Der Erfolg der Superstar-Firmen wird immer extremer: Warum ein Nvidia-Angestellter tausendmal mehr zählt als ein VW-MitarbeiterDie modernen Tech-Firmen sind enorm profitabel – doch sie brauchen dafür immer weniger Angestellte. «Jobless growth» lautet das neue Schlagwort.18.05.2026, 08.26 Uhr5 LeseminutenLabor zur Herstellung von Computer-Chips: Die nötigen Rechenleistungen für die künstliche Intelligenz erfordern hohe Investitionen.Piroschka Van De Wouw / ReutersUnfassbare 5700 Milliarden Dollar beträgt der Börsenwert von Nvidia. Noch nie war eine Firma auf dieser Welt wertvoller. Viele kennen zwar den Namen Nvidia, was das Unternehmen genau macht, wissen aber nur die wenigsten: Es entwickelt Computerchips, die vor allem für die künstliche Intelligenz zum Einsatz kommen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um die Summe von 5700 Milliarden zu verdeutlichen: Den gleichen Wert erreichen sämtliche an der Börse kotierten Firmen in der Schweiz und Deutschland zusammen – das sind fast 700 an der Zahl. Alle diese Unternehmen beschäftigen grob geschätzt 10 Millionen Menschen, allein Volkswagen kommt auf 600 000 Angestellte.Ganz anders dagegen Nvidia: Die im kalifornischen Santa Clara beheimatete Firma zählt gerade einmal 42 000 Beschäftigte. Das ergibt einen sagenhaften Börsenwert von 136 Millionen Dollar pro Mitarbeiter. Nimmt man folglich den Aktienmarkt als Massstab, so ist ein Nvidia-Angestellter über tausendmal mehr wert als ein solcher bei Volkswagen. Denn beim Autokonzern erreicht die Marktkapitalisierung pro Mitarbeiter lediglich 100 000 Dollar.«The winner takes it all»Der spektakuläre Aufstieg der sogenannten Superstar-Firmen begann vor etwa zehn Jahren. Im Jahr 2018 gelang es Apple erstmals, bei der Börsenkapitalisierung die Schallmauer von 1000 Milliarden Dollar zu durchbrechen. Das Phänomen der «trillion dollar companies» entstand wegen der Globalisierung sowie der Digitalisierung. Diese Firmen basieren auf Plattformen, die nach dem «Winner takes it all»-Prinzip funktionieren. Dadurch erzielen sie enorme Gewinne.2018 besass Nvidia noch einen bescheidenen Börsenwert von 70 Milliarden Dollar. Seither jedoch haben die führenden Tech-Konzerne einen unglaublichen Boom erlebt. Die Speerspitze bilden die «magnificent seven», bestehend aus Nvidia, Alphabet, Apple, Microsoft, Amazon, Meta und Tesla. Die gemeinsame Marktkapitalisierung dieser «grossartigen Sieben» summiert sich inzwischen auf 24 000 Milliarden Dollar.Das Spezielle an Nvidia ist nicht nur, wie rasch das Unternehmen zur Nummer eins aufgestiegen ist. Im Vergleich zu den Superstar-Firmen der ersten Generation schafft Nvidia den überragenden Börsenwert mit nochmals weniger Angestellten. Apple oder Alphabet beschäftigen das Vier- bis Fünffache an Personal. Entsprechend beträgt deren Marktkapitalisierung pro Mitarbeiter «nur» 24 Millionen Dollar.Selbst ein solcher Wert ist aber für die führenden Unternehmen aus Europa völlig unerreichbar. Die Pharmakonzerne Novartis und Roche kommen auf 3 bis 4 Millionen pro Mitarbeiter. Bei der Bank UBS oder der Versicherung Allianz sind es lediglich etwas mehr als eine Million. Industriefirmen liegen nochmals darunter.Wachstum ohne zusätzliche JobsDoch welche Folgen hat der Siegeszug dieser Superstar-Firmen für die Wirtschaft? Was auffällt, ist die starke Zunahme der Gewinnkonzentration. Nimmt man die 5000 führenden Unternehmen weltweit, so erwirtschaftet das rentabelste 1 Prozent mittlerweile über einen Drittel der gesamten Gewinne.Allerdings schaffen diese Konzerne trotz den hohen Profiten kaum neue Arbeitsplätze. Die «magnificent seven» haben ihren Umsatz innerhalb von drei Jahren um 50 Prozent gesteigert – dies allerdings mit nahezu derselben Belegschaft. Hier zeigt sich das Wesen der Plattformökonomie: Ein erfolgreiches Geschäftsmodell lässt sich multiplizieren, ohne dass dabei zusätzliche Kosten