Der Kampfpanzer – Totgesagte leben längerIn der Ukraine werden Panzer zu Tausenden zerstört, doch Europa investiert Milliarden in neue Flotten. Der Kontinent steht vor einem strategischen Dilemma.19.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenZerstörte russische Kampfpanzer und gepanzerte Fahrzeuge im Mai 2022 in der Ukraine.Christopher Furlong / GettyKaum ein Waffensystem wurde so oft totgesagt wie der Kampfpanzer. Kurz nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hielten ihn viele Militärs für eine Ausnahmeerscheinung des Grabenkampfes. Dann folgte der Zweite Weltkrieg mit seinen Panzerschlachten.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.1973 schien der Panzer erneut am Ende. Auf den Golanhöhen und im Sinai waren die damals als unbesiegbar geltenden israelischen Panzer brennend liegen geblieben, getroffen von sowjetischen Panzerabwehrlenkwaffen und Panzerfäusten ägyptischer und syrischer Truppen.Auch heute gibt es wieder Abgesänge auf den Panzer. Die Ost- und die Südukraine sind zu einem riesigen Panzerfriedhof geworden. Nach Angaben von Oryx, einer unabhängigen Open-Source-Rechercheplattform, verlor die russische Armee seit Februar 2022 etwa 13 000 Kampf- und Schützenpanzer sowie gepanzerte Fahrzeuge, die ukrainische etwa 2500.Wie im Jom-Kippur-Krieg arabischer Staaten gegen Israel 1973 sehen Militärs und Fachleute auch heute wieder eine Revolution des Landkrieges. Der Panzer, so heisst es auch unter Militärs, habe seine Zeit möglicherweise hinter sich, nur dass es diesmal keine Soldaten mit Abwehrraketen seien, die ihn vernichteten, sondern fern- und KI-gesteuerte Drohnen.In den Anfangstagen des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973 wurden mehrere hundert israelische Panzer durch Panzerabwehrraketen aus sowjetischer Produktion beschädigt oder zerstört. In Israel stellte sich damals die Frage, ob der Panzer noch das richtige Waffensystem für die eigene Verteidigung darstellt.National Library of IsraelEuropa erlebt den Boom des PanzersDoch statt den Panzer auszumustern, erlebt Europa gerade einen Panzerboom. Der deutsch-französische Rüstungskonzern KNDS meldet den stärksten Auftragseingang seiner Geschichte, vor allem durch die Bestellung von Leopard-2-Kampfpanzern europäischer Länder. Der Konkurrent Rheinmetall marschiert nicht zuletzt durch den Verkauf von Kampf- und Schützenpanzern sowie gepanzerten Fahrzeugen von einem Auftrags- und Umsatzrekord zum nächsten.Es mutet paradox an: Während der Krieg in der Ukraine die Verwundbarkeit von Panzern gegenüber billigen Drohnen, Artillerie und Minen zeigt und diese Fahrzeuge auch deshalb inzwischen grösstenteils von der direkten Front verschwunden sind, investieren europäische Staaten Milliarden in die Modernisierung ihrer Panzerflotten. Warum?Die Antwort lautet: Der Krieg in der Ukraine hat zwar die Verwundbarkeit des Panzers offengelegt. Zugleich aber zeigt er, dass es bis jetzt keinen vollwertigen Ersatz gibt. Die Revolution im derzeitigen Krieg ist nicht allein die billige Drohne. Die Revolution ist vor allem die Transparenz, der nahezu vollständige Einblick in das Gefechtsfeld.Auf dem Gefechtsfeld ist fast alles sichtbarFPV-Drohnen, die aus der Perspektive ihres Bedieners gesteuert werden und meist mit einer Granate bestückt sind, kreisen kilometerweit in Frontnähe auf der Suche nach einem Ziel. Satelliten und Aufklärungsdrohnen liefern Zielinformationen. Elektronische Geräte orten Funkverkehr und Datenübertragungen.Die Hitze von Motoren, Staubspuren, eine glimmende Zigarette – all das kann aufgeklärt, verfolgt und in