«Le Chat» steht vor Gericht: In Marseille beginnt der Prozess gegen einen der meistgesuchten Drogenbosse des LandesEin blutiger Bandenkrieg vor drei Jahren machte Félix Bingui in ganz Frankreich bekannt. Nun steht der mutmassliche Chef des Yoda-Clans in Marseille vor Gericht.19.05.2026, 15.50 Uhr4 LeseminutenEine Polizistin patrouilliert im Zentrum von Marseille. Die Hafenstadt kämpft seit Jahren mit Drogenkriminalität und Gewalt.Manon Cruz / ReutersIn Marseille hat unter strengen Sicherheitsvorkehrungen der Prozess gegen einen der mutmasslich grössten Drogenkriminellen Frankreichs begonnen. Angeklagt ist Félix Bingui, ein 35-jähriger Mann mit französischem und kamerunischem Pass. Als Anführer des sogenannten Yoda-Clans soll er jahrelang einen der wichtigsten Drogenumschlagplätze in der Hafenstadt kontrolliert haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Rauschgifthandel, Geldwäsche und Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung vor.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Félix Bingui alias «Le Chat».Polizei FrankreichLandesweit bekannt wurde Bingui im Jahr 2023 durch den eskalierenden Bandenkrieg zwischen dem Yoda-Clan und der sogenannten DZ Mafia. Die beiden Gruppen kämpften damals in den nördlichen Hochhaussiedlungen von Marseille um die Kontrolle lukrativer Verkaufsplätze für Kokain und Cannabis. Mindestens 49 Personen kamen bis Ende 2023 ums Leben, 118 wurden verletzt. Mehrfach gerieten auch Unbeteiligte ins Kreuzfeuer.In einem Nachtklub gedemütigtAls Auslöser des Konflikts gilt eine Fehde zwischen Bingui und Mehdi Laribi alias «Tic», dem mutmasslichen Kopf der DZ Mafia. In einem Nachtklub in Thailand soll Bingui seinem Rivalen während eines Streits einen Kübel Eiswürfel über den Kopf geschüttet haben. Danach war der Krieg in Marseille nicht mehr einzudämmen. Am Ende setzte sich die DZ Mafia durch. Sie zählt heute zu Frankreichs einflussreichsten Drogenbanden.Der Yoda-Clan hingegen gilt mittlerweile als weitgehend zerschlagen. Ihren Namen verdankte die Bande einer Figur aus den «Star Wars»-Filmen. Ein Wandbild von Meister Yoda in der Hochhaussiedlung La Paternelle, das jahrelang als Erkennungszeichen des Clans galt, wurde inzwischen entfernt.Doch noch immer befürchten die Behörden Racheakte. Zum Schutz des Angeklagten findet der Prozess daher unter verschärften Sicherheitsvorkehrungen statt: Bingui sitzt in einem verglasten Käfig im Gerichtssaal, bewacht von rund einem Dutzend schwer bewaffneter Polizisten, wie der Fernsehsender BFMTV am Montag berichtete. Der im Milieu als «Féfé» oder «Le Chat» («die Katze») bekannte Angeklagte zeigte sich zum Prozessauftakt äusserlich gelassen. Mit kurz rasierten Haaren und weissem T-Shirt verfolgte er aufmerksam die Ausführungen der Vorsitzenden Richterin.Gemäss der Anklageschrift galt Bingui seinerzeit als unangefochtener Kopf des Yoda-Clans. Von der Siedlung La Paternelle aus soll seine Bande den Rauschgifthandel für Kunden aus der ganzen Stadt organisiert haben. Die Polizei dokumentierte, wie zeitweise alle dreissig Sekunden ein Kunde an der zentralen Verkaufsstelle erschien. Späher überwachten die Zugänge und warnten vor Polizeikontrollen. Nachts beleuchteten Mitglieder des Clans den Umschlagplatz mit brennenden Holzpaletten. Nach Angaben der Ermittler agierte die Bande mit «geradezu militärischer Disziplin».Abgehörte Telefonate und Observationen zeigen, wie Bingui den Drogenhandel meist von Dubai oder Marbella aus steuerte. Kam er nach Marseille, wohnte er in Luxushotels am Alten Hafen und bezahlte die Zimmer bar. Anfang März 2024 wurde «Le Chat» schliesslich in einem Nachtlokal in Casablanca festgenommen. 2025 erfolgte die Auslieferung von Bingui, der damals zu den meistgesuchten Drogenkriminellen des Landes gehörte, nach Frankreich. Seitdem sitzt er in einem Hochsicherheitsgefängnis im nordfranzösischen Vendin-le-Vieil.Von besonderem Interesse für die Ermittler war Binguis luxuriöser Lebensstil. Französische Behörden rekonstruierten Immobilienkäufe in Dubai, darunter eine Villa mit Pool im Wert von rund 2 Millionen Euro. Zudem investierte er in Pizzerien und Geschäfte in Marseille. Luxusuhren, darunter eine Rolex im Wert von 26 000 Euro, erklärte er bei Vernehmungen zu billigen Fälschungen aus der Türkei. Verdächtige Geldbewegungen auf seinen Konten führte er auf Gewinne aus Sportwetten zurück.Vor Gericht wies der Franko-Kameruner sämtliche Vorwürfe zurück. Die Ermittlungen gegen ihn seien das Ergebnis «medialer und polizeilicher Hetze», sagte er. Er sei «niemandes Boss». Zudem spottete er darüber, man werfe ihm ein Netzwerk mit 60 000 Euro Tagesumsatz vor, könne aber nur einen Betrugsversuch mit zehn Kilogramm Cannabis nachweisen.Bewohner im Marseiller Viertel La Castellane während eines Besuchs von Präsident Emmanuel Macron in der Stadt.Christophe Ena / ReutersVorwürfe gegen die ErmittlerTatsächlich werfen inzwischen die Methoden der Ermittler selbst Fragen auf. Drei Beamte der Antidrogenbehörde Ofast Marseille stehen seit 2025 in der sogenannten «Trident-Affäre» unter Anklage. Sie sollen gemeinsam mit Informanten mehrere hundert Kilogramm Kokain eingeführt und verkauft haben. Zudem wirft die Verteidigung den Behörden vor, im Fall Bingui fragwürdige Überwachungsmethoden eingesetzt zu haben, darunter versteckte Mikrofone in Hotelzimmern, die ohne ausreichende richterliche Grundlage installiert worden seien. Binguis Anwälte haben deswegen Anzeige erstattet.Unterdessen breitet sich die Gewalt des Drogenmilieus weiter aus, längst auch über Marseille hinaus. Erst vergangene Woche wurde in Nantes ein 15-Jähriger bei einer Schiesserei zwischen rivalisierenden Dealern getötet, zwei weitere Jugendliche wurden schwer verletzt. Wenige Tage zuvor hatte ein Bewaffneter in einem Einkaufsviertel von Nizza das Feuer auf eine Menschengruppe eröffnet und zwei Personen getötet. Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez sprach danach von einem Drogenhandel, der das ganze Land «vergifte».Passend zum Artikel