Interview«Wir haben den russischen Ballast abgeworfen», sagt der litauische AussenministerLitauen hat sich damit abgefunden, dass es bald von Russland angegriffen werden könnte. Darin liege die Stärke seines Landes, sagt Kestutis Budrys. Er hat auch eine Idee, was Europa jetzt tun könne.18.05.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenKestutis Budrys war für einen Vortrag des Europa-Instituts an der Universität Zürich zu Besuch. Das Foto stammt von einem Nato-Gipfel im vergangenen Sommer in Den Haag.Simon Wohlfahrt / Bloomberg / GettyKestutis Budrys steht vor dem Globus im holzvertäfelten Dozentenzimmer der Universität Zürich. Er legt den Finger auf Litauen, dann auf Russland und bewegt ihn schliesslich hinüber nach Amerika. Der Blick fällt auf die Arktis und die geringe Distanz zwischen den beiden Grossmächten. Russland könnte ohne Probleme eine Rakete nach Amerika feuern, sagt der litauische Aussenminister, man vergesse es leicht. Er setzt sich, das Interview beginnt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Budrys ist rhetorisch geschickt, inhaltlich versiert und analytisch pointiert. Er muss es auch sein. Litauen befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Russland, die Aggressionen Putins gegen das baltische Land sind offensichtlich. Sollte Putin die Nato angreifen, so wäre das Baltikum mit hoher Wahrscheinlichkeit das erste Ziel.Die Gefahr, in der das Baltikum schwebt, geht im europäischen Diskurs jedoch meist unter. Die Menschen im Westen des Kontinents haben ihre eigenen Probleme. Benzinpreise, Populismus, Dichtestress. Budrys macht daher unermüdlich auf die Gefahr durch Russland aufmerksam. Er spricht vor Studenten in Zürich und in St. Gallen, er ist in den sozialen Netzwerken aktiv, er trifft sich mit der Presse.Budrys hat eine Botschaft, er will die Freiheit Europas und Litauens beschützen. Es ist ein Land, das erst vor 36 Jahren von Russland unabhängig wurde. Auf alten Globen ist es noch nicht einmal eingezeichnet.Herr Aussenminister, das inoffizielle Maskottchen der Nato ist der Igel. Ein friedliches Tier, das sich aber zu verteidigen weiss. Hat die Nato genug Stacheln?Das Bild passt zur Strategie der Abschreckung durch Verweigerung. Der Igel signalisiert dem Raubtier: Du magst zwar grösser sein als ich, aber ich lasse dich nicht an mich heran. Versuchst du es, wird dir das weh tun. Die Nato hat dieses Konzept aber noch nicht vollständig umgesetzt. In Litauen fehlt uns ganz offensichtlich die Luftverteidigung. Immer wieder dringen russische und ukrainische Drohnen in unseren Luftraum ein. Auch russische Kampfflugzeuge fliegen manchmal über Litauen, mit ausgeschaltetem Transponder. Wenn das passiert, wächst in der Gesellschaft die Sorge, dass wir nicht genug in den Schutz Litauens investieren.Das verletzt vor allem die Souveränität Litauens.Deshalb steigen dann die Jets der Nato-Luftpolizei auf, um sie aus unserem Luftraum zu eskortieren. Der Krieg in der Ukraine ist nahe, die Wahrscheinlichkeit von Zwischenfällen ist daher massiv gestiegen. Wir investieren zwar in Kurz- und Mittelstreckensysteme, aber uns fehlt die weitreichende Luftverteidigung zur Abwehr von ballistischen Raketen und Marschflugkörpern. Die Nato hat einem Rotationsmodell zugestimmt: Die Alliierten stellen zeitlich begrenzt bodengestützte Systeme zur Verfügung – und wechseln sich dabei ab. Aber das reicht noch nicht: Wir müssen skalieren können und brauchen deshalb mehr verfügbare Systeme.Die Nato steht unter Druck. Vertrauen Sie der Organisation überhaupt noch?Die Nato ist die stärkste Organisation, die jemals geschaffen wurde. Was die strategische und die operative Planung sowie die militärischen Fähigkeiten angeht, gibt es nichts Vergleichbares. Das Vertrauen zwischen den Alliierten ist der Kern der Abschreckung. Wenn selbst wir an Artikel 5 zweifeln, warum sollte unser Gegner dann daran glauben? Ich habe keine Zweifel an der Beistandspflicht. Es ist das engste Versprechen, das Nationen einander geben können: füreinander sterben.Glauben Sie wirklich, dass ein Westeuropäer bereit ist, für ein Dorf in Litauen zu sterben?Ich habe keine Zweifel. Es sind schon heute Nato-Truppen in Litauen stationiert. Alles, was ich bei ihnen sehe, bestätigt mir das. Es gibt klare Pläne, wie unsere Region verteidigt werden soll. Deutschland übernimmt dabei die zentrale Verantwortung. Die Bundeswehr stationiert bis Ende 2027 eine volle deutsche Brigade. Das sind 5000 Männer und Frauen. