In Hattersheim ist alles so, wie es sein soll. Das Gebäude aus den Siebzigerjahren ist aufwendig saniert worden, und bei der Sanierung wurden die Bedürfnisse von Menschen mit Beeinträchtigungen berücksichtigt. Am Haupteingang befinden sich Rampen, sodass Nutzer von Rollstühlen, Rollatoren und Eltern mit Kinderwagen zusammen mit allen anderen die Stadthalle betreten können. Innen ist alles flach und gut erreichbar.An der Bühne befindet sich ein Lift für Rollstühle, mit dem auch mobilitätseingeschränkte Sprecher aufs Podium gelangen. Und das hier ist an diesem Nachmittag, an dem die Regionalkonferenz der hessischen Architektenkammer zum Thema „Inklusiv gestalten – Infrastrukturen im Bestand“ stattfindet, ein nicht ganz unwichtiges Kriterium.Aber wie viel Pragmatismus möglich und wie viel Rücksicht nötig ist, darüber ist man sich nicht immer einig. „Wenn ich ein Gebäude betrete, dann ist es mir egal, ob durch den Haupteingang oder außen herum“, sagt Mirko Korder. Er zertifiziert mit seinem „Inklusionsfit-Institut“ in Wiesbaden Gebäude und berät Bauherren. „Es ist wichtig, dass ich überhaupt hereinkomme.“Mirko Korder zertifiziert Gebäude nach Inklusionskriterien.Olli Dürr/privatWie unschön das aber im Einzelfall ausfallen kann, davon berichtet Andreas Winkel, Beauftragter der Hessischen Landesregierung für Menschen mit Behinderung. Wenn er ein Konzert in der Alten Oper in Frankfurt besucht, muss er bei Wind und Wetter zu einem Seiteneingang rollen, dort klingeln und warten, bis man ihm aufmacht. Im Staatstheater in Mainz hingegen wurde in die repräsentative Treppe eine Rampe integriert. Nun wurde das Mainzer Theater deutlich später renoviert als die Alte Oper, aber es gebe dort in der Stadt auch eine sehr aktive Gruppe von Menschen mit Beeinträchtigungen, die von Anfang an in die Planungen eingebunden wurde.In den vergangenen Jahrzehnten hat sich schon einiges verändert. Tom Bieling, Professor für Designtheorie an der Hochschule Offenbach, berichtet, seine Studenten berücksichtigten das Thema Inklusion inzwischen ganz selbstverständlich und forderten das auch ein. Mary Dellenbaugh-Losse, Stadtplanerin und Gastprofessorin an der Universität Kassel, spricht hingegen vom „Max-Mustermann-Effekt“: „Die vermeintlich normale Person, für die die Städte entworfen sind, ist eher eine Minderheit“, sagt sie. Dennoch werde Barrierefreiheit oft als Zusatz behandelt, „wenn noch Ressourcen übrig sind“.Dass Barrierefreiheit nur ein Kostenfaktor und Gift für die Wirtschaft sei, hält Jürgen Dusel, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, für einen Mythos. Das iPhone sei barrierefrei, weil Apple damit Geld verdienen könne und der Mehraufwand vergleichsweise günstig sei. Auch Menschen mit Beeinträchtigungen hätten Kaufkraft. Zudem sei die UN-Behindertenrechtskonvention vor 17 Jahren im Bundesrat ratifiziert worden und damit geltendes Recht. „Es geht nicht um Charity, sondern darum, dass jeder Mensch gleich viel wert ist“, sagt Dusel, der selbst mit einer Sehbehinderung lebt. Dass seit Jahrzehnten angesichts einer älter werdenden Gesellschaft nicht längst barrierefrei gebaut wird, räche sich heute.Lieber durch den Haupteingang als hintenrum: Ausweichgebäude der Schirn in der ehemaligen Dondorf-Druckerei mit RampeFrank RöthDerzeit geht die Landesregierung davon aus, dass im Jahr 2035 in Hessen jeder vierte Mensch mobilitätseingeschränkt, pflegebedürftig oder behindert sein wird. In Hessen fehlen derzeit 80.000 barrierefreie Wohnungen, in ganz Deutschland sind es 2,5 Millionen. Die meisten Behinderungen werden im Laufe des Lebens erworben, es kann also auch die Max