KommentarDer amerikanische Präsident hat die einzigartigen Vorteile der USA untergraben: ihre Allianzen, ihre Soft Power und ihre institutionelle Überlegenheit. Nun ist er gegenüber China plötzlich am kürzeren Hebel. Mit seinem Besuch demonstrierte er die eigene Schwäche.18.05.2026, 06.39 Uhr6 LeseminutenAm Freitag führte der chinesische Staatschef Xi Jinping den amerikanischen Präsidenten Donald Trump durch den Zhongnanhai-Garten in Peking.Evan Vucci / ReutersWegen des Kriegs mit Iran hatte Donald Trump den Besuch in Peking aufgeschoben. Nun erwies er dem chinesischen Staatschef Xi Jinping dennoch die Ehre, obwohl im Nahen Osten keineswegs Frieden eingekehrt ist. Auch der ehemalige Vizeaussenminister und Asien-Koordinator Kurt Campbell sprach in einem Interview mit der Denkfabrik Atlantic Council von einer «aussergewöhnlichen Reise». Die USA befinden sich im Krieg mit Iran, dessen Regime von China unterstützt wird. Trump lässt sich trotzdem vom Freund seines Feindes hofieren. Ein untrügliches Zeichen der Schwäche.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Offiziell herrscht ein brüchiger Waffenstillstand zwischen Iran und den USA. Aber Trump hält an der Seeblockade fest und drohte Teheran am Dienstag mit erneuten Luftangriffen: «Entweder einigen wir uns auf ein Abkommen, oder sie werden vernichtend geschlagen.» Ähnlich äusserte sich auch Verteidigungsminister Pete Hegseth: «Wenn nötig, haben wir einen Plan für eine Eskalation.»Unnötige LobeshymnenIran hält der Blockade bis anhin jedoch besser stand als erwartet, kontrolliert weiterhin die Strasse von Hormuz und bietet keinerlei Konzessionen zu seinem Atomprogramm an. Seine Widerstandsfähigkeit verdankt Teheran dabei auch China. Seit Jahren hilft Peking der Islamischen Republik, die westlichen Sanktionen zu umgehen. China kauft rund 90 Prozent der iranischen Erdölexporte und liefert unter anderem auch westliche Güter, die für zivile Zwecke, aber auch für die iranischen Waffenprogramme verwendet werden können. Die vor einem Jahr eröffnete Eisenbahnverbindung zwischen Iran und China dient Teheran nun dazu, die Folgen der amerikanischen Seeblockade abzudämpfen.Die iranischen Revolutionswächter hätten 2024 einen chinesischen Spionagesatelliten erworben, berichtete die «Financial Times» im April. Dieser ermöglichte es den Iranern, präzise Angriffe auf amerikanische Stützpunkte und dort stationierte Flugzeuge auszuführen. Auch andere chinesische Firmen sollen Teheran angeblich mit Satellitenaufnahmen von amerikanischen Militäreinrichtungen beliefert haben. Washington verhängte deshalb kürzlich Sanktionen gegen drei chinesische Anbieter von Satellitenbildern. Zudem belegte die Trump-Regierung chinesische Abnehmer von iranischen Erdöllieferungen mit weiteren Sanktionen. Doch die Regierung in Peking wies die fünf Raffinerien an, die amerikanischen Strafmassnahmen zu ignorieren.Aber das ist noch nicht alles: Gemäss amerikanischen Geheimdiensten soll China womöglich schultergestützte Flugabwehrraketen an Iran geliefert – oder einen solchen Schritt zumindest erwogen haben. Peking hilft in diesem Krieg dem Feind der USA. Aber dies scheint Trump nicht zu kümmern. Er hätte den Besuch in Peking auf unbestimmte Zeit verschieben können. Stattdessen reiste der amerikanische Präsident hin und überschüttete den chinesischen Staatschef mit Lobeshymnen. Auf Truth Social nannte er Xi Jinping