Mitte der Sechziger tauchte an Londoner Wänden ein blasphemischer Graffito auf: „Clapton is God“. Der Gemeinte war kaum zwanzig, hatte aber bereits erfolgreich die Schule abgebrochen, in diversen Bands gespielt und war Teil der Blues-Renaissance, die alle britischen Gitarristen gepackt hatte. Alle wollten spielen wie B. B. King, und Eric Clapton war der König.Wenn einer quasi als Gott auf die Welt kommt, kann er außer König eigentlich nichts mehr werden. Clapton spielt sich in einen Rausch, nicht einmal die Mörderkoteletten garantieren Bodenhaftung. In seinem überkandidelten Sakko sitzt er fest, irgendwas zwischen Maître de und Rummelbude. Die Kinks spotten bereits über diesen Modenarren („His clothes are loud but never square“). Ein Jahr später werden sich die Beatles als „Sergeant Pepper’s Heart Club Band“ kostümieren, 1968 laden die Rolling Stones in den „Rock’n’Roll Circus“, aber Clapton trägt schon 1966 die lustigen Oma-Farben aus der Carnaby Street. MAGO/Michael Putland / Avalon/IMAGO/Avalon.redEr hat die Yardbirds verlassen, weil sie ihm zu sehr auf den Markt schielten, er ist bei John Mayalls Bluesbreakers gewesen, jetzt tut er sich mit Ginger Baker und Jack Bruce zusammen, sie bilden Cream. Nicht die lauteste Band, aber die, bei der alles Exzess ist. Clapton, schüchtern, weltfremd und kotellettiert, stellt sich vor mit der Gibson Les Paul und dem Marshall-Verstärker, hier bei ihrem ersten offiziellen Auftritt im Juli 1966 beim National Blues and Jazz Festival in Windsor. Bruce hämmert am Bass, Baker berserkert hinten an seinen Schlagwerkzeugen, Clapton verirrt sich in unerhörten Soli. Bei ihren Konzerten können sie gar nicht mehr aufhören zu spielen, damit werden sie berühmt, spielen „White Room“ und „I Feel Free“ und werden zur ersten Supergroup ernannt.Eric und Pattie: die zweit- oder drittgrößte Liebesgeschichte des vergangenen JahrhundertsDie Supergroup macht es nicht lang. Baker und Bruce prügeln sich wie ein gut geöltes Ehepaar, Clapton will aber spielen, zieht weiter, sucht sich Bands wie Derek and the Dominos zusammen. Und hier erst beginnt die Clapton-Sage, die zweit- oder drittgrößte Liebesgeschichte des vergangenen Jahrhunderts, inspiriert von der persischen Legende von Leila und Madschnun und natürlich reine Literatur: Clapton verliebt sich in das Model Pattie Boyd. Die ist aber vom Maharishi Mahesh Yogi spiritualisiert und außerdem die Ehefrau von George Harrison, der sich mit „While My Guitar Gently Weeps“ gerade von den Beatles zu emanzipieren beginnt, wobei ihm als Gastmusiker Clapton mit seinen Bluesfarben hilft.Es kommt, wie es nicht kommen soll: Clapton schreibt Pattie maßlose Briefe, schreibt „Wonderful Tonight“, schreibt vor allem „Layla“ für sie, die größte aller Hymnen (wegen des Intros längst unter die Räder ausgerechnet der Opel-Werbung gekommen) und droht ihr schließlich damit, heroinsüchtig zu werden, wenn sie ihn nicht erhört.Pattie Boyd Harrison, la belle dame sans merci höchstpersönlich, erhört ihn trotzdem nicht, hat dafür aber eine Affäre mit Ronnie Wood, der da noch nicht, aber bald für die Rolling Stones arbeiten wird, und Clapton erfüllt sein Versprechen. Er wird für drei Jahre total heroinabhängig, bis ihm Pete Townshend, das ist wiederum der Gitarrist