Machtpolitiker ohne Nachfolger: Mahmud Abbas verwaltet in Palästina den StillstandDer 90-jährige Fatah-Chef hat sich seine Herrschaft ein weiteres Mal gesichert. Ein ehemaliger Minister rechnet mit dem System Abbas ab.19.05.2026, 04.30 Uhr4 LeseminutenHält sich seit 21 Jahren im Amt: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas.Eliot Blondet / ImagoMan kann Mahmud Abbas vieles vorwerfen, nicht aber mangelnden Durchhaltewillen. Seit mehr als zwanzig Jahren führt er die Palästinensische Autonomiebehörde im Westjordanland. Und spätestens seit dem Wochenende ist klar: Es könnten noch ein paar Jahre mehr werden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bei einem dreitägigen Kongress, der am Wochenende gleichzeitig in Ramallah, Gaza, Kairo und Beirut abgehalten wurde, liess sich Abbas als Führer der Fatah bestätigen. Jener Bewegung also, die Yasir Arafat einst aufbaute und die den palästinensischen Machtapparat bis heute dominiert.Konkurrent wurde von der Wahl ausgeschlossenNeben Abbas stiegen auch andere Figuren innerhalb der Fatah-Führung auf oder sicherten sich ihre Positionen. Hussein al-Sheikh etwa, einer der engsten Vertrauten des Präsidenten und seit Jahren als möglicher Nachfolger gehandelt, wurde erneut ins Zentralkomitee gewählt. Auch Jibril Rajub, ehemaliger Sicherheitschef und einer der erfahrensten Machtpolitiker der Bewegung, behauptete seinen Einfluss.Besonders aufmerksam wurde die Wahl von Yasir Abbas verfolgt. Der Sohn des Präsidenten zog erstmals in das mächtige Führungsgremium der Fatah ein. Offiziell gilt der 64-Jährige nicht als designierter Nachfolger. In Ramallah werteten viele seinen Aufstieg dennoch als Signal: Selbst wenn Mahmud Abbas irgendwann verschwindet, soll der Einfluss seiner Familie gesichert bleiben.«Dieser Kongress hat vor allem Gesichter ausgetauscht», resümiert deshalb Ali Jarbawi, ehemaliger palästinensischer Minister, der heute Politikwissenschaft an der Birzeit-Universität lehrt. Die zentralen Fragen seien dagegen unbeantwortet geblieben: Wie lässt sich die grassierende Korruption bekämpfen? Wie kann sich das Westjordanland aus seiner Wirtschaftskrise befreien? Und welche politische Strategie bleibt den Palästinensern noch, nachdem die Zweistaatenlösung für viele längst jede Glaubwürdigkeit verloren hat?Für Jarbawi liegt darin das eigentliche Problem der Fatah. Die Bewegung werde weiterhin vollständig von Abbas zusammengehalten. Solange der Präsident an der Spitze stehe, kontrolliere er gleichzeitig die Fatah, die PLO und die Palästinensische Autonomiebehörde. Diese Machtkonzentration verhindere zugleich dringend benötigte Reformen sowie einen Generationswechsel an der Spitze.Abbas sei ein geschickter Machtpolitiker, sagt Jarbawi. Es sei ihm immer gelungen, den Aufstieg eines einzelnen, starken Nachfolgers zu verhindern. Stattdessen gebe es mehrere konkurrierende Figuren, die sich gegenseitig blockierten. Und deshalb auch nicht ernsthaft an Abbas’ Macht rüttelten.Früher habe es mit Mohammed Dahlan immerhin einen klaren Rivalen gegeben. Doch Abbas drängte den einstigen Sicherheitschef nach einem internen Machtkampf 2011 aus der Bewegung. Zum Führungskongress am Wochenende, dem ersten seit zehn Jahren, waren dann weder Dahlan selbst noch seine Unterstützer eingeladen worden.Hinzu kommt, dass Abbas die finanziellen Ressourcen kontrolliert. Die Verbindung zwischen Partei und Autonomiebehörde verschaffe ihm erheblichen Einfluss, sagt Jarbawi: «Wer Zugang zu Geld, Posten und Institutionen hat, bleibt abhängig von ihm.» Einen ernsthaften politischen Rivalen muss Abbas deshalb