Europa, die Mutter aller Katastrophen: Safae el Khannoussis fesselndes RomandebütAls der Roman «Oroppa» in den Niederlanden erschien, wurde er frenetisch besprochen und stürmte die Bestsellerliste. Tatsächlich ist der 31-jährigen Autorin Safae el Khannoussi ein widerspenstiger literarischer Wurf gelungen.Timo Posselt18.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenPostkoloniale Erzählperspektive: Safae el Khannoussi.Merlijn DoomernikEs gibt Bücher, die man nach der letzten Seite sofort von vorne beginnen möchte. «Oroppa» der niederländisch-marokkanischen Schriftstellerin Safae el Khannoussi ist so ein Buch. Nicht nur, weil es ein grosser Spass ist, sondern auch, weil man erst dann alle Indizien zusammenhat, um die zahllosen Rätsel zu lösen, die einem die 31-Jährige beim Lesen ihres Debütromans aufgebürdet hat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.«Oroppa» erzählt die Geschichte der jüdisch-marokkanischen Künstlerin Salomé Abergel, die auf dem Höhepunkt ihres Erfolgs plötzlich verschwindet und im Anschluss von ihrer Amsterdamer Galeristin bis nach Tunesien gesucht wird. Allerdings ist das eine Untertreibung. Schliesslich erzählt dieser Roman zum Beispiel auch detailliert vom Alltag eines marokkanischen Einwanderers, der in Amsterdam versucht, Fuss zu fassen, scheitert und schliesslich zum Alkoholiker wird, bis ihn seine Vergangenheit einholt. Er erzählt auch von einer linksradikalen Gruppe, den sogenannten «sieben Schläfern», die sich mehrmals pro Woche in heruntergekommenen Coffee-Shops treffen, um sich das Gehirn «porös» zu kiffen und gleichzeitig einem geheimnisvollen Untergrundsystem der «magischen Marxisten» auf die Spur zu kommen.Offene Rechnungen?Das Buch erzählt ebenso von einem bisexuellen Amsterdamer Literaturprofessor, der sich während der deutschen Besetzung mit den Nazis arrangierte, um sich danach als ihr grösster Gegner zu inszenieren. Es erzählt auch von Salomé Abergels Sohn, der im Pariser Arbeiterstadtteil Belleville eine Bar betreibt und sich kopflos in eine draufgängerische Unbekannte verliebt, bis er seiner Mutter einen folgenschweren Gefallen tun muss. All diese Geschichten werden in «Oroppa» zu einer wuchernden Erzählung zwischen Amsterdam, Tunis, Kairo, Casablanca und Paris, wo auf Rausch, Sex, Gewalt auch Witz folgt und über allem die Frage steht: Hat hier jemand mit Europa noch eine Rechnung offen?Zugegeben, nicht immer macht es einem dieses Buch leicht. Aber hat man die ersten etwas hermetischen Seiten hinter sich, begibt man sich beim Lesen sogleich in ein erzählerisches Dickicht, das unübersichtlich und fesselnd zugleich ist. El Khannoussis Sprache, grandios übersetzt von Stefanie Ochel, reicht dabei von liebevoller Verschrobenheit über beissenden Spott bis zu einer plastischen Körperlichkeit, in der man die abgeranzten Kaschemmen, in denen sich die Figuren ständig treffen, förmlich riechen kann. Die dauerkiffenden «sieben Schläfer» zum Beispiel tummeln sich meist in einem Amsterdamer Coffee-Shop mit dem Namen «Rainblow City», der als eine «nicht allzu missgestaltete Kreuzung aus altmodischem Bordell und Spelunke mit einem abgewetzten, zusammengewürfelten Mobiliar» beschrieben wird. Wo sie regelmässig wie ein «Blutgerinnsel» den Tisch beim Eingang besetzen.Immer wieder gelingen el Khannoussi poetische Beschreibungen. Beispielsweise wenn von einem «hellgrauen Himmel» die Rede ist, der an «eine Glasglocke» erinnert, ein «zugestaubtes Ding, über das jemand einen alten Lappen gelegt» hat. Immer wieder versteckt sie Anspielungen auf Werke der westlichen Philosophie, tippt literarische Klassiker aus dem Nahen Osten an oder stellt historische Bezüge her: etwa indem sie die Aufstände des Arabischen Frühlings von 2011 der systematischen Verfolgung von Oppositionellen unter der Herrschaft des marokkanischen Königs Hassan II. in den 1970er und 1980er Jahren gegenüberstellt.Neustart auf dem alten KontinentWegen ihres labyrinthischen Erzählstils wurde el Khannoussi von Kritikern etwas voreilig mit Roberto Bolaño verglichen, dem verstorbenen Autor von «2666» und Giganten der jüngeren lateinamerikanischen Literatur. Vielmehr ist el Khannoussi mit ihrer postkolonialen Erzählperspektive eine literarische Verwandte des senegalesischen Schriftstellers Mohamed Mbougar Sarr, der 2021 für «Die geheimste Erinnerung der Menschheit» mit 31 Jahren den wichtigsten französischen Literaturpreis, den Prix Goncourt, erhielt.So eint die Figuren in «Oroppa» ihre Geschichte als Gestrandete, die es aus Nordafrika auf den alten Kontinent verschlagen hat und die nun versuchen, ihm ein neues Leben abzuringen. Davor waren sie linke Dissidentinnen, arglose Studenten, einfache Polizisten, jüdische Intellektuelle oder sadistische Folterer. Ihre Gewalt- und Verwandtschaftsbeziehungen kreuzen sich in ihren Biografien und brechen auf, als sie sich Jahrzehnte später in den europäischen Metropolen unversehens gegenüberstehen.Der titelgebende Kontinent «Oroppa», wie er in der marokkanisch-französischen Aussprache heisst, ist in diesem Roman also weniger ein Sehnsuchtsort als ein pulsierendes Organ, das ununterbrochen Blut in die vielen Geschichten der Kolonialisierung und ihrer unguten Enden pumpt. Als wäre der alte Kontinent der politische Ursprung aller Katastrophen. In Europa, so beschreibt es eine Figur in Anlehnung an Thomas Hobbes’ «Leviathan» einmal, komme man sich vor wie auf einer «uralten, monströsen, von einer mysteriösen Krankheit befallenen Kreatur, die ihre Bewohner jederzeit in die Katastrophe stürzen konnte, einfach indem sie sich schüttelt».Als der Roman «Oroppa» im Jahr 2024 in den Niederlanden erschien, stürmte er die Bestsellerliste und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Die Autorin, 1994 im marokkanischen Tanger geboren und im Alter von vier Jahren nach Amsterdam gekommen, schrieb damals gerade ihre Doktorarbeit in politischer Philosophie. Spätestens jetzt, wenn der Roman auf Deutsch und in zahlreichen anderen Sprachen erscheint, lässt sich sagen: Ihr ist tatsächlich ein widerspenstiger literarischer Wurf gelungen.Safae el Khannoussi. «Oroppa». Roman, aus dem Niederländischen von Stefanie Ochel. Hanser-Verlag, München 2026. 351 S., Fr. 35.90.Passend zum Artikel
Europa, die Mutter aller Katastrophen: Safae El Khannoussis Debütroman «Oroppa»
Als der Roman «Oroppa» in den Niederlanden erschien, wurde er frenetisch besprochen und stürmte die Bestsellerliste. Tatsächlich ist der 31-jährigen Autorin Safae el Khannoussi ein widerspenstiger literarischer Wurf gelungen.