und Gründer von The Who, zu einer Therapie verhilft.Für das Solo in Bangladesch müsste er von Rechts wegen in den Himmel kommenBeim Konzert für Bangladesch, das George Harrison 1971 im Madison Square Garden organisiert, kommt auch sein Freund auf die Bühne, spindeldürr, umschlottert von einem Jeansanzug, sichtlich am Rand seiner Kräfte. Seine Freundin Alice Ormsby-Gore hat vor dem Konzert noch versucht, für ihn Heroin einzukaufen. Es gab nichts; Methadon muss helfen, damit er nicht gleich umkippt. Aber dann liefern sich die beiden Gitarreros Harrison und Clapton ein freundschaftliches Duell, spielen wieder zusammen „While My Guitar Gently Weeps“, bis Clapton ein Solo hinlegt, für das er von Rechts wegen in den Himmel kommen müsste, wenn er dort nicht ohnehin schon wäre.Und seltsam, er erholt sich, lässt aber nur vom Rauschgift, nicht von Pattie, die er schließlich doch für sich gewinnt. Allerdings hält diese viel zu hochgemute Liebe dann doch wieder nicht. Clapton zeugt Kinder mit anderen Frauen und ergibt sich – ebenso radikal wie zuvor dem Heroin, dem Blues und der Liebe – dem Alkohol. Weil es ja ohne diesen Rausch nicht geht.Anfangs traute er sich kaum zu singen, und es stimmt ja, Clapton hat keine Stimme. Gut, Bob Dylan kann auch nicht richtig singen und Mick Jagger auch nicht wirklich, aber darauf kommt es nicht an. 1974 brachte Clapton seine Version von Bob Marleys „I Shot the Sheriff“ heraus. Kein Gitarrensoloexzess, entspannt, cool. Beim Nölen im Reggae-Sound hatte er seine Stimme gefunden (mit Yvonne Elliman im Chor kam sie zu Kräften), und plötzlich wurde der Solokünstler Clapton hitparadenfähig. Kevin Winter/Getty Images for Crossroads GuitUm also die Frage zu beantworten – ist er noch der Alte? Kann er doch gar nicht. Hier im Bild ist er 78. So Sachen, die ein alter Mann meint, hat Clapton schon als vergleichsweise junger von sich gegeben. Wie viele Rockstars hat er sagenhaften Schwachsinn gesagt, hielt England für übervölkert und hätte die Immigranten am liebsten aus dem Land gejagt. Er musste den Tod seines Sohnes Conor verkraften, der mit vier Jahren aus dem Fenster stürzte. Er musste den Tod so vieler Musiker verkraften, mit denen er gespielt hat: Brian Jones, Jimi Hendrix, George Harrison und Duane Allman. Er hat überlebt und dabei den Blues nicht verlernt.Das Bild zeigt ihn 2023 mit der Fender Stratocaster beim Crossroads Guitar Festival in Los Angeles, das er selbst gegründet hat und zu dem er regelmäßig befreundete Musiker einlädt. Die Klamotten? Extrem lässig. 2023 waren Santana, Stephen Stills und Sheryl Crow dabei. Die anderen spielten und sangen „Layla“, aber von ihm kam „I Shot the Sheriff“. Mit Stevie Wonder zusammen sang er den Bluesklassiker „Crossroads“.Natürlich hat er sich verändert. Die Koteletten braucht er zum Glück nicht mehr. Mit der Brille sieht er eher nach Vertrauenslehrer aus als wie ein dauerberauschter Rockstar. Eric Clapton ist ein freundlich lächelnder älterer Herr geworden, und nölen kann er wie keiner. Heute gibt es nichts mehr, was ihn anfechten könnte, kein Heroin, keine Frau, ein Gott sowieso nicht. Er ist keiner, dafür der beste Gitarrist der Welt. Am 13. Mai tritt er in Mannheim auf, am Freitag (15. Mai) in Köln und am 17. Mai ist er in München.