am Dienstag einen «aussergewöhnlichen Anführer». Bei dem bilateralen Treffen am Dienstag sagte er dem Autokraten: «Es ist eine Ehre, Ihr Freund zu sein.»Chinesisches SäbelrasselnXi fühlte sich vermutlich geschmeichelt. Aber genauso dürfte er die übertriebene Ehrerbietung des amerikanischen Präsidenten als weiteres Zeichen der Schwäche verstanden haben. Und dies zu Recht: Trump behauptet zwar, er benötige keine chinesische Hilfe, um einen gesichtswahrenden Ausweg aus dem Krieg mit Iran zu finden. Doch in Wirklichkeit braucht er Peking unbedingt dafür. China ist Teherans wichtigster Handelspartner. Kein anderes Land hat einen grösseren Einfluss auf Iran. Vor wenigen Wochen soll das Reich der Mitte entscheidend dazu beigetragen haben, Teheran von einer Waffenruhe mit den USA zu überzeugen.Auch Peking hat ein Interesse an einer Öffnung der Strasse von Hormuz und einer Deeskalation im Persischen Golf. Rund ein Drittel seiner Erdölimporte bezieht China von den arabischen Golfstaaten. Aber dank grossen Reserven ist der eigene Bedarf während sieben Monaten gedeckt. Im Gegensatz zu Trump, dessen Partei sich im November Kongresswahlen stellen muss, steht Xi weniger unter Zeitdruck. Mit Blick auf seine eigenen Invasionspläne für Taiwan kommt es ihm gelegen, wenn die USA ihre Ressourcen im Nahen Osten binden müssen. Und seinen Einfluss auf Iran könnte er dafür nutzen, um Trump in der Taiwan-Frage zu Konzessionen zu zwingen.Während Trump sich in Lobhudeleien übte und das Thema Taiwan mied, redete Xi Klartext. Gemäss dem chinesischen Aussenministerium sprach der Staatschef eine kaum verhüllte Drohung gegenüber Trump aus: «Taiwan ist die wichtigste Frage in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen. Wird sie richtig gehandhabt, bleibt die bilaterale Beziehung stabil. Andernfalls wird es zwischen den beiden Ländern zu Auseinandersetzungen und sogar Konflikten kommen.»Die amerikanische Zusammenfassung der Gespräche erwähnte Taiwan hingegen mit keinem Wort. Trump hatte Waffenlieferungen im Wert von 14 Milliarden Dollar an den demokratischen Inselstaat aufgeschoben. Auch republikanische Senatoren fürchteten vor dem Gipfeltreffen, dass Trump die Lieferungen als Druckmittel in den Verhandlungen mit Xi missbrauchen könnte. In einem Brief an den Präsidenten schrieben sie: «Die amerikanische Unterstützung für Taiwan ist nicht verhandelbar.»Selbstverschuldete SchwächungWie Trump genau auf Xis Drohung zu Taiwan reagiert hat, bleibt unklar. Nach dem Treffen gestand er aber, die Waffenlieferungen an Taipeh «im Detail» mit Xi besprochen zu haben. Ob er sie bewilligen wird, liess Trump offen. Es hänge von China ab. Die Waffenlieferungen seien «ein sehr gutes Druckmittel» in den Verhandlungen für ihn. Gleichzeitig forderte er Peking und Taipeh auf, die Lage zu beruhigen: «Das Letzte», was Amerika nun brauche, sei ein weiterer Krieg.Der amerikanische Präsident betonte nach den Gesprächen das gemeinsame Interesse mit China, die Strasse von Hormuz zu öffnen, und schien sich von dem Gipfeltreffen vor allem neue Geschäfte und Investitionen zu erhoffen. Mit Trump reisten auch der Tesla-Gründer Elon Musk, der Apple-Chef Tim Cook und der Nvidia-CEO Jensen Huang nach Peking, deren Firmen alle geschäftliche Interessen in China verfolgen. Er wolle Xi darum bitten, die chinesische Wirtschaft zu öffnen, damit diese «brillanten» Geschäftsleute «ihre