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass sich Deutschland für die Sicherheit und Verteidigung unseres Landes einsetzen wird. Deutschland hat uns sein Wort gegeben.Deutschland will laut seiner neuen Militärstrategie die stärkste konventionelle Armee Europas werden. Ist das in Ihrem Sinne?Wir sind die grössten Fans dieses Ziels! Europa braucht Masse: Landstreitkräfte, Luftwaffe, Marine. Wir müssen die Lücken füllen, die über Jahrzehnte entstanden sind. Wir wissen, was uns fehlt, und wir wissen, was auf die Nato zukommen könnte.Was kommt auf die Nato zu?Viele unserer Pläne basieren noch auf der Annahme, dass Amerika kritische militärische Schlüsselfähigkeiten zur Verfügung stellt, zum Beispiel Satellitenaufklärung. Wenn wir Europa aber eigenständig verteidigen wollen, müssen wir alles überdenken – auch die nukleare Abschreckung. Man kann eine Nuklearmacht wie Russland nicht ohne ein eigenes nukleares Gegengewicht abschrecken. Solange die nukleare Garantie der USA steht, können wir Europäer uns aber auf die konventionelle Frontlinie konzentrieren.Sie sprechen von der «Front». In Brüssel nennt man das meist die «Ostflanke». Ist das ein bewusster semantischer Unterschied?Absolut. Das Wort «Ostflanke» impliziert, dass es ein Zentrum irgendwo im Westen gebe. Aber heute sind wir das Zentrum Europas. Die Vorstellung, dass ein Konflikt mit Moskau nur die unmittelbaren Nachbarn Russlands beträfe, ist ein gefährlicher Irrtum. Es ist ein Teil der russischen Propaganda. Wenn die Frontlinie zusammenbricht, kollabiert alles – die EU, die Wirtschaft, die soziale Ordnung. Es gibt kein sicheres Dorf in Westeuropa, das von den Folgen eines Krieges verschont bliebe. Wir müssen den Preis mangelnder Abschreckung endlich ehrlich beziffern.Warum hat die europäische Bevölkerung den Ernst der Lage noch nicht erkannt?Viele Politiker scheuen sich davor, dieses unbequeme Thema anzusprechen, weil sie Budgets durch Parlamente bringen müssen. In Litauen haben wir das Verteidigungsbudget auf über 5 Prozent des Bruttoinlandprodukts erhöht – und das, bevor Donald Trump die Nato-Staaten dazu aufgefordert hat. Wir haben es auch unter einer sozialdemokratischen Regierung getan, von der man eigentlich Prioritäten im Sozialbereich erwartet hätte. Aber Sicherheit ist nun einmal die Voraussetzung für alles andere.Litauische Schulkinder lernen mittlerweile, Drohnen zu bedienen. Ist das nicht eine Spur zu drastisch?Das ist eine technologische Notwendigkeit. Wir sehen sie als Schlüsselelement unserer Verteidigung, sei es zu Lande oder zur See. Es geht um nationale Resilienz. Drohnen sind zugleich eine Dual-Use-Technologie. Man kann sie auch im zivilen Bereich benutzen.Die Menschen im Baltikum scheinen sich an die Gefahr gewöhnt zu haben. Stumpft die Gesellschaft gegenüber der russischen Bedrohung ab?Ich würde eher von einer Transformation der Angst in eine aktive Vorbereitung sprechen. Als Ende 2021 der Aufmarsch gegen die Ukraine begann, waren wir in Litauen extrem verunsichert. Angst machte sich breit. Heute wissen wir, wie wir reagieren müssen. Wir müssen uns daher nicht mehr fürchten. Wenn man einen Plan für seine Familie und seine Gemeinde hat, bringt das eine gewisse Ruhe und Disziplin. Viele Bürger sind Freiwilligenverbänden beigetreten. Wir kennen Russlands Absichten, wir kennen die russischen Fähigkeiten. Die einzige Variable ist