Der Ritter von der traurigen Gestalt flieht vor seinem Autor: «Don Quijote» als phantasievolle Collage in BaselDer Schweizer Theatermacher Thom Luz hat den Jahrhundertroman von Cervantes für die Bühne bearbeitet: Am Theater Basel zeigt er die Abenteuer des berühmtesten Antihelden der Literatur als Opernpasticcio. Zu Deutsch: als Pastetchen.Georg Rudiger, Basel19.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenAlles eine Frage der Betrachtung: Szene aus «Don Quijote» von Thom Luz am Theater Basel.Ingo Höhn / Theater BaselEr hält Huren für edle Burgfräulein, die imaginäre Dulcinea für die schönste Frau der Welt und kämpft gegen Windmühlen, in der Annahme, es seien Riesen. Don Quijote ist ein mutiger Träumer und Idealist, zugleich ein naiver Aussenseiter, den eine Tracht Prügel stets aufs Neue unsanft in die Realität zurückholt. Der Inbegriff eines tragikomischen Helden, der gerade mit seinem Scheitern zum Sympathieträger wird. Dies macht die Figur so unerhört modern und neben Faust und Don Juan zu einer der bekanntesten Gestalten der Weltliteratur. Das Theater Basel widmet ihr nun einen ganzen Abend.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Regisseur Thom Luz will die Geschichte des verarmten Edelmannes Alonso Quijada aus La Mancha allerdings nicht bloss linear nacherzählen. Der vertieft sich bekanntlich so exzessiv in die Lektüre von Ritterromanen, dass er selbst unter dem Namen Don Quijote auf Abenteuerreise geht. Luz fängt die Heterogenität des in zwei Teilen 1605 und 1615 erschienenen Romans von Miguel de Cervantes durch die Form des Opernpasticcios ein, das die Episodenhaftigkeit noch unterstreicht. Solche Pasticcios, also Zusammenstellungen existierender Stücke zu einem neuen Werk, waren vor allem in der Barockzeit gang und gäbe.SchattenspieleDer Arrangeur Mathias Weibel hat für das Basler «Pastetchen» dreizehn Werke von zwölf Komponisten aus fünf Jahrhunderten ausgewählt und lässt sie zum Teil auf engstem Raum aufeinanderprallen. Schon in der Ouvertüre springt das Kammerorchester Basel unter der Leitung von Eduardo Strausser munter von der «Burlesque de Quixote» von Telemann zur frühen «Hochzeit des Camacho» von Mendelssohn und weiter zur Oper «Don Quichotte» von Jules Massenet, die den Abend dominiert, bevor sich der musikalische Reigen mit der Zarzuela «La venta de Don Quijote» von Ruperto Chapí y Lorente schon wieder weiterdreht. Die heiklen Stilwechsel gelingen dem Kammerorchester Basel gut, die Übergänge funktionieren. Allerdings gibt es an der Premiere Intonationstrübungen in der Bassgruppe, etliche Bläsereinsätze sind nicht zusammen, der Streicherklang gerät mitunter spröde.Den szenischen Reigen eröffnet der Schauspieler Jan Bluthardt als Wiedergänger des Autors Cervantes. Dass er über weite Teile Spanisch spricht, ist eine Hommage an den originalen Roman; es macht den komplexen, mit Übertiteln versehenen Abend aber auch schwerfälliger. Daneben wird ausser auf Deutsch noch auf Französisch, Englisch und Italienisch parliert. Die Idee, mit der Sterbeszene zu beginnen, erweist sich dagegen als Geniestreich: «Je ne veux pas mourir», sagt Dietrich Henschel als Don Quijote auf dem Totenbett, springt von der Bühne und flieht durch den Zuschauerraum ins Foyer.Die Abenteuer, die Henschel im Folgenden gestaltet, sind nicht nur eine Flucht vor dem bevorstehenden Tod, sondern auch vor Cervantes! Schliesslich möchte der Autor ihn in seinem Buch