Warum barrierefreies Bauen wichtig ist, kann man mit etwas Pech auch als nicht eingeschränkter Bürger im besten Alter erfahren. Ein Gipsbein genügt, schon will jeder Schritt auf Krücken und jede Fahrt im Krankenkassen-Rollstuhl genau geplant sein. Duschwannen werden zu unüberwindbaren Barrikaden, höhere Stockwerke ohne Aufzug unerreichbar, öffentliche Verkehrsmittel samt zugehörigen Stationen zum Hindernisparcours. Die Teilhabe an der Öffentlichkeit ist mit einem Mal keine Selbstverständlichkeit mehr.Im öffentlichen Raum wird zwar momentan viel nachgerüstet, Bushaltestellen und Bahnhöfe werden barrierefrei für unterschiedlichste Behinderungen umgebaut. Doch im privaten Wohnungssektor wird noch viel zu oft geplant, als würde niemand jemals alt oder erwerbe sich im Lauf seines Lebens eine Behinderung. Es ist auch eine nicht ganz kleine Käuferschicht, die man auf diese Weise ausschließt.Es ist auch eine Position der Dringlichkeit, aus der heraus die Hessische Architektenkammer zu einer Tagung in Hattersheim lud, bei der es um inklusive Gestaltung ging. 2,5 Millionen barrierefreie Wohnungen fehlen deutschlandweit, in Hessen sind es 80.000, und die Menschen werden immer älter. „Wir haben lange auf Freiwilligkeit und bessere Einsicht gesetzt, und es hat uns nicht weitergebracht“, sagt auch Jürgen Dusel, bei der Bundesregierung ist er der Beauftragte für die Belange von Menschen mit Behinderung.Dabei verlangt von Bauherren niemand Klinikstandards. Und enge Altbauten sind manchmal nahezu nicht mehr anzupassen. Doch wer neuen Wohnraum baut und nicht selbst bewohnt, so die einhellige Meinung auf dem Hattersheimer Podium, sollte zu Mindeststandards verpflichtet werden können. Türen, die sich leicht und in die richtige Richtung öffnen lassen, und breite Hausflure ohne Stufen sind ohnehin für alle angenehmer. Wenn einige Wohnungen im Haus barrierefrei sind, warum dann eigentlich nicht alle? Man muss bereit sein, das Thema mitzudenken, so wie Klimaschutz und Nachhaltigkeit heute selbstverständlich auch berücksichtigt werden.
In Hessen fehlen 80.000 barrierefreie Wohnungen: Geplant, als würde niemand alt
Allein in Hessen fehlen 80.000 barrierefreie Wohnungen. Kann man sich eigentlich noch leisten, nicht barrierefrei zu bauen, wenn alle immer älter werden?