Magie entfalten können, um die Volksrepublik auf ein noch höheres Level zu bringen», schrieb Trump auf Truth Social.Vor einem Jahr noch wollte Trump den chinesischen Staatschef um nichts bitten. Er vertraute auf die angebliche Magie seiner Zölle, um China zu handelspolitischen Konzessionen zu zwingen. Der amerikanische Präsident träumte von einem «grand bargain» – einem umfassenden Abkommen, das die Beziehungen neu ordnen sollte. Doch Peking schlug zurück. Mit Exportbeschränkungen für seltene Erden und einem Importstopp für amerikanische Sojabohnen zwang es Washington dazu, die Zölle weitgehend zurückzunehmen. Der Supreme Court erklärte die eigenmächtige Zollpolitik des Präsidenten im Februar schliesslich für illegal. Trump verlor sein bevorzugtes Druckmittel.Trump schwächte die Position der USA gegenüber China zusätzlich, indem er mit seiner Zollpolitik und imperialen Expansionsgelüsten in Kanada und Grönland auch treue Verbündete verärgerte. Ähnlich wie im Krieg gegen Iran verpasste er es in der Handelspolitik gegenüber Peking, eine internationale Koalition zu bilden, um die Interessen der freien Welt voranzutreiben. Trump spielte China damit direkt in die Hände: Um der amerikanischen Willkür nicht vollständig ausgeliefert zu sein, versuchen Verbündete der USA ihre Beziehungen zu China auf eigene Faust zu stärken. In den vergangenen Monaten reisten unter anderem die Regierungs- und Staatschefs aus Frankreich, Deutschland, Kanada und Grossbritannien nach China.China sei die grösste geopolitische Gefahr für sein Land, sagte der kanadische Premierminister Mark Carney noch vor kurzem. Nun lockerte Carney einst gemeinsam mit Washington verhängte Einfuhrbeschränkungen für chinesische Elektroautos, um mehr Agrarprodukte in das Reich der Mitte exportieren zu können. Ein gespaltener Westen macht es für Peking umso leichter, seine Interessen gegenüber einzelnen Ländern durchzusetzen.Die Schwächung der amerikanischen Allianzen geht einher mit einem dramatischen Verlust der amerikanischen Soft Power. In europäischen Ländern wie Spanien, Italien oder Deutschland werden die USA als grössere Gefahr als China wahrgenommen. Im Gegensatz zu autoritären Regimen verfügt Amerika eigentlich über institutionelle Kontrollmechanismen, um die schädlichsten Impulse eines Machtmenschen wie Trump einzuhegen. Doch mit Notrecht überging er etwa in der Zollpolitik den Kongress. In einem präzedenzlosen Schritt entliess er den von Biden 2023 eingesetzten Vorsitzenden der Vereinigten Stabschefs, General Charles Brown, frühzeitig, um ihn mit einem obersten Militärberater seiner Wahl zu ersetzen. In den wichtigsten aussenpolitischen Dossiers setzte er ohne Bestätigung durch den Senat zwei enge Vertraute ohne diplomatische Expertise ein: seinen Schwiegersohn Jared Kushner und seinen Golffreund Steve Witkoff.Der Gipfel in Peking zeigt, wie ineffektiv Trumps bisherige Politik war. Der Iran-Krieg verdeutlicht, dass China kein Freund, sondern ein selbstbewusster Rivale der USA ist, der zunehmend die Oberhand gegenüber Washington hat. Dieses Problem kann der amerikanische Präsident nicht mit Lobeshymnen und pompösen Gipfeltreffen ändern. Er braucht eine Strategie und starke Allianzen. Dafür muss Trump nicht nach Peking, sondern vermehrt in die Hauptstädte von Amerikas treusten Verbündeten reisen.Passend zum Artikel
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