für den Moment nicht fürchten.Mitglieder der Fatah stehen am 14. Mai 2026 bei der Eröffnung des achten Generalkongresses der Bewegung in Gaza im Einsatz. Die Generalversammlung tritt zum ersten Mal seit dem Jahr 2016 zusammen, um eine neue Führung zu wählen. Die Tagung dauert vom 14. bis zum 16. Mai 2026 und wird gleichzeitig an den vier Standorten Ramallah, Gaza, Kairo und Beirut durchgeführt.Mohammed Saber / EPANach Abbas droht ChaosDas bedeutet aber auch: Die palästinensische Selbstverwaltung ist vollständig an seine Person gebunden. «Hinter ihm existiert keine funktionierende institutionelle Ordnung. Es gibt seit fast zwanzig Jahren keine allgemeinen Wahlen mehr, kein funktionierendes Parlament, keine klare Hierarchie.»Die Zeit nach Abbas könnte deshalb dramatisch werden. «Wenn Abbas morgen verschwinden würde, bräche Chaos aus», befürchtet Jarbawi. Die verschiedenen Lager innerhalb der Fatah würden gegeneinander antreten, ihre Machtkämpfe ausfechten. «Im Moment verhindert Abbas allein, dass die Konflikte offen ausbrechen.»Genau deshalb hält Jarbawi den Kongress für eine «Enttäuschung» vieler Bürger. Denn die Palästinenser stünden vor enormen Problemen: dem wirtschaftlichen Zusammenbruch im Westjordanland und der mittlerweile alltäglichen Gewalt israelischer Siedler.Gleichzeitig verliere auch die Idee eines eigenen palästinensischen Staates zunehmend an Glaubwürdigkeit. «Viele Menschen sehen jeden Tag, wie sich die Realität vor Ort verändert», sagt Jarbawi. Neue israelische Siedlungen, Strassen und Militärposten hätten längst Fakten geschaffen, die eine territoriale Teilung immer schwieriger machten. Trotzdem habe der Parteitag keine erkennbare politische Strategie formuliert.Der Gaza-Krieg habe die Krise der Palästinenserbehörde noch verschärft. Abbas versuche zwar, die Schwächung der Hamas politisch zu nutzen und wieder Einfluss in Gaza zu gewinnen. Aber Israel wolle die Rückkehr der Autonomiebehörde nach Gaza nicht, sagt Jarbawi. «Netanyahu hat selbst mehrfach deutlich gemacht, dass die Spaltung zwischen Fatah und Hamas aus israelischer Sicht strategisch nützlich war, weil sie jede realistische Perspektive auf einen palästinensischen Staat schwächt.»Der palästinensische Präsident Mahmoud Abbas und der palästinensische Vizepräsident Hussein Al-Sheikh nehmen am 14. Mai 2026 am achten Generalkongress der Fatah in Ramallah teil.Mohammad Torokman / ReutersKeine Wahlen seit 2006Die weiteren Aussichten? Bleiben düster. Auf Abbas’ Versprechen vom Wochenende, Reformen einzuleiten, blickt Jarbawi skeptisch. «Wirkliche Reform würde bedeuten, wieder Präsidentschafts- und Parlamentswahlen abzuhalten und die Gewaltenteilung innerhalb des politischen Systems wiederherzustellen.» Denn ohne Parlament fehle jede wirksame Kontrolle der Regierung.Doch genau dafür erkennt Jarbawi derzeit kaum politischen Willen. Die letzten Wahlen wurden 2006 abgehalten, wann die nächsten anstehen, ist offen. «Ich sehe keine ernsthafte Bereitschaft der politischen Kräfte, unter den bestehenden Bedingungen tatsächlich Wahlen zuzulassen», sagt Jarbawi.Vielleicht erklärt genau das, warum Abbas trotz seinen mittlerweile neunzig Jahren weiterhin alternativlos wirkt. Nicht weil die Fatah eine klare Zukunftsstrategie hätte. Sondern weil sich über zwei Jahrzehnte ein System gebildet hat, das auf die Macht eines einzelnen Mannes zugeschnitten wurde.Passend zum Artikel
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Der 90-jährige Fatah-Chef hat sich seine Herrschaft ein weiteres Mal gesichert. Ein ehemaliger Minister rechnet mit dem System Abbas ab.














