Die Erfolgsserie „The Boys“ beleuchtet das Autoritäre – in der Welt der Superhelden wie in der Trumpschen Wirklichkeit. Welche Welt ist brutaler und realistischer?Eric Kripke klang beinahe frustriert. „Wir haben Homelander, der sich selbst als Gott bezeichnet. 48 Stunden zuvor hatte Trump ein Foto von sich gepostet als Jesus“, erinnerte sich der Showrunner gegenüber „A Shot Magazin“. „Die Leute fragen mich dann: ‚Bist du nicht total begeistert von diesem Zufall?‘ Und ich sage: ‚Nein, ich bin einfach nur müde.‘ Ich bin es leid, dass die Welt verrückter ist als die Serie.“ Dabei haben sich die Produzenten von „The Boys“ wirklich redlich bemüht, dem Gewirr der Gegenwart satirisch beizukommen.Seit dem Moment, als ein früherer Reality-TV-Show-Darsteller die goldene Rolltreppe seines nach ihm benannten Wolkenkratzers hinabgeglitten ist, um seine Präsidentschaftskandidatur zu verkünden, fragt sich die Unterhaltungsbranche: Wie lassen sich die lächerlichen Zustände noch verspotten? Was ist von einem US-Präsidenten zu halten, der neben einem mannsgroßen Osterhasen vor Kindern von den großartigen Kriegern der eigenen Armee schwärmt? Wie lässt sich eine US-Regierung adäquat aufs Korn nehmen, in der ein selbsternannter Kriegsminister mit gespielt religiösem Furor eine vermeintliche Bibelstelle aus „Pulp Fiction“ zitiert?Während sich die Late-Night-Shows bemühen, auch gegen präsidiale Widerstände zu überleben, und Hollywood die Waffen weitgehend gestreikt zu haben scheint, hat ausgerechnet Prime Video, das Streaming-Angebot von Amazon, seine Antwort in einer verkommenen Welt der Superhelden gefunden. „The Boys“ gehen mit der Brechstange vor. Eine geradezu surreale Gewalt aus explodierenden Köpfen und zerfetzenden Leibern wie im Body-Horror-Genre von David Cronenberg trifft darin auf eine derbe Sprache und die verwegensten Kategorien aus den Weiten der Online-Pornografie.Lesen Sie auchDie Welt von „The Boys“ ist mit Superhelden, kurz Supes, bevölkert, die sich leicht als die pervertierten Pendants der prominenten Protagonisten von DC und Marvel identifizieren lassen. Soldier Boy ist an Captain America angelehnt, Queen Maeve an Wonder Woman, The Deep an Aquaman, A-Train an The Flash, Black Noir an Deadpool, Tek Knight an Batman, Starlight an Mary Marvel. Und sie alle geben ihre ach so selbstlosen Vorbilder der Lächerlichkeit preis. Die Supes sind an das Milliardenunternehmen Vought gebunden, das sie im Labor gezüchtet hat, wie sich im Laufe der Serie herausstellt. Folglich sieht es in ihnen nur Produkte, die es mit eigenen Kinofilmen, Fast-Food-Ketten und – zumeist gestellten – Rettungstaten bestmöglich zu vermarkten gilt. Eine herausfordernde Aufgabe, denn hinter verschlossenen Türen geben sich die vermeintlichen Retter weniger heroisch. Sie sind mitunter zynisch, zumeist ungebildet, frönen vom Image abweichenden Neigungen und tendieren dazu, an jeder Ecke Kollateralschaden zu hinterlassen. Oberflächlich erzeugt die Serie damit allerhand skurrile Momente mit Unterhaltungswert. Zugleich verweist „The Boys“ auf das tiefere Problem der Superheldenfilme, die seit „Iron Man“ (2008) in der ersten Marvel-Phase das Kino im Würgegriff halten. Jene Blockbuster haben den wahren Menschen weitgehend vertrieben, die Verantwortung des Einzelnen an übermenschliche Wesen ausgelagert, die ohne demokratische Legitimation oder Kontrolle agieren. Damit dürften sie im Westen ihren Teil dazu beigetragen haben, eine autoritätshörige Weltanschauung zu etablieren.Lesen Sie auch„Das Problem ist, dass Superheldenfilme uns eine Denkweise einprägen, der zufolge wir nicht Herr unseres eigenen Schicksals sind“, beanstandete US-Satiriker Bill Maher kurz nach der ersten Wahl Trumps. „Und das Beste, was wir tun können, ist, uns zurückzulehnen und darauf zu warten, dass Star-Lord und ein verdammter Waschbär herbeigeilt kommen und unsere armseligen Ärsche retten.