anfallen.Bereits macht das Schlagwort «jobless growth» (Wirtschaftswachstum ohne Beschäftigungsanstieg) die Runde. Die Consultingfirma KPMG stellt in einer neuen Studie fest, dass der Boom bei der künstlichen Intelligenz zwar das Bruttoinlandprodukt in die Höhe treibe, dass gleichzeitig aber keine neuen Stellen entstünden. Ein solches Auseinanderklaffen habe sie in ihrer vierzigjährigen Tätigkeit noch nie gesehen, lautet das Fazit der KPMG-Chefökonomin Diane Swonk.Viele Beschäftigte würden sich daher an ihre bestehenden Jobs klammern, so Swonk, was zu einer Mobilitätsfalle führe. Denn der beste Weg, um den eigenen Lohn zu verbessern, sei ein Stellenwechsel. Doch die Kündigungsrate in den USA ist auf den tiefsten Stand seit über zehn Jahren gesunken.Notenbank-Gouverneur warntAndere Ökonomen bestätigen das Bild: Obwohl keine Rezession herrscht, wächst die Zahl der Stellen kaum noch. Die Bank JP Morgan hält es für möglich, dass die Beschäftigung in den kommenden fünf Jahren stagniert. Auch das Konsumentenvertrauen in den USA ist derzeit so tief, wie es sonst nur in einer Rezession zu beobachten ist.Michael Barr, Gouverneur bei der US-Notenbank Fed, hat ebenfalls eine deutliche Warnung ausgesprochen. In einer Rede in New York skizzierte er das Szenario, wonach die künstliche Intelligenz einen «jobless boom» herbeiführe, der einen erheblichen Teil der Bevölkerung «im Prinzip beschäftigungsunfähig» mache. «Wir sollten uns klar darüber sein, wie schmerzhaft diese Veränderungen für die betroffenen Arbeitnehmer sein könnten und wie schwierig es für die Regierung und die Privatwirtschaft wäre, die Folgen zu bewältigen», sagte Barr.Die Superstar-Firmen sind somit mitverantwortlich für die sinkende Lohnquote, also den tieferen Anteil der Erwerbstätigen am Volkseinkommen. Zudem verlagert sich die Wertschöpfung zu einigen wenigen Überfliegern, was die Ungleichheit in der Gesellschaft verstärkt. Gleichzeitig sind diese Unternehmen oft von einer dominanten Person abhängig. Bei Nvidia ist dies Jensen Huang, der CEO seit der Gründung 1993. Auch bei Tesla erachten die Aktionäre den Konzernchef Elon Musk für so unabdingbar, dass sie ihm ein riesiges Gehaltspaket zugesprochen haben. Im besten Fall könnten die Zahlungen in den nächsten zehn Jahren die Summe von 1 Billion Dollar erreichen.«Unicorns» brauchen immer weniger LeuteDank der künstlichen Intelligenz entsteht bereits die nächste Generation von Superstar-Firmen: Startups, die aus einer einzigen Person bestehen. Die Rede ist auch von «solopreneurs». Während ein Gründer früher auf ein ganzes Team zurückgreifen musste, um die eigene Firma zum Wachsen zu bringen, übernehmen dies heute spezialisierte KI-Anwendungen sowie temporäre Freelancer.Die Zeitschrift «The Economist» spekuliert bereits, wann das erste «Ein-Personen-Unicorn» entstehen wird. «Unicorns» sind Startups, deren Bewertung 1 Milliarde Dollar übersteigt. Gemäss der Datenbank Dealroom existieren schon heute «Unicorns» mit weniger als zehn Beschäftigten.So wertvoll die Superstar-Firmen sind, um innovative Technologien voranzutreiben: Dass die Wertschöpfung von immer weniger hochprofitablen Unternehmen stammt, bedeutet für die Wirtschaft ein zunehmendes Risiko. Die künstliche Intelligenz verschärft diese Abhängigkeit noch.Entsprechend wächst in der Bevölkerung die Skepsis gegenüber der KI. Laut einer neuen Umfrage des TV-Senders NBC sind 57 Prozent der Amerikaner überzeugt, dass die Nachteile der KI gegenüber dem Nutzen überwiegen. Doch obwohl die Arbeitnehmer kaum profitieren, sind Nvidia und Co. für die Wirtschaft als Ganzes unabdingbar geworden. Bereits eine leichte Schwäche an der Börse würde genügen, um den gesamten Aktienmarkt nach unten zu reissen. Die Anleger, die bisher am Boom verdient haben, müssten dann erhebliche Verluste hinnehmen.Passend zum Artikel
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