Wie Anleger mit Verlusten umgehen sollen – und warum Emotionen bei dem Thema keinen Platz habenFür Börsenneulinge kann die Angst vor Einbussen bedrohlich wirken. Warum sie sich davon nicht beeinflussen lassen sollten und wie sie die grössten Fehler vermeiden.18.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenAlles für den Papierkorb? Beim ersten Verlust sollten Anleger die Nerven bewahren.Illustration Simon Tanner / NZZDer Iran-Krieg, die Angst vor steigenden Ölpreisen, dazu periodisch neue Zollandrohungen aus dem Weissen Haus: Wie lange kann das gutgehen? Wann kommt der nächste Börsencrash? Selbst gestandene Investoren werden angesichts der gegenwärtigen geopolitischen Lage nervös. Umso mehr gilt das für Börsenneulinge.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zwar korrigieren die Märkte seit der Corona-Pandemie 2020 immer wieder – 2022 nach dem Beginn des Kriegs in der Ukraine und der Zinswende, 2025 kam der sogenannte Liberation Day und jüngst der Krieg in Iran. Ein grosser Crash an den Finanzmärkten ist seit der Finanzkrise 2008/09 allerdings ausgeblieben. Für Matthias Geissbühler, Anlagechef bei Raiffeisen Schweiz, ist daher klar: «Viele Anleger haben verlernt, mit Verlusten umzugehen.»Früher oder später könnte es jedoch wieder eine mehrjährige Korrektur an den Börsen geben. Mit umsichtiger Planung endet ein Marktabschwung aber nicht im Fiasko.Mein erstes Mal investierenSei es der erste Immobilienerwerb, die ersten Kinder oder auch der erste Verlust: Die NZZ zeigt in dieser Serie, worauf man beim erstmaligen Investieren oder bei neuen Lebensumständen achten muss und wo die Fallstricke sind.Wie weit verbreitet ist die Angst vor Verlusten?Die Angst vor Verlusten ist einer der wichtigsten Gründe, weshalb Personen nicht investieren. Das geht aus einer Studie vom November 2025 hervor, welche die Universität Luzern im Auftrag der Luzerner Kantonalbank durchgeführt hat. Dabei zeigen sich Unterschiede bei Geschlecht und Alter:Während zwei Drittel der befragten Frauen Angst vor Verlusten haben, sind es bei den Männern nur etwas mehr als ein Drittel. Ebenso sind Personen mit einem Wohnsitz in der Westschweiz bei Investitionen ängstlicher. Jüngere Personen fürchten sich laut der Studie dagegen tendenziell weniger vor Verlusten an den Finanzmärkten als ältere.Wie Anleger mit Verlusten umgehen, hat viel mit Erfahrung zu tun. «Wir sind adaptive Lerner», sagt Thorsten Hens. Er ist Professor für Wirtschaft an der Universität Zürich mit dem Spezialgebiet Verhaltensökonomie. Verbrennen sich Kinder einmal die Finger an einer Herdplatte, dann machen sie das beim zweiten Mal hoffentlich nicht mehr.Dieses Muster lässt sich laut Hens auch auf die Börse übertragen: Wer beim ersten Investment Geld verliert, kehrt dem Markt oft für Jahre den Rücken. Dies war beispielsweise in Deutschland beim Börsendebakel der Deutschen Telekom der Fall. 1996 als Volksaktie angepriesen, lockte sie eine grosse Anzahl von Privatanlegern an die Börse. Vier Jahre später krachte der Kurs zusammen. «Das hat fast eine ganze Generation von Aktionären von den Märkten weggetrieben», sagt Geissbühler. Für den Vermögensaufbau ist das fatal.Warum fürchten wir uns vor Verlusten?Niemand verliert gerne Geld. Das haben die Psychologen Daniel Kahneman und Amos Tversky mit einem Experiment gezeigt: Nach einem Münzwurf gibt es bei Kopf 150 Franken zu gewinnen, bei Zahl sind 100 Franken verloren. Die meisten Menschen gewichten den Frust bei einem Verlust stärker als die Freude an einem Gewinn – selbst wenn dieser höher ausfällt. «Verlustaversion» nennen Kahneman und Tversky dieses Phänomen.Sie haben diese Verlustaversion sogar beziffert. Für die meisten liegt sie ungefähr beim Faktor 1:2. Um einen Verlust von 100 Franken verschmerzen zu können, muss der versprochene Gewinn 200 Franken betragen. Für die beiden Psychologen liegt die Ursache dafür in der Evolutionsgeschichte. Wer auf Bedrohungen rascher reagierte als auf gute Gelegenheiten, hatte eine bessere Überlebenschance.Welche Folgen hat dies für Anleger?Die Angst vor Verlusten führt zu irrationalem Verhalten: Anleger neigen dazu, Wertpapiere, die im Kurs steigen, viel zu früh zu verkaufen. Gleichzeitig halten sie jedoch viel zu lang an Aktien fest, deren Kurs eingebrochen ist. Sie sehen erst einmal nur Buchverluste, die erst durch den Verkauf auch tatsächlich realisiert werden.