beerdigen, um selbst berühmt zu werden. Mit André Morsch als Sancho Panza steht diesem Don Quijote ein so kräftig wie beweglich singender Kamerad zur Seite, der vor allem ans Essen denkt und die Höhenflüge seines vermeintlichen Ritters immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholt. Hinzu kommt ein ausgezeichnetes Quintett aus dem Basler Opernstudio, das die Geschichte bald kommentierend, bald selber agierend vorantreibt.Die Täuschungen, denen Don Quijote auf seiner Abenteuer- und Lebensreise erliegt, bringt Thom Luz mithilfe von echten und künstlich erzeugten Schatten (Video-Design: Jonas Alsleben) sehr poetisch auf die Bühne. Auch das von Muriel Gerstner entworfene Arbeits- und Sterbezimmer Don Quijotes, das drehbar ist und sogar auf dem Kopf stehen kann, verweist auf die fliessenden Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Die gesteppten weissen Oberteile von Don Quijote und Sancho Panza (Kostüme: Tina Bleuler) wirken wie eine Kombination aus Clown-Wams und Zwangsjacke. Luz deutet damit das allmähliche Abgleiten der Hauptfigur in den Wahnsinn an. Nicht zufällig erinnert die Rückseite des Zimmers an eine Psychiatrie.Ein FlickenteppichMusikalisch gewinnt das Pasticcio namentlich dort an Reiz, wo es die theatralische Aussage verstärkt, etwa wenn sich in Wilhelm Kienzls Fassung die fünf Opernstudiosolisten die Aussage «Ich bin Don Quijote» aufteilen und das Orchester dessen Verwirrung mit Glissandi nachzeichnet. Auch der Kampf gegen die Windmühlen, die hier folgerichtig riesige Schatten sind, wird mit der packend gespielten Orchestersuite von Telemann dramatisch befeuert.«Alza! Alza!» aus Massenets «Don Quichotte» singt Hope Nelson auf der in Rot getauchten Bühne zu Kastagnetten mit voller Bruststimme, während Jan Bluthardts Cervantes dazu steppt. Zu Mendelssohns zarter Arie «Wer klopft so leise an die Tür», die Harpa Ósk Björnsdóttir mit hellem Sopran veredelt, rennt Don Quijote immer wieder mit einem Stuhl gegen die Wand – er hält ihn für seine klapprige Stute Rosinante. Das Poltern überdeckt leider die fragile Musik.Auch beim taktweisen Hin und Her zwischen den Barockkomponisten Telemann und Francesco Bartolomeo Conti zum Streitgespräch von Sancho Panza und Don Quijote hält sich der musikalische Mehrwert in Grenzen. Insgesamt ergibt das Nebeneinander der vielen Fragmente einen Flickenteppich, der in den besten Momenten die Szene vertieft, gelegentlich aber auch bloss nach Fleissarbeit bei der Recherche im Werkkatalog klingt.Am Ende kehrt Don Quijote ins Sterbezimmer zurück. Sancho Panza findet ein paar tröstende Worte. Dann berichtet das Quintett zu Klängen aus Massenets «Don Quichotte» gleichzeitig in verschiedenen Sprachen vom Tod des Protagonisten: Das Ende sei im Anfang schon enthalten, so würden die Dichter sagen – aber Anfänge ohne Ende seien besser. Der vielschichtige, phantasievolle, nur manchmal etwas langatmige Abend geht mit einem Augenzwinkern zu Ende. Und wird vom Basler Premierenpublikum mit Ovationen gefeiert.Aufführungen bis 21. Juni, Theater Basel, Grosses Haus.Passend zum Artikel
Der Ritter von der traurigen Gestalt flieht vor seinem Autor: «Don Quijote» als phantasievolle Collage im Theater Basel
Der Schweizer Theatermacher Thom Luz hat den Jahrhundertroman von Cervantes für die Bühne bearbeitet: Am Theater Basel zeigt er die Abenteuer des berühmtesten Antihelden der Literatur als Opernpasticcio. Zu Deutsch: als Pastetchen.






