ehrenfest. Dessen Besuch wiederum diente laut dem Forschungsbericht auch «einer seit langem geplanten Nasenoperation» seiner Frau.Solche und viele weitere Informationen zur Fotografie entnahmen die Bilddetektive anderen Quellen wie Postkarten, weiteren Gruppenbildern oder Adressbüchern. Sie durchsuchten Schattenbibliotheken im Darknet – und sie nutzten künstliche Intelligenz (KI) zur Gesichtsanalyse. Nicole Graf sagt: «Gerade KI dürfte für die Bestimmung der Bilder wichtiger werden.» Momentan geht sie jedoch davon aus, dass die meisten Crowdsourcer «konventionelle Technologien» wie etwa Google Earth anwenden.Wenn ein Vogelhäuschen zum Hinweis wirdIn praktisch allen Fällen liefern die Freiwilligen laut Graf handfeste Referenzen zur Bestimmung der Bilder mit. Manchmal gelingt dies aber nur, wenn man den Blick vom Zentrum eines Bildes auf dessen Ränder richtet, auf ein zufälliges Detail im Hintergrund.Im Jahr 1957 feiert die Gotthardbahn ihr 75-jähriges Bestehen. Die «Schweizer Illustrierte Zeitung» publiziert zu diesem Anlass eine Fotoreportage der Presseagentur Comet. In dieser wird eine historische Dampflokomotive aus dem 19. Jahrhundert zur Schau gestellt. Die Sonne scheint, ein Bahnarbeiter mit Käppi, von Kindern umschwärmt, erhält von einer Ehrendame ein Blumenbouquet ans helle Revers geheftet. Wo befindet sich der kleine Bahnhof, auf dem die Fotosession stattfand?Diese Fotosession fand anlässlich des 75-Jahr-Jubiläums der Gotthardbahn statt.ETH-BildarchivEinen Hinweis zur Beantwortung der Frage, wo das Bild aufgenommen wurde, gibt es im Hintergrund.ETH-BildarchivEiner der Crowdsourcer fand einen Hinweis im Hintergrund eines Bildes: Unter dem Dachwinkel des schlichten Bahnhofsgebäudes hängt kaum sichtbar ein Vogelhäuschen. Mit diesem Fund erhärtete sich für ihn die Vermutung, dass es sich um den früheren Bahnhof Bonstetten-Wettswil handelt. Von diesem Bahnhof, fernab der eigentlichen Strecke der Gotthardbahn, gibt es bereits historische Bilder in einer anderen Sammlung. Das Vogelhäuschen wie auch der Schaltposten sind dabei dieselben wie in der Fotoreportage. Das Rätsel ist damit gelöst, ein Detail mehr in den Metadaten für die Zukunft gesichert.Wer kennt den Uhrensammler Döbeli?Hin und wieder entbrennen im Forum des Bildarchivs Diskussionen um noch ungelöste Bilderrätsel. Die «Beweismittel» der anderen Hobbydetektive werden kritisch gewürdigt, neue Fragen werden aufgeworfen – bis sich die Wahrheit irgendwann herauskristallisiert.Die Presseagentur Comet besucht 1971 einen Uhrensammler in der Zürcher Gemeinde Grüningen für eine Fotoreportage. Einige Bilder zeigen die Uhren – mit goldenen Zeigern, bemalten Zifferblättern, langen Pendeln. Auf anderen ist der Sammler selbst abgelichtet. Mal stellt er seine Sammlerstücke zur Schau, mal begutachtet er diese mit der Uhrmacherlupe. Bekannt ist von diesem Mann nur etwas: sein Nachname, Döbeli. Sonst sind er und seine Leidenschaft in Vergessenheit geraten. Wer war er? Was wurde aus seinen Uhren?Der Sammler aus Grüningen, bekannt unter dem Nachnamen Döbeli, präsentiert 1971 eine seiner Uhren.ETH-BildarchivAbgesehen von seinem Nachnamen ist über den Mann mit der Uhrmacherlupe nichts öffentlich bekannt.ETH-BildarchivAll das bleibt offen – noch hat kein Freiwilliger dazu etwas finden können. Der Verbleib des Sammlers Döbeli und seiner Uhren ist ein Rätsel, das noch zu lösen ist. Bekannt ist dafür, wer sich für solche Geschichten interessiert und seine Freizeit mit der Recherche im ETH-Archiv verbringt. Die Archivleiterin Nicole Graf sagt: «Bei den meisten Freiwilligen handelt es sich um umtriebige Senioren, die meisten von ihnen sind Männer.»Hunderte Bilder pro MonatEiner ist Anton Heer, 75-jährig. Er steht zuoberst auf der Liste der aktivsten Crowdsourcer. 573 Bilder hat Heer im vergangenen Monat kommentiert, über 60 000 sind es in den vergangenen zehn Jahren. Auch das Vogelhäuschen auf den Aufnahmen des Gotthard-Jubiläums-Fests hat er entdeckt.«Diese Detektivarbeit ist sauglatt!», sagt Heer bei einem Telefongespräch nach einigen Minuten. Er sei halt einfach «ein neugieriger Mensch». Auf die Crowdsourcing-Initiative der ETH ist er 2016 per Zufall gestossen, dank einem NZZ-Artikel zu dem Thema. Darin wurden Landschaftsaufnahmen gezeigt, die noch nicht hatten verortet werden können.Ihm sei sofort klar gewesen, wo sie aufgenommen worden seien, sagt Heer. Er wandere gerne und kenne die Schweizer Geografie daher gut. «Umgekehrt inspirieren mich die Archivbilder zu Ausflügen in unbekanntere Winkel der Schweiz.»Neben Landschaften widmet sich der frühere Elektroingenieur Bildern, auf denen technische Gerätschaften unterschiedlichster Art zu sehen sind. Auch zu KI greife er bei der Recherche hin und wieder. Häufig seien es aber altbewährte Hilfsmittel wie physische Karten, die ihm weiterhälfen, sagt Heer. Ein besonders nützliches Stück habe er im Brockenhaus gefunden: «Es handelt sich um eine Militärkarte aus dem Jahr 1942, einst nicht für die Öffentlichkeit vorgesehen.»Heer teilt bestimmte Hobbys wie etwa das Wandern mit seiner Frau. Bei der Bildrecherche ist das anders: Er «belästige» sie zwar hin und wieder mit Fragen, seine Frau habe sich für diese Beschäftigung bisher jedoch nicht begeistern lassen. Das belegt auch die Statistik des Bildarchivs: Mit 13 Prozent ist die Frauenquote bei den Crowdsourcern derzeit noch tiefer als bei der Tee-Party mit Albert Einstein im Jahr 1913.Anton Heer glaubt, dass es auch für dieses Rätsel eine Lösung geben könnte. Viele Fotos griffen Themen auf, die vor allem Männer interessierten. Man könnte doch vermehrt Bilder digitalisieren, zu denen Frauen in seinem Alter mehr zu sagen hätten. – Zum Beispiel?«Mode», schlägt Anton Heer vor. «Da kenne ich mich absolut nicht aus!»Passend zum Artikel
Senioren durchleuchten das ETH-Bildarchiv. Einer sagt: «Diese Detektivarbeit ist sauglatt!»
Seit zehn Jahren setzt die Hochschule auf Freiwillige, um ihre historischen Fotos zu verorten. Sie fahnden nach Vogelhäuschen, längst vergessenen Nasenoperationen und Uhrensammlern namens Döbeli.








