Sie hätte leicht vergessen werden können. Ihr Name prangt auf keiner Plakette, ihr Porträt hängt in keiner Galerie, ihre Leistung wurde zu Lebzeiten in Büchern nur in wenigen Fußnoten gewürdigt. Und doch wird das Andenken an Margot Perl gewahrt.Perl, die von 1923 bis 1984 lebte, war mehr als 40 Jahre lang als Museumslaborantin im Frankfurter Senckenbergmuseum tätig. Während des Zweiten Weltkriegs betreute – oder vielmehr: beschützte – sie die Museumssammlung und trug maßgeblich dazu bei, dass Millionen von Forschungsobjekten erhalten blieben. Ihre Geschichte ist eine von jenen, die nun in dem Projekt „Secret Service: Frauen. Forschen. Senckenberg“ aufgearbeitet werden. Ziel der Historikerin Luisa Kapp ist es, die Leistungen von Frauen in der 1817 gegründeten Senckenberg-Gesellschaft für Naturforschung sichtbar zu machen. „Ihre Arbeit war zwar nicht geheim, aber sie erhielten für ihre Verdienste selten angemessene Anerkennung oder Würdigung“, sagt Kapp.Vielen Frauen blieb früher eine akademische Laufbahn verwehrt; sie arbeiteten stattdessen in Assistenzberufen wie dem der Museumslaborantin. Dieser Ausbildungsberuf, der heute dem einer Technischen Assistentin entspricht, wurde erst 1939 eingeführt. Margot Perl und ihre Schulfreundin Gertrud Wolfart waren im Senckenbergmuseum die ersten Auszubildenden. Mit 15 Jahren lernte sie, Objekte fachgerecht zu präparieren, zu fotografieren und Wissenschaftler mit ihren Kenntnissen der Sammlung zu unterstützen.KI-Bilder zeigen die Frauen bei der ArbeitAls die Luftangriffe auf Frankfurt zunahmen, entschied das Museum, die Sammlung in den Gruben „Abendstern“ und „Eisenkaut“ bei Hungen in der Wetterau in Sicherheit zu bringen. Da viele männliche Mitarbeiter des Museums zur Wehrmacht eingezogen worden waren, lag es an Perl und ihren Kolleginnen, die Objekte für den Transport vorzubereiten. Laut Kapps Recherchen blieb Perl während des gesamten Krieges bei der Sammlung; nur gelegentlich fuhr sie mit dem Fahrrad oder auf einem Milchwagen nach Frankfurt, um ihre Familie zu sehen. „Es war die große Aufgabe der Margot Perl, die Sammlung zu beschützen“, sagt Kapp.Doch das Projekt dient nicht nur dazu, die Biographien dieser Frauen in Schriftform zu dokumentieren – es geht auch um buchstäbliche Sichtbarkeit. Die Wissenschaftsfotografin Gesine Born ergänzt die Forschung von Kapp durch Bilder der Frauen, die zwar „nicht echt sind, aber echt hätten sein können“. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz nutzt Born vorhandenes Bildmaterial, um die Frauen nachträglich bei ihrer wissenschaftlichen Arbeit darzustellen. „Es gibt kein Foto, das Margot Perl als Retterin des Museums zeigt – das wollen wir nun nachholen“, sagt Born. Im Rahmen ihres Projekts „Versäumte Bilder“ hat sie schon im vergangenen Jahr KI-generierte Porträts von Wissenschaftlerinnen im Bundesforschungsministerium ausgestellt.Das Foto des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Senckenbergmuseums lieferte den Hintergrund für das KI-Bild von Margot Perl.Senckenberg Gesellschaft für NaturforschungDas jahrzehntelange „Nicht-Darstellen“ von Frauen bezeichnet Born als eine „Verzerrung der Geschichte“, welcher sie wiederum mit einer Verzerrung durch KI begegne. So solle visuelle Gerechtigkeit entstehen. Für das Porträt von Margot Perl wählten Kapp und Born eine historische Aufnahme des zerstörten Senckenbergmuseums. Das Bild soll dabei auch die Hilflosigkeit spürbar machen, die Perl wohl angesichts der Schäden gefühlt haben dürfte – und so auch Betrachtern des Fotos die Laborantin emotional näherbringen. Auf den Bildern wird dabei sichtbar auf die Erstellung mit KI hingewiesen. Es soll nicht der Eindruck entstehen, es handle sich um echte Fotografien.Von manchen Frauen gibt es allerdings überhaupt keine Abbildungen. In diesen Fällen müssen Kapp und Born besonders kreativ werden. Ein Beispiel dafür ist Wilhelmine Meyer (1848 bis 1920). Sie begleitete ihren Mann, den Wissenschaftler Adolf Bernhard Meyer, auf Expeditionen durch Südostasien. Dabei entdeckte sie 19 Schmetterlingsarten – von denen anschließend einige nach ihrem Mann benannt wurden, während ihr Name nirgendwo genannt wird.Für das Aussehen von Wilhelmine Meyer gab es einen einzigen vagen Anhaltspunkt in einem Brief an ihren Mann: Darin wird eine Opernsängerin erwähnt, die ihr „zum Verwechseln ähnlich“ sehe. Diese Sängerin dient Born nun als gestalterische Basis für die Arbeit mit der KI. Elf Bilder wird die Fotografin für das Projekt erstellen, die im September in einer Ausstellung im Senckenbergmuseum zu sehen sein werden.Luisa Kapp erforscht in dem Projekt, das noch bis Ende 2027 läuft, bis zu 80 Biographien. Um möglichst viel über die Frauen zu erfahren, zu denen sich in der Literatur mit Ausnahme von gelegentlichen Fußnoten wenig finden lässt, spricht die Historikerin auch mit Zeitzeugen. Von ehemaligen Kollegen Perls erfuhr sie so, dass sie im Haus Perline genannt wurde. Viel mehr war nicht in Erfahrung zu bringen. Eine ehemalige Sekretärin sagte über die Museumslaborantin: „Ich kann mich kaum erinnern, sie wurde ja nicht wirklich wahrgenommen.“Eines der wenigen schriftlichen Zeugnisse ihrer Arbeit ist eine Festschrift zu ihrem sechzigsten Geburtstag, in der das Museum ihre Leistung durchaus wahrnahm und würdigte. In dieser Schrift bezeichnete sich Perl selbst als „altes Museumsstück“. Bis 1982 arbeitete sie bei Senckenberg, zwei Jahre später starb sie. Mehr als 40 Jahre nach ihrem Tod wird ihr Bild nun in jenem Museum ausgestellt werden, dessen Sammlung sie einst bewahrte.