unsere eigene Verwundbarkeit. Und an der arbeiten wir.Gibt es Fehler, die Europa vermeiden sollte?Europa muss die neue strategische Realität akzeptieren und die Verteidigung in den Vordergrund stellen, wenn es relevant bleiben will. Die Europäische Union muss endlich als geopolitischer Akteur auftreten.Ist das überhaupt realistisch?Das Problem ist derzeit weniger die Entscheidungsstruktur der EU als vielmehr der Mangel an strategischem Denken. Wir müssen unsere Interessen definieren und sie verteidigen – sei es im Nahen Osten, im Sahel oder gegenüber Russland. Wenn wir kein globaler Machtfaktor werden, stehen wir in Zukunft im Abseits. Die neuen geopolitischen Regeln werden dann ohne uns ausgehandelt.Könnte Litauen in einer neuen Weltordnung ohne die EU bestehen?Wir würden eine noch schnellere Regionalisierung erleben, etwa im nordisch-baltischen Raum.Aber da gibt es noch Kaliningrad, die russische Enklave an der Ostsee.Wir müssen den Russen zeigen, dass wir ihre kleine Festung, die sie in Kaliningrad errichtet haben, durchdringen können. Die Nato hat die Mittel, die russischen Luftverteidigungs- und Raketenbasen dort im Ernstfall dem Erdboden gleichzumachen.Eine zentrale Voraussetzung für eine erfolgreiche Abschreckung ist die europäische Einheit. Nächstes Jahr sind Wahlen in Frankreich, spätestens 2029 in Deutschland. Die politische Polarisierung nimmt zu. Befürchten Sie eine Erosion Europas?Wir wissen, was die nächsten Jahre ansteht. Und wir wissen, was auf dem Spiel steht. Ich hoffe aber, dass die strategische Debatte dieser Tage bei allen Parteien zu einer Erkenntnis führt: Der Preis der Untätigkeit wäre zu hoch. Der nächste Realitätscheck ist der Nato-Gipfel in Ankara im Sommer. Es reicht nicht, wenn wir uns als Politiker hinter verschlossenen Türen ermutigen. Wir müssen dies auch öffentlich tun.Sie fordern eine Aufnahme der Ukraine in die EU und die Nato. Ist das realistisch, solange der Krieg andauert?Die Ukraine ist ein integraler Bestandteil der europäischen Sicherheit. Wir brauchen ihre Fähigkeiten genauso, wie sie unsere braucht. Wir sollten die europäische Verteidigungsunion gross denken – inklusive Grossbritannien, Norwegen und Kanada. Die Arktis wird das neue Nordatlantikbecken.In den 1990er Jahren gab es einen Geist des europäischen Aufbruchs. Kann dieser Optimismus wiederbelebt werden?In den Neunzigern befand sich Litauen im Wandel, es war eine Zeit der Hoffnungen. Europa blickte stolz auf den Sieg über die Sowjetunion, dieses grosse Übel. Es half Litauen, zu einem prosperierenden Land zu werden. Ich bin jedem Einzelnen dankbar, der uns dabei unterstützt hat. Jetzt bricht ein neues Zeitalter an. Es gibt eine neue Gruppe von Ländern, die so werden wollen wie wir. Wir sollten ihnen dabei helfen. Ich denke an die Ukraine, die Moldau, den Westbalkan. Wir können die Transformation schaffen. Wir haben es schon einmal gemeistert.Aber heute ist Europa bedroht.Wir müssen unsere Angst vor der Bedrohung in ein Gefühl der Selbstermächtigung verwandeln. Die Russen pflegen den Mythos, dass sie das Baltikum in zwei Tagen überrennen könnten. Diese Erzählung wurde längst widerlegt. Das gibt uns in Litauen die Kraft, zu handeln.Russland ist Teil der europäischen Geschichte. Kann es ein Europa ohne Russland geben?Wir haben uns bereits entkoppelt. Wir haben 36 Jahre lang mühsam unseren Energiesektor, unsere Banken und unsere Politik vom russischen Einfluss gereinigt. Alles, was aus Russland kam, war toxisch und korrupt. Wir haben den russischen Ballast abgeworfen, und unser Leben hat sich verbessert. Wir waren zu 100 Prozent von Energieimporten abhängig – bis 2030 werden wir ein Nettoexporteur von grüner Energie sein. Europa kann ohne russisches Gas und Öl nicht nur überleben, es wird auch florieren.Möchten Sie Europa noch etwas sagen?Mein Rat an alle Alliierten: Werdet eure Abhängigkeiten los. Es gibt keine Alternative zur Freiheit.Passend zum Artikel