Es war der Tag des Aaron Rai, nun herrschte endgültig Klarheit. Eine der kompliziertesten Bahnen ist Loch 17 auf dem Aronimink Golf Course in Newtown Square, Pennsylvania, die ganze Woche über hatten die weltweit besten Spieler Schwierigkeiten mit dem Grün gehabt: Das vorletzte Loch ist ein schwer zu bespielendes Par 3, man kann dort mehr verlieren als gewinnen. Erst recht in prekären Situationen kurz vor Turnierende. Rai trat am Sonntagnachmittag als einer der Letzten an Loch 17 an, als Führender bei der PGA Championship, dem zweiten Major-Turnier des Jahres. Er traf mit seinem Abschlag das Grün – und aus 21 Metern lochte er sensationell seinen Putt ein.Rai war fortan mehr als ein Führender: Er war ein designierter Major-Sieger, der soeben einen der herausragenden Momente in der Turniergeschichte produziert hatte. Das ganze Wochenende über hatte niemand einen solchen langen Putt in Aronimink eingelocht, die Wahrscheinlichkeit lag im Promillebereich. Auch Rai hatte eigentlich nur probiert, möglichst nahe an die Fahne heranzuspielen: „Ich wollte ihn definitiv nicht einlochen“, sagte er später. Aber an Rai und seinem Putt konnte man erkennen, was den Golfsport so reizvoll macht: Das Schicksal hilft manchmal den Tüchtigen.PGA Championship:DeChambeau, der Golf-InfluencerBryson DeChambeau wollte schon immer anders sein, und nirgends konnte er das besser als bei der saudischen LIV-Tour. Nun erfindet sich der Trump-Unterstützer wieder mal neu – als Content Creator und Gelegenheitsgolfer.„Sie werden nicht einen Menschen auf der Anlage finden, der ihm diesen Erfolg nicht gönnt“, sagte Rory McIlroy später. Der Nordire stimmte ein in den Chor von Gratulanten für den 31-jährigen Engländer. Rai sei „einer der nettesten Menschen in unserem Sport“, sagte Xander Schauffele. Und auch Matti Schmid stellte fest: „Er ist vermutlich der Typ auf der Tour, der am härtesten arbeitet.“McIlroy, Schauffele und Schmid verband dabei, dass sie alle versucht hatten, Rai diesen Sieg noch zu entreißen, insbesondere Schmid, der Deutsche. „Eines der besten Turniere meines Lebens“ habe er in dieser Woche gespielt, sagte der 28-Jährige, der am Ende geteilter Vierter wurde – sein bestes Resultat bei einem Major-Turnier. Schmid hatte in der Finalrunde kaum etwas falsch gemacht, ruhig und besonnen manövrierte er sich über den schwierigen Kurs, fand nach kleinen Rückschlägen immer wieder einen Weg zurück und führte zwischenzeitlich. Irgendwann allerdings habe er auf eine der Anzeigetafeln geschaut und gesehen, dass Rai dem Rest des Feldes entwischt sei: „Von da an ging es vor allem um eine gute Platzierung. Und die habe ich erreicht.“Matti Schmid wird Vierter, damit bester Deutscher und qualifiziert sich für das Masters im nächsten Jahr. Carl Recine/Getty Images via AFPDer vierte Platz wird für Schmid unter anderem als Qualifikation für das Masters im kommenden Jahr reichen, und er manifestiert den Namen des jungen Deutschen unter den Anwärtern um die großen Trophäen. Eine große Karriere wurde dem Regensburger schon seit seiner Jugend prophezeit, den entsprechenden Erfolgen kommt er schrittweise näher: Schmid hat sich in den USA längst etabliert, in Aronimink führte er das kleine Team der drei deutschen Starter an, die sich allesamt überzeugend verkauften. Stephan Jäger wurde geteilter 18., Martin Kaymer geteilter 35., das waren bemerkenswerte Resultate – auch wenn der Wunsch unerfüllt blieb, Kaymers Major-Erfolge aus den Jahren 2010 und 2014 zu wiederholen.Rai stammt aus einer Welt jenseits eleganter GolfklubsDie Geschichte von Rai allerdings erinnert daran, dass die PGA Championship als kleinstes der vier Major-Turniere gerne unterschätzt wird. Seit 16 Jahren gelang keinem Deutschen mehr der Sieg, aber seit 107 Jahren hatte auch kein Engländer mehr das Turnier in den USA gewonnen. Nun gelang es dem Sohn einer eingewanderten Kenianerin und eines eingewanderten Inders, die Rai in einer Welt fernab eleganter Golfklubs aufzogen, auf einem harten Karriereweg, der Spuren hinterlassen hat: Bis heute schützt Rai jeden seiner Schläger mit einer kleinen Schutzhaube, was im Profigolf sonst niemand macht. Der Hintergrund ist, dass Rai einst als Siebenjähriger ein teures Schlägerset von seinem Vater bekam – und darauf sorgsam aufpasste. Auch wenn er heute jederzeit neue Schläger von seinem Markensponsor bekommen könnte: Diese Einstellung hat er sich behalten.Über die kleinen europäischen Touren bahnte Rai sich Schritt für Schritt einen Weg in die obersten Sphären, ohne Ausbildung am College. In einem Sport, in dem es in den vergangenen Jahren meistens um Milliarden aus Saudi-Arabien und den Streit zwischen sehr reichen Sportlern ging, ist Rai ein kompletter Gegenentwurf mit Ursprüngen im Arbeitermilieu, der sich dieses Ethos beibehalten hat. Unter den Profis ist bekannt, dass Rai an den meisten Tagen der letzte Spieler ist, der die Anlage verlässt.„Golf ist ein fantastisches Spiel“, sagte er am Sonntag, als er in höflichem Ton über seinen größten Karriereerfolg sprach. Und darüber, welche Einstellung er vorleben möchte, nun in seiner Funktion als Major-Sieger: „Golf lehrt dich so viele Dinge, und es lehrt dich so viel Demut und Disziplin und absolute harte Arbeit. Denn in diesem Spiel wird einem nichts geschenkt, egal auf welchem Niveau man spielt, egal auf welchem Platz man spielt.“ Außer vielleicht ein schicksalshafter Putt zur richtigen Zeit.
Golfer Aaron Rai: Ein 21-Meter-Putt zur richtigen Zeit
Als erster englischer Golfer seit 107 Jahren gewinnt Aaron Rai die PGA Championship – mit einem sensationellen Schlag.