“ Anstelle von Diplomatie und harter Arbeit propagierten die Filme, darauf zu vertrauen, dass sich ein Held erheben werde. „The Boys“ greift diesen Gedankengang auf – und treibt ihn auf die Spitze.Lesen Sie auchAnführer der Supes ist Homelander, das Superman-Äquivalent der Serie. Er kann fliegen, durch Wände sehen und mit einem Blick seiner Laseraugen jeden Körper in Stücke schneiden. Antony Starr spielt diesen mit heroischer Pose, breitem Grinsen und kleinsten Zuckungen, die sich immer wieder bahnbrechen und dabei von seiner tiefen Unsicherheit und mangelndem Selbstwertgefühl erzählen. „Er ist physisch der stärkste Mann der Serie, aber im Grunde ist er ein Kind. Es ist der extremste Fall von Entwicklungshemmung, den Sie je zu Gesicht bekommen werden“, erläuterte Starr in der Late-Night-Show von Jimmy Kimmel. „Der zweitextremste“, korrigierte der Host, ohne aussprechen zu müssen, wen er damit meinen könnte.Diese „Freudsche Jauchegrube“, wie Vought-CEO Stan Edgar (Giancarlo Esposito) einmal sein „fehlerhaftes Produkt“ beschreibt, strebt nach uneingeschränkter Macht. Und mit Unterstützung christlicher Fundamentalisten kommt er seinem Ziel näher. „Wieso konnte Jesus auf dem Wasser gehen? Wieso kann Homelander fliegen?“, heißt es schon in der ersten Staffel. Ein Vergleich, den der Anführer der Seven – eine Art Kernteam wie die Avengers – dankend annimmt. „Ist es denn nicht meine gottgegebene Bestimmung, die Vereinigten Staaten von Amerika zu beschützen?“, fragt er rhetorisch auf der evangelikalen „Believe Expo“. Zunehmend traut sich Homelander entgegen dem Rat seiner Berater, seine wahre Gesinnung zu offenbaren. Seinen bestärkenden Leitspruch – „Ihr seid die wahren Helden!“ – verabschiedet er in Staffel 3. „Ich mache keine Fehler. Ich bin nicht wie der Rest von euch. Ich bin stärker, ich bin schlauer, ich bin besser“, betont er in einer impulsiven Wutrede. „Ihr seid nicht die wahren Helden, ich bin der wahre Held.“ Seine Anhänger goutieren es. Als jemand inmitten einer Fan-Versammlung Homelander als Faschisten beschimpft und eine Dose nach ihm wirft, tötet ihn der werdende Autokrat unumwunden per Laserblick – und die Menge tobt. Es ist das filmische Äquivalent zu Trumps Wahlkampf-Rede, in der er stolz verkündete: „Ich könnte mitten auf der Fifth Avenue stehen und jemanden erschießen – und ich würde keine Wähler verlieren.“Lesen Sie auchDem wohl diabolischsten Widersacher des Post-„Breaking-Bad“-Jahrzehnts stehen die titelgebenden „The Boys“ gegenüber. Zu ihnen gehören der schwachbrüstige Jedermann Hughie Campbell (Jack Quaid), der masochistische Killer Frenchie (Tomer Kapon), die stumme Kimiko (Karen Fukuhara), der ebenso bullige wie zwangsneurotische Mother’s Milk (Laz Alonso) sowie deren Anführer Billy Butcher (Karl Urban). Die Serie umgeht die Falle, jene als moralisch überlegen in Szene zu setzen. Ganz im Gegenteil verweist Butcher auf die Korrumpierbarkeit der Macht, als er in Anlehnung an ein bekanntes Spiderman-Zitat konstatiert: „Aus großer Kraft erfolgt die Gewissheit, dass man zu einer Eins-a-Fotze wird.