Mustermänner irgendwann treffen.Mirko Korder lebt mit seiner Behinderung, seit er 13 Jahre alt ist. Nach einem Starkstromunfall wurden ihm beide Beine und ein Arm abgenommen. Mit sechs Jahren verlor er seinen Vater, mit zwölf seine Mutter. Vor zwölf Jahren wurde zudem Lymphdrüsenkrebs bei ihm diagnostiziert. „Menschen mit Beeinträchtigungen bringen oft eine erstaunliche Resilienz mit“, sagt er, daher seien sie für Unternehmen auch ein Gewinn.Das beste Beispiel ist Korder selbst: Er managt in Wiesbaden eine inklusive Basketballmannschaft, die Rhine River Rhinos, vermittelt „Potenzial-Pioniere“ für Vorträge, Schulungen und Events und zertifiziert Gebäude, Unternehmen und Prozesse mit seinen „Inklusionsfit“-Experten. Gerade hat sein Team eine Begehung des neuen Shoppingcenters Forum Hanau hinter sich. „Wir haben viele Fehler gefunden, die niemandem bei der Planung aufgefallen sind“, sagt er. Da gehen Türen nicht so auf, dass man mit dem Rollstuhl durchkäme, da seien Tastleisten für Sehbehinderte nicht lesbar – für Max Mustermann reicht das, dem fällt das nicht auf. Aber denen, die darauf angewiesen sind, eben schon.Ein weiteres Projekt ist der Büroraum der Zukunft, den Korder gerade mit einer großen Immobilienfirma in Frankfurt entwickelt. Und Barrierefreiheit bedeutet mehr als eine Rollstuhlrampe und Braille im Aufzug. Auch Menschen mit Neurodivergenz soll das Leben und Arbeiten nicht unnötig schwer gemacht werden. Großraumbüros und zu bunte Bilder sind kontraproduktiv, da reizüberflutend, ein schallgedämpfter Boden und angenehmes Licht hingegen gut und automatisch auch besser für alle anderen. Aber auch Prozesse wie die Bewerbung und die Betreuung durch die Personalabteilung können inklusiver gestaltet werden. Allerdings ist Korder auch Pragmatiker. Ihm ist es lieber, niedrigschwellig etwas umzusetzen als gar nicht.Gut lässt sich Barrierefreiheit am ehesten verwirklichen, wenn neu gebaut wird oder genug Platz da ist. So war auch Architekt Oliver Witan aus Darmstadt eingeladen, der eine barrierefreie Fuß- und Radwegbrücke über die dortige Rheinstraße entworfen hat. Bereits in die Planung seien Menschen mit Beeinträchtigungen einbezogen gewesen, berichtet er. Sein nächstes großes Projekt ist der Haltepunkt Hauptbahnhof im künftigen Frankfurter Fernbahntunnel, bei dem er vor allem für die Gestaltung zuständig ist. Zahlreiche Großraumaufzüge sollen zu den Gleisen führen, viele Ein- und Überblicke sollen vermeiden, dass Angsträume entstehen.Selbstverständlich barrierefrei durch den Haupteingang: das Mainzer TheaterLucas BäumlWo im öffentlichen Bereich Barrierefreiheit häufig selbstverständlich ist, hinkt der Wohnungsbau noch hinterher. „Wenn ein Gebäude ohnehin einen Aufzug hat – warum sollen dann nur 50 Prozent der Wohnungen barrierefrei sein?“, fragt etwa Andreas Winkel. Mirko Korder geht noch weiter: „Wer Wohnraum als Renditeprojekt baut, trägt gesellschaftliche Verantwortung.“ Daher brauchte man verbindliche Quoten für Bauherren. Man müsse ja nicht gleich die vollen DIN-Normen erfüllen, merkt ein Projektplaner aus dem Publikum an, „dann baue ich ein Sanatorium“. Doch mit einfachen und pragmatischen Vorhaben erreiche man schon 70 Prozent der Wirkung.Oder, um den Bundesbeauftragten Jürgen Dusel zu zitieren: „Wir bauen klimaneutral, energiesparend, schick und modern. Aber warum ist Barrierefreiheit nicht Standard?“
Inklusion: Wie barrierefreies Bauen überall gelingen kann
Rampen am Haupteingang, flache Wege, Lift zur Bühne: Barrierefreiheit kann im Bestand gelingen – wenn sie von Anfang an mitgedacht wird. Warum sie noch nicht überall Standard ist.






