Klimaexperten warnen: Deutschland verfehlt seine KlimazieleDie Treibhausgasemissionen sinken zu langsam. Der Expertenrat für Klimafragen fordert die Bundesregierung daher zum Handeln auf. Sie soll ihr Klimaschutzprogramm nachschärfen.18.05.2026, 17.35 Uhr4 LeseminutenWindräder statt Kohlekraftwerke: Deutschlands Stromproduktion soll klimafreundlicher werden. Doch das erfordert Zeit.Dwi Anoraganingrum / ImagoIn den vergangenen Monaten hat der Klimaschutz für die Bundesregierung eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Doch das könnte sich nun ändern. Denn der Expertenrat für Klimafragen warnt, Deutschland werde ohne politisches Gegensteuern gegen die gesetzlich vorgegebenen Klimaschutzziele verstossen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Dabei werden andere Treibhausgase zur besseren Vergleichbarkeit in Kohlendioxidemissionen umgerechnet.Mit seiner Warnung widerspricht das Gremium dem Umweltbundesamt, das in seinen Projektionen für die nächsten Jahre davon ausgeht, dass Deutschland die Minderungsziele knapp erreichen wird.Das 2019 in Kraft getretene Bundes-Klimaschutzgesetz (KSG) verpflichtet Deutschland, seine Treibhausgase bis zum Jahr 2030 um 65 Prozent unter das Niveau von 1990 zu drücken. Bis 2040 ist eine Reduktion um 88 Prozent gegenüber 1990 vorgeschrieben. 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Private Haushalte und Unternehmen dürfen dann nur noch so viele Treibhausgase ausstossen, wie Wälder und andere Senken Treibhausgase abbauen. Für 2050 sieht das KSG sogar negative Emissionen vor. Der Abbau von Emissionen durch Senken muss dann grösser sein als neue Emissionen.Die Bundesregierung gerät unter DruckDer Expertenrat für Klimafragen überprüft jährlich die vom Umweltbundesamt erstellten Daten zu den Treibhausgasemissionen des Vorjahres sowie die Projektionen des Amtes für die Jahre 2021 bis 2030. Stellt er in zwei aufeinanderfolgenden Jahren fest, dass das vom KSG vorgegebene Emissionsbudget bis 2030 überschritten wird, muss die Bundesregierung noch im selben Jahr Klimaschutzmassnahmen beschliessen, um die Ziele zu erreichen.Sollte der Expertenrat im nächsten Jahr erneut zu der Einschätzung gelangen, dass Deutschland seine Klimaschutzziele bis 2030 verletzt, müsste die Bundesregierung rasch handeln und den Klimaschutz verschärfen.Der Expertenrat weist darauf hin, dass das von der Bundesregierung im März verabschiedete Klimaschutzprogramm nicht ausreicht, um die Klimaschutzziele zu erreichen. «Nach unserer Einschätzung dürfte die tatsächliche Minderungswirkung des Programms deutlich geringer ausfallen als von der Bundesregierung angenommen», sagte die Vorsitzende des Expertenrats, Barbara Schlomann. Selbst bei vollständiger Umsetzung des Programms werde keines der gesetzlichen Ziele bis 2040 erreicht.Die Klimaexperten fordern die Bundesregierung daher auf, ihr Klimaschutzprogramm zu überarbeiten und die Klimaschutzpolitik in eine «politische Gesamtstrategie» einzubetten, die auch die verteilungspolitischen und ökonomischen Folgen des Klimaschutzes in den Blick nimmt. Auf diese Weise könne die Bundesregierung Klagen gegen ihr Programm zuvorkommen, schreiben die Experten.Hohe Emissionen bei Gebäuden und VerkehrIn ihrem Bericht konzedieren die Klimawissenschafter zwar, dass die Treibhausgasemissionen in Deutschland in den nächsten Jahren im Trend sinken werden. Das Emissionsbudget werde im gesamten Zeitraum von 2021 bis 2030 nur um 1 bis 1,6 Prozent überschritten. Allerdings gehen die Emissionen deutlich langsamer zurück, als es die Zieldaten vorsehen. Das führe besonders nach 2030 zu «zunehmend ausgeprägten Zielverfehlungen».So lägen die Emissionen den aktuellen Projektionen gemäss im Jahr 2030 sektorübergreifend lediglich um 63 Prozent unter dem Niveau von 1990 statt wie vorgeschrieben um 65 Prozent. Im Jahr 2040 ergäbe sich ein Minus von nur 80 Prozent statt wie vorgeschrieben von 88 Prozent. Das Ziel der Klimaneutralität werde Deutschland bis 2045 nicht erreichen. Auch das Ziel negativer Emissionen bis zum Jahr 2050 wird gemäss den Experten «weit verfehlt».Sie führen die Zielverfehlungen vor allem auf die Bereiche Gebäude und Verkehr zurück. Die Emissionen in diesen Sektoren überschritten die Zielwerte bis einschliesslich 2030. Die übrigen Sektoren, darunter Industrie, Energiewirtschaft und Landwirtschaft, unterschritten ihre Zielvorgaben hingegen, heisst es in dem Prüfbericht.Die Experten weisen darauf hin, dass die Projektionen das von der Bundesregierung jüngst geänderte Gebäudemodernisierungsgesetz noch nicht berücksichtigen. Die Änderung sieht vor, dass neu eingebaute Heizungen künftig nicht wie von der Vorgängerregierung vorgesehen zu mindestens 65 Prozent mit erneuerbaren Energien betrieben werden müssen. Zudem erlaubt es den uneingeschränkten Einbau von Öl- und Gasheizungen in Bestandsimmobilien. Aus den Gesetzesänderungen ergäben sich «zusätzliche Risiken» für den projizierten Emissionspfad, warnen die Klimaexperten.Kritik von Umweltverbänden und GrünenBundesumweltminister Carsten Schneider sagte, er nehme die Warnungen ernst und werde sie «gründlich prüfen lassen». Zugleich verwies er auf die hohen Energiepreise im Gefolge des Iran-Kriegs. Menschen und Märkte orientierten sich weltweit um und suchten «erneuerbare Antworten auf die fossile Krise», sagte Schneider. Daher sei ein entschiedener Ausbau der erneuerbaren Energien und die weitere Förderung des Umstiegs auf klimafreundliche Heizungen nötig.Umweltverbände nahmen den Bericht des Expertenrats zum Anlass für heftige Kritik an der Bundesregierung. Der Bericht «ohrfeigt die bisherige Klimapolitik der Bundesregierung», hiess es vonseiten der Umweltaktivisten von Greenpeace. Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) kritisierte, die Bundesregierung verschärfe durch die Änderungen beim Heizungsgesetz und die Aufweichung des Verbrennerverbots das Emissionsproblem im Gebäude- und Verkehrsbereich.Die Parteivorsitzende der Grünen, Franziska Brantner, sagte, die Regierung schaffe den Klimaschutz ab und verhindere Investitionen in klimafreundliche Technologien.Passend zum Artikel
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