Echtzeit mit Präzisionsfeuer (meist Artillerie und Drohnen) belegt werden. Auf dem Gefechtsfeld ist heute fast alles sichtbar. Das verändert die Grundlagen der mechanisierten Kriegführung.Die Nato-Doktrin des Kalten Krieges beruhte auf dem Dreisatz «Konzentration, Tempo und Durchbruch». Mechanisierte Verbände, also vor allem Truppen mit Kampf- und Schützenpanzern, sollten die Kräfte bündeln, gegnerische Linien durchbrechen und schnell weit in gegnerisches Gebiet vorstossen.Im August 1961 stehen amerikanische Panzer auf dem Leuschnerdamm in Berlin-Kreuzberg und schützen die Grenze zum sowjetisch kontrollierten Teil Berlins.Ullstein/GettyJahrzehntelang galt es als Kern militärischer Operationskunst in der Nato, Schwerpunkte zu bilden. Der Panzer diente dabei als zentrale Waffe: beweglich, geschützt und mit grosser Feuerkraft ausgestattet. Genau diese Massierung und diese Konzentration sind heute gefährlich.Wer viele Panzer an einem Ort versammelt, macht sich gut sichtbar für Sensoren und Drohnen. Wer sichtbar ist, wird sofort vom Computer des Gegners als Ziel markiert. Und wer einmal erfasst ist, wird in der modernen Kriegsführung fast garantiert getroffen, weil etwa Artilleriegranaten oder Drohnen heute punktgenau einschlagen können.Das tatsächliche Problem ist deshalb nicht der Panzer allein, sondern die Art und Weise, wie er eingesetzt wird. Transparenz, Drohnen und Präzisionswaffen erschweren überraschende und konzentrierte Angriffe sowie operative Beweglichkeit erheblich. In der Ukraine zeigt sich, wozu das taktisch führt.Die Gefechtsführung verändert sichFrüher bestand die mechanisierte Kriegführung aus Kampf- und Schützenpanzern, Grenadieren, Artillerie und Pionieren. Heute benötigt ein Panzerverband zusätzliche Mittel für den elektronischen Kampf, die Drohnenabwehr, eigene Aufklärungsdrohnen, die Luftverteidigung, die geschützte Kommunikation, die multispektrale Tarnung und eine permanent abgesicherte Logistik.Das ist ein komplexes und teures Schutzsystem. Das verändert nicht nur den Panzereinsatz, sondern auch die Beschaffung, die Ausbildung und die Doktrin westlicher Heere. Künftige Panzertruppen müssen lernen, unter permanenter Beobachtung zu kämpfen.Was heisst das?Es heisst zum Beispiel, wer ständig funke, sende oder Daten übertrage, verrate seine Position. Er leuchtet für den Gegner wie eine Taschenlampe im Dunkeln. Deshalb ist es lebenswichtig geworden, so wenig wie möglich zu senden oder die Funkfrequenzen ständig zu wechseln, damit sie nicht so leicht überwacht werden können.Ein ukrainischer Soldat steht im Oktober 2025 in Kostjantiniwka mit einem Anti-Drohnen-Funkgerät vor einem Gebäude.Dominic Nahr / NZZEin zweites Beispiel sind fest installierte Kommandozentralen. Sie können nun zu Todesfallen werden, weil sie wegen ihrer elektronischen Abstrahlung schnell entdeckt und bombardiert werden. Kommandanten geben ihre Befehle daher besser von kleinen, beweglichen Standorten, beispielsweise Fahrzeugen, aus. Sicherheit bedeutet künftig: sich klein machen, sich bewegen und möglichst den Mund halten.Drittes Beispiel: elektronischer Kampf. Es wird immer wichtiger, das Gefecht auch im elektronischen Spektrum führen zu können. Die Fähigkeit, gegnerische Drohnen und Kommunikation zu stören, steigert die Überlebenschancen.Eine Renaissance erlebt zudem eine alte militärische Fähigkeit: die Tarnung. Lange Zeit dominierten eher Geschwindigkeit und Feuerkraft das Denken mechanisierter Armeen. Künftig ist es wieder wichtig, den Gegner zu täuschen und die eigene Signatur zu verbergen.Das beginnt bereits bei der Hülle eines