“Insbesondere Butcher steht für eine kernige Männlichkeit im Stil des Actionkinos der 1980er-Jahre, die eine politisch inkorrekte Sprache mit einer radikalliberalen Grundhaltung kombiniert. Statt ihre Over-the-Top-Maskulinität der Widerstandsgruppe zu zementieren, sind die Mitglieder zudem immer offen für den selbstironischen Bruch. Butcher beschwört etwa die Einheit von „The Boys“ mit einem eher unorthodoxen Girlgroup-Vergleich: „Wenn sie es alleine versuchen, dann bringen sie es nicht, aber wenn man sie zusammenbringt, dann sind sie die verfluchten Spice Girls.“ Frenchie sieht für ihren losen Zusammenschluss eher das Prinzip der Wahlfamilie als Vorbild, wie es in der Sitcom „Golden Girls“ seinen Ausdruck gefunden hat.Lesen Sie auchEs sind auch Anspielungen wie diese, mit denen sich die Serie vom postmodernen Einerlei abhebt. Statt wie so viele Mainstream-Produktionen auf den kleinsten gemeinsamen kulturellen Nenner zu setzen, spricht „The Boys“ unterhalb der blutigen Knalleffekte ein kulturell sattelfestes Publikum an. Die Referenzen reichen von Judy-Garland-Musicals aus den 1940er-Jahren über Hardcore-Rap von Dead Prez und Public Enemy bis zu dem von Pier Paolo Pasolini als Faschismus-Parabel adaptierten Episodenroman „Die 120 Tage von Sodom“ des Marquis de Sade. Hinzu kommen historische Verweise auf Wernher von Braun oder die Iran-Contra-Affäre. Selbst eine Reminiszenz an die US-Tipps zur Zivilverteidigung à la „Duck and Cover“ findet ihren Platz.Vor allem bedient sich „The Boys“ eines gewaltigen Sammelsuriums aktueller kultureller Phänomene. Es geht um die MeToo-Bewegung und die Manosphere, weibliches Empowerment und Performative Males, Scientology und die Anonymen Alkoholiker, Meme-Kultur und Hashtag-Aktivismus mit identitätspolitischem Einschlag. Die Serie beleuchtet die Celebrity-Kultur, parodiert Casting- und Reality-Formate und stellt den Opportunismus der Corporate Culture bloß. Als etwa herauskommt, dass die eher verschlossene Queen Maeve Beziehungen mit Männern und Frauen führt, vermarktet Vought sie mit Nachdruck als „starke stolze Lesbe“. Das Konzept Bisexualität verwirre die anvisierte Zielgruppe zu sehr. Lesen Sie auchZentral bleibt jedoch die Maga‑Bewegung. Mit Firecracker (Valorie Curry) nimmt im Laufe der Serie eine Vertreterin der Krawallmedien einen Platz in den Seven ein. Sie kämpft im vorgeblichen „War on Christmas“, verbreitet auf der „Truthcon“ Verschwörungserzählungen und steht mit ihren Warnungen vor jüdischen Weltraumlasern für den Antisemitismus, der unter den Alt-Right-Vertretern in der republikanischen Partei grassiert. Am Ende von Staffel vier ruft der Speaker des Repräsentantenhauses das Kriegsrecht aus, dessen Durchsetzung in den Händen Homelanders liegen soll. „Amerika wird wieder stark, wieder stolz, vor allem aber machen wir Amerika wieder super“, prophezeit Firecracker.Es ist der autokratische Traum, der sich in der fünften und letzten Staffel verwirklicht. Von FBI und CIA bis zur Gesundheitsbehörde sind sämtliche Ämter gesäubert worden. Als De-facto-Präsident regiert Homelander durch Einschüchterung. Sein direktes Umfeld lässt er jederzeit spüren, dass er sie mit einem Blick umbringen könnte. Wer ihm öffentlich widerspricht – und sei es nur durch ein falsch gesetztes „Like“ –, findet sich in einem Internierungslager wieder, umringt von grinsenden Porträts des Alleinherrschers und gekleidet mit Hosen in den Farben der US-Flagge, wie Kid Rock sie trägt. Ob und wie sich der Abwärtsstrudel in den Absolutismus der fiktiven Welt stoppen lässt, entscheidet sich im Finale. Unterdessen geht der reale Albtraum weiter.Das Serienfinale von „The Boys“ steht ab dem 20. Mai 2026 auf Prime Video zum Streamen bereit.