«Sie hoffen immer noch auf eine Erholung und kaufen fatalerweise sogar nach, um Verluste aufzufangen», sagt der Vermögensverwalter Adriano Lucatelli. Damit wollen Anleger zumindest wieder ihren Einstiegspreis erreichen. Das hat teilweise bizarre Folgen: Nicht selten sieht Lucatelli in Kundendepots noch Aktien der Credit Suisse oder von Wirecard stehen – sozusagen ein Mahnmal für zu spät getroffene Entscheidungen. Anleger warten oftmals zu lange auf die Erholung. Diese verläuft asymmetrisch: Verliert eine Aktie 50 Prozent an Wert, muss sie sich verdoppeln, um wieder beim Einstiegspreis zu sein.Die Kunst besteht darin, im Abschwung die Nerven zu behalten und sich nicht vom Herdentrieb mitreissen zu lassen. Im Gegensatz zu Einzelaktien gleichen sich die Verluste im Gesamtmarkt über die lange Frist gesehen wieder aus. In der Finanzkrise 2008 hat der amerikanische S&P 500 mehr als die Hälfte seines Wertes verloren. Es dauerte rund 5,5 Jahre, bis er seine Verluste wieder vollständig aufgeholt hatte. Erst 2013 schloss er wieder über dem Vorkrisenniveau.Wie können Anleger Fehler vermeiden?Verhindern lassen sich Verluste beim Investieren nie ganz. Wer ein paar Punkte beachtet, kann die Auswirkungen aber zumindest etwas abfedern. So sollten Anleger ihr Geld gestaffelt an der Börse anlegen. «Damit gleichen sich Verluste über die Zeit aus», sagt Professor Hens.Ideal sind regelmässige Einzahlungen in breit diversifizierte ETF, etwa mit einem Fondssparplan. So lässt sich das Risiko über die Zeit besser verteilen. Dazu kommt: Wer regelmässig investiert, senkt das Risiko, einmal eine grosse Summe zum falschen Zeitpunkt zu investieren - sprich, kurz vor einem grossen Crash.Diversifikation kann ebenfalls dabei helfen, Verluste abzufedern. Läuft es in einer bestimmten Region oder Branche schlecht, wird dies in einem breit aufgestellten Fonds eher aufgefangen. Dennoch ist vor allem die jüngere Generation anfällig für Spekulationen. Die sozialen Netzwerke sind voll mit sogenannten Finfluencern, welche Investoren das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Momentan interessiere alles brennend, was mit dem Thema Halbleiter zu tun habe, sagt Matthias Geissbühler.Vorher seien es Kryptowährungen gewesen, dann seien Anleger auf den Zug mit Edelmetallen aufgesprungen. Solche Hypes sind für Privatinvestoren jedoch risikobehaftet. Bis sie investieren, sei der Trend oft schon weit fortgeschritten und die Anlagen entsprechend hoch bewertet, sagt Geissbühler. «Hohe Bewertungen können zu scharfen Korrekturen führen.»Grundsätzlich gilt jedoch: Anleger sollten auch bei einem starken Kursrückgang möglichst emotionslos reagieren. Der Crash kommt nie dann, wenn man ihn erwartet. Gerade für Investoren, die noch nicht über viel Erfahrung beim Anlegen verfügen, kann es sich lohnen, die genauen Investitionsziele festzuhalten. «Nur auf das eigene Bauchgefühl zu hören, wäre bei einem Verlust ein schlechter Ratgeber», sagt Lucatelli. Einen Verlust zu realisieren und sich von gewissen Wertpapieren zu verabschieden, ist laut ihm aber nur bei ganz schlechten Investitionen sinnvoll. Dem Finanzmarkt komplett den Rücken zu kehren, ist jedoch der falsche Weg. Sonst lassen Anleger potenzielle Rendite liegen.Wann sollten Investoren bei Verlusten trotzdem handeln?Anleger sollten ihr Portfolio regelmässig überprüfen. Eine Faustregel, wann sie sich von Wertpapieren mit einer schlechten Kursentwicklung trennen sollen, gibt es nicht. Matthias Geissbühler empfiehlt in einem solchen Fall, sich selbst zu fragen, ob man die Wertpapiere heute immer noch kaufen würde. «Ist das nicht der Fall, sollte man sie verkaufen.»Das bedeutet aber nicht das Ende einer bestimmten Strategie. Investoren finden meist ausreichend Alternativen. Zum Beispiel Novo Nordisk: Der dänische Gesundheitskonzern hat im letzten Jahr einen Drittel seines Wertes eingebüsst. Wer vom Trend zu den Fett-weg-Medikamenten profitieren will, der findet auch noch andere Unternehmen in dem Bereich.Zum Vermögensverwalter Lucatelli kommen immer wieder Kunden, die nach einer falschen Beratung Verluste erlitten haben. Darüber zu sprechen, fällt vielen aber nicht leicht. «Verluste sind mit Scham behaftet», sagt Lucatelli. Er versuche ihnen dann möglichst ohne Emotionen zu erklären, dass diese zum Investieren dazugehörten. Akzeptieren Anleger dies, ist der erste Verlust zwar nicht schön, aber heilsam.Passend zum Artikel