Steigende Mieten und tiefe Leerstände verschärfen den Druck auf den Wohnungsmarkt. Doch ohne Investitionen entsteht kein neuer Wohnraum.Nico Müller18.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDer Druck auf den Wohnungsmarkt steigt.Annick Ramp / NZZDie Diagnose ist schnell gestellt: steigende Mieten, tiefe Leerstände und wachsender politischer Druck. Der reflexhafte Schluss folgt ebenso rasch: Renditeinteressen stehen im Widerspruch zum Wohnbedürfnis. Doch dieser Gegensatz greift zu kurz. Er verkennt, wie Immobilienmärkte funktionieren, und birgt das Risiko, die Knappheit weiter zu verschärfen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Schweizer Wohnungsmarkt ist kein spekulatives Randphänomen, sondern ein tragender Pfeiler der Volkswirtschaft. Rund 530 000 Vollzeitstellen – etwa 14 Prozent der Beschäftigung – hängen direkt oder indirekt daran. Eingriffe wirken deshalb weit über das Mietniveau hinaus: Sie beeinflussen Investitionen, die Beschäftigung und vor allem die Angebotsdynamik.Der Kern des Problems liegt nicht bei der Rendite, sondern beim Angebot. Die Nachfrage nach Wohnraum wächst seit Jahren, getrieben durch Alterung, Zuwanderung, kleinere Haushalte, steigende Flächenansprüche und das Mietrecht. Gleichzeitig sinkt die Bautätigkeit seit 2019. Verdichtung stösst auf Widerstand, Einsprachen verzögern Projekte, regulatorische Vorstösse erhöhen Risiken. Es entsteht ein strukturelles Ungleichgewicht.Rendite wird dabei oft als Problem dargestellt. Tatsächlich ist sie Voraussetzung der Lösung: Kapital braucht verlässliche Perspektiven, umso mehr bei steigenden Baukosten und wachsenden Planungsrisiken. Wer Unsicherheit erhöht, dämpft nicht primär «überhöhte Gewinne», sondern Investitionen.Die Folge ist paradox: Massnahmen zur Mietdämpfung bremsen das Angebot und erhöhen den Druck auf jene, die geschützt werden sollen.Empirisch zeigt sich kein einheitliches Bild. Regulierung wirkt je nach Ausgestaltung unterschiedlich. Wien oder Singapur zeigen, dass auch stark regulierte Systeme funktionieren können, wenn sie durch substanzielle öffentliche oder gemeinnützige Investitionen getragen sind. Wo dies fehlt, entsteht Wohnraum vor allem dort, wo für private Investoren Planbarkeit, effiziente Verfahren und wirtschaftliche Tragfähigkeit gegeben sind. Entscheidend ist weniger das Ob als das Wie der Eingriffe.Ein zweiter blinder Fleck ist die räumliche Dimension. Knapp ist nicht Fläche, sondern gut erreichbarer Raum. Arbeitsplätze konzentrieren sich in Zentren, während das Wohnen ausweicht. Die Kosten dieser Distanz sind erheblich: Pendelzeiten schlagen sich in Abschlägen von bis zu 1000 Franken pro Monat nieder. Zeit wird zum Standortfaktor. Verdichtung an gut erschlossenen Lagen ist daher keine Parole, sondern ökonomische Notwendigkeit und politisch besonders anspruchsvoll.Was folgt daraus?Erstens: Verdichtung ermöglichen, wo Infrastruktur vorhanden ist. Höhere Ausnutzung schafft mehr Wirkung als Eingriffe in bestehende Mietverhältnisse.Zweitens: Investitionssicherheit stärken. Klare Rahmenbedingungen sind zentral, damit privates, institutionelles und gemeinnütziges Kapital zusammenspielen: Private sichern Volumen, gemeinnützige Träger schaffen gezielt erschwinglichen Wohnraum.Drittens: Zielgenaue Unterstützung statt breitflächiger Regulierung. Direkte Entlastung wirkt, aber nur, wenn gleichzeitig das Angebot gestärkt wird: durch Planbarkeit, schnellere Verfahren und investitionsfreundliche Rahmenbedingungen.Die Wohnungsknappheit ist real. Sie ist Ausdruck einer dynamischen Nachfrage und eines zu trägen Angebots, verstärkt durch Marktunvollkommenheiten. Rendite und Wohnraum stehen nicht im Widerspruch. Ohne funktionierende Renditeperspektiven entsteht nicht mehr, sondern weniger Wohnraum. Entscheidend ist, die Bedingungen zu schaffen, unter denen mehr gebaut wird: schneller, dichter und dort, wo es am meisten bringt.«NZZ Live»-Veranstaltung: Immobilien zwischen Rendite und WohnungsnotImmobilien bleiben zentral für Vorsorge und Vermögensaufbau. Doch steigende Preise und knapper Wohnraum verschärfen die Lage. Wie entsteht bezahlbarer Wohnraum? Welche Chancen und Risiken gibt es?3. Juni 2026, 18 Uhr 30, NZZ-Foyer, Zürich, und onlineTickets und weitere Informationen finden Sie hier.