Die Aufarbeitung des Anschlags auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt neigt sich dem Ende zu. Im Juni will das Landgericht Magdeburg sein Urteil gegen den Attentäter Taleb al A. verkünden, der im Dezember 2024 mit einem Mietwagen durch die Menge vor dem Magdeburger Rathaus raste und dabei sechs Menschen tötete und mehr als 300 verletzte.Auch der Parlamentarische Untersuchungsausschuss des sachsen-anhaltischen Landtags hat seine Aufgaben erfüllt, nachdem er mehr als 100 Zeugen vernommen hat. An diesem Dienstag werden die Koalitionsfraktionen von CDU, SPD und FDP ihren Abschlussbericht vorlegen. In dem Papier, das der F.A.Z. vorliegt, wird eine Vielzahl teils abenteuerlicher Missstände aufgelistet.Mit Blick auf den Schutz des Weihnachtsmarktes ist von einer „Verantwortungsdiffusion“ zwischen dem Veranstalter, der Magdeburger Stadtverwaltung und der Polizei die Rede. Der Untersuchungsausschuss erkennt bei der Stadt und dem Veranstalter zudem ein „ausgeprägtes Kostenvermeidungsverhalten“. Die Zufahrt zum Weihnachtsmarkt sei unter anderem auch deshalb schlecht gesichert gewesen, weil man diesen stark frequentierten Bereich für weitere Marktbuden nutzen wollte.Gefährliche „Wissensfragmentierung“Den Sicherheitsbehörden, die vor dem Anschlag insgesamt 34 Strafverfahren mit Beteiligung von Taleb al A. führten, attestiert der Ausschuss eine gefährliche „Wissensfragmentierung“. Es mangelte dort an Kommunikation innerhalb und zwischen Polizeibehörden, Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaften. Für Gefährder wie den selbsterklärten Islamgegner Taleb al A. habe den Behörden zudem eine geeignete Schublade gefehlt, da er sich mit seinem hochaggressiven „grandiosen Narzissmus“ den gängigen Gefährdungskategorien wie extrem links, extrem rechts oder islamistisch entzogen habe. Den Behörden fehlten aber auch Instrumente wie Fallkonferenzen, in denen man sich über auffällige Unruhestifter wie Taleb al A. hätte austauschen können.Daneben widmete sich der Untersuchungsausschuss auch dem beruflichen Werdegang des Attentäters, den es ohne gravierende Fehlleistungen nie hätte geben können. Der saudi-arabische Arzt Taleb al A. kam im Jahr 2006 nach Deutschland, um sich zum Facharzt für Psychiatrie ausbilden zu lassen. An seiner ersten Station, dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, kündigte Taleb al A. vollmundig an, er werde ein größerer Psychiater als Sigmund Freud. Tatsächlich sorgte er an seinen Stationen in Hamburg, in Hannover und in Stralsund mit seiner fehlenden Kompetenz, seiner Arroganz und seiner Streitsucht hingegen fortwährend für Ärger, erlangte aber trotzdem in Mecklenburg-Vorpommern seine Anerkennung als Facharzt sowie seine Approbation.„Die Umstände, die zu beiden Urkunden führten, müssen dubios genannt werden“, heißt es im Abschlussbericht. Die Abgeordneten stellen unter anderem die Frage, wie Taleb al A. im Jahr 2014 als Facharzt anerkannt werden konnte, obwohl er wegen seines schlechten Deutschs auch noch sechs Jahre später noch keine Psychotherapien durchführen konnte. „Tiefergehende Erkenntnisse hätte der Ausschuss gern gewonnen. Die Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern hat keine Akten vorgelegt“, heißt es in dem Bericht, der der ärztlichen Selbstverwaltung eine Nichtbeachtung von Qualitätsstandards vorhält. „Vielsagend und bezeichnend“ sei auch das Aussageverhalten der Zeugen aus diesem Bereich gewesen, die sich „sehr defensiv“ verhielten und bisweilen eklatante Erinnerungslücken offenbarten.Die „Leistung“ des PersonalvermittlersAls offiziell anerkannter Facharzt fand Taleb al A. im Jahr 2020 dann Anstellung im sachsen-anhaltischen Bernburg im Maßregelvollzug der landeseigenen Salus gGmbH, nachdem er im Jahr 2016 unter ebenfalls fragwürdigen Umständen Asyl erhalten hatte. An der Einstellung in Bernburg war ein Personalvermittler beteiligt, zu dessen vom Ausschuss in Anführungszeichen gesetzten „Leistung“ auch ein „prosaisch zu nennendes Persönlichkeitsprofil“ zählte. Die Salus-Klinik empfand die Einstellung von Taleb al A. dennoch als Glücksfall, denn die Stelle war zuvor länger vakant. Man war froh, die Planstelle zumindest auf dem Papier wieder besetzt zu haben. Daher sah man in Bernburg auch über die teils gravierenden medizinischen Fehlleistungen hinweg, die sich der intern auch „Dr. Google“ genannte Taleb al A. leistete – sofern er überhaupt zur Arbeit kam und sich nicht einem seiner insgesamt 120.000 Beiträge auf der Plattform Twitter widmete.Die „Sonderstellung“ des Saudi-Arabers in der Klinik hatte aber auch damit zu tun, dass er als islamkritischer Frauenrechtler zunächst von der damaligen Ärztlichen Direktorin gefördert wurde. Der Arbeitgeber zog aber auch keine Konsequenzen, als Taleb al A. später gegenüber einem Klinikmitarbeiter drohend formulierte, dass er sich „in einem wirklichen Krieg“ befinde. Der Ausschuss stellt dem landeseigenen Betrieb ein insgesamt vernichtendes Zeugnis aus, äußert sogar „Zweifel an der prinzipiellen Aufrichtigkeit“ in dessen Führungskreis.Ein Lob erhalten hingegen die zahlreichen Einsatzkräfte, die nach dem Attentat bei der Versorgung der vielen Verletzten „Hervorragendes geleistet und eine überragende Einsatzbereitschaft“ gezeigt hätten.Als Konsequenz aus der Aufarbeitung empfehlen die Abgeordneten der Koalitionsfraktionen vor allem, die Erkenntnisse über potentiell gefährliche Personen künftig besser zusammenzuführen. Der Ausschuss hält aber auch fest, dass sich Attentate wie in Magdeburg selbst dann nicht verlässlich verhindern lassen, wenn die Behörden alles richtig machen. Mit Blick auf die Zufahrten zum Weihnachtsmarkt sind die Parlamentarier überzeugt, dass eine bessere Verteilung der Barrieren den Täter womöglich bloß zu einer Variation seines Tatplans veranlasst hätte.