Panzers. Beim neuen Leopard 2A8 und beim Schützenpanzer Puma etwa setzt die Bundeswehr auf eine Art Überzug. Er nennt sich Saab Barracuda. Das sind Matten mit unregelmässigem 3-D-Muster, das Schatten bricht sowie die Hitze des Motors und der Kanone von der Umgebung isoliert.Inzwischen gibt es auch Beschichtungen, die wie normale Farbe aufgesprüht werden und dafür sorgen, dass der Panzer auf grosse Entfernung für Infrarot-Suchköpfe von Raketen fast unsichtbar wird. Ausserdem gibt es «Pixel-Tarn», eine digitale Camouflage. Sie sorgt dafür, dass ein menschliches Gehirn oder die Software einer Drohne länger brauchen, um das Objekt als Panzer zu identifizieren.Panzer werden nach wie vor gebrauchtSchliesslich zeigt sich vor allem aufseiten der Ukrainer, wie enorm wichtig es ist, beschädigte Panzer wieder instand setzen zu können. Anders als die Russen haben die Ukrainer so gut wie keine eigenen Reserven. Auch für westliche Armeen könnten Bergepanzer, Ersatzteile, Wartung und schnelle Reparaturen im Feld künftig ebenso wichtig werden wie die Feuerkraft.Aus der Sicht von Militärs und Fachleuten gibt es kein anderes Waffensystem, das dieselbe Kombination aus Feuerkraft, Schutz und Beweglichkeit vereint wie der Panzer. Tatsächlich können Drohnen Fahrzeuge zerstören, aufklären und Artillerie lenken. Aber sie können kein Gelände nehmen und halten. Dafür werden nach wie vor Soldaten am Boden und Panzer zu ihrem Schutz und zu ihrer Unterstützung benötigt.Deshalb investieren viele europäische Staaten trotz allen Verlusten in der Ukraine weiter massiv in Kampf- und Schützenpanzer. Das führt in ein Dilemma. Moderne Panzer müssen immer komplexer sein. Sie bestehen nicht mehr nur aus Stahl, Kanonen und Motoren. Sie werden vielmehr zur Plattform vernetzter Sensoren, zum Träger aktiver Schutzsysteme und einer eigenen Drohnenabwehr.Das macht den Panzer immer teurer.Die Bundeswehr integriert in ihren Leopard 2A8 ein israelisches Schutzsystem zur Abwehr von Geschossen (Trophy) sowie Sensoren wie Kameras und Laserwarner. Andere Armeen im Westen setzen auf ähnliche Systeme. Der Panzer wird zum vernetzten Sensorverbund.Ein mit Zweigen getarnter deutscher Kampfpanzer vom Typ Leopard 2A6 während einer Gefechtsvorführung in Bad Frankenhausen, Thüringen.ImagoHochtechnologie und MassenproduktionEs gibt zwei zentrale Lehren aus dem Krieg in der Ukraine. Die erste: Hochtechnologie wird immer wichtiger. Die zweite: Masse bleibt kriegsentscheidend. Russland zeigt trotz gewaltigen Verlusten, dass die industrielle Masse weiter militärische Wirkung erzielt. Beleg dafür sind Tausende Drohnen, Raketen und Marschflugkörper ebenso wie Dutzende Millionen Granaten für die Artillerie und Tausende Panzer.Doch diese Panzer waren veraltete, einfache, billige Stahlkolosse. Sie wurden zum Sarg für Tausende russische Soldaten. Mit dem Schutzniveau westlicher Panzer sind sie nicht vergleichbar. Je komplexer und teurer aber ein moderner Panzer wird, desto schwieriger, langwieriger und teurer wird seine Produktion in grossen Mengen.Das dürfte das eigentliche strategische Dilemma der kommenden Jahre werden: Kann Europa so viele hoch geschützte, Drohnen abwehrende und digital vernetzte Panzer bauen, dass es einen langen Abnutzungskrieg durchstehen könnte?1917 tauchte der Panzer erstmals auf dem Schlachtfeld auf. Auch gut hundert Jahre später ist er militärisch nicht tot. Doch überlebensfähig wird er auf dem Schlachtfeld nur noch mit einem digitalen Schutzschirm sein. Wer künftig Panzer ohne Drohnenabwehr in die Schlacht schickt, dürfte seine Soldaten dem Tod weihen.Passend zum Artikel