GastkommentarHannes F. BaumgartnerDer Gegenvorschlag des Bundesrates zur Konzernverantwortungsinitiative irritiertDer vor Ostern präsentierte Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative und die darin vorgesehene Aufblähung der Bürokratie zeugen von mangelndem wirtschaftlichem Sachverstand in Bundesrat und Verwaltung.18.05.2026, 05.14 Uhr3 LeseminutenHehre Ziele, ungeeignetes Regelwerk: Einreichung der Konzernverantwortungsinitiative, 1. Dezember 2022 vor dem Bundeshaus in Bern.KeystoneSeit der Vorstellung des Entwurfs für einen Gegenvorschlag zur zweiten Konzernverantwortungsinitiative (KVI) von 2025 sind bereits einige Wochen vergangen. Im Vergleich zur hitzigen Debatte um die erste KVI von 2018 hat der nun präsentierte Gegenvorschlag in der öffentlichen Wahrnehmung bisher nur erstaunlich geringe Wellen geschlagen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das überrascht, sieht der in die Vernehmlassung geschickte Gegenvorschlag im Vergleich zum Status quo doch einen präzedenzlosen Bürokratieausbau vor: noch umfassendere Lieferketten-Prüfungspflichten in den Bereichen Soziales und Umwelt, bisher unbekannte Haftungsregelungen für Schweizer Unternehmen und die Schaffung einer neuen Aufsichtsbehörde zur Compliance-Kontrolle auf Bundesebene.Im Sinne eines klassischen Swiss Finish geht der bundesrätliche Gegenvorschlag damit weit über die im Rahmen der Omnibus-I-Richtlinie seit März 2026 deutlich abgeschwächten Vorschriften der EU hinaus. Der Gegenvorschlag ist, wie die KVI selbst, denn auch entschieden abzulehnen.Untauglich zur Zielerreichung Zunächst sind die vorgelegten Regeln gänzlich ungeeignet, ihr hehres Ziel einer Weltverbesserung für Mensch und Umwelt zu erreichen. Selbst der Bundesrat hält via seinen Bericht zur Regulierungsfolgenabschätzung implizit fest, dass nicht erfasst werden könne, ob mit der KVI oder dem präsentierten Gegenvorschlag etwas zu diesem Ziel beigetragen werden könne.Zweifel sind angebracht: So konnten in den letzten Jahrzehnten beispielsweise trotz exponentiell wachsender Nachhaltigkeitsregulierung globale Treibhausgasemissionen weder stabilisiert noch reduziert werden und erreichen weiterhin jährlich neue Höchststände. Realisten dürfte dies kaum überraschen: Die globale Nachfrage nach Öl und Gas wird erst dann sinken, wenn infolge Innovation oder massiver Energiekrisen alternative Energiequellen günstiger als fossile Brennstoffe werden. Hierzu tragen weder eine vertiefte Prüfung der Lieferketten noch entsprechende Nachhaltigkeitsberichte von rund 150 Schweizer Unternehmen bei.Gefahr für den Werkplatz SchweizUnternehmen waren schon bisher einer jährlich zunehmenden Bürokratie ausgesetzt, wobei KMU mangels Skaleneffekten überproportional betroffen sind. Allein zur Einhaltung der bereits geltenden Nachhaltigkeitsvorschriften geben Unternehmen hierzulande gemäss einer Studie von Avenir Suisse über 130 Millionen Franken pro Jahr aus. Gelder, die vor allem zur Finanzierung der Heerscharen von Beratern verwendet werden, die gewissenhaft mögliche Sozial- und Umweltrisiken in Lieferketten aufspüren, Treibhausgasemissionen zählen und wohlformulierte Berichte schreiben. Mit den nun vorgelegten Vorschriften werden diese Bürokratiekosten weiter zunehmen.Der Bundesrat hält in seiner Botschaft zum Gegenvorschlag dazu lapidar fest, dass diese Kosten für betroffene Unternehmen als tragbar gelten. Gewiss, solange solche Kosten auf Kunden überwälzt werden können – gerade in Krisen aber sind es genau solche Bürokratiekosten, welche über die Wettbewerbsfähigkeit und damit den Fortbestand eines Unternehmens mitentscheiden. Besonders akzentuiert ist diese Problematik für Schweizer Industrieunternehmen, welche bereits heute unter hohem Kostendruck ächzen und solche zusätzlichen Kosten oftmals nicht an Kunden weitergeben können. Viele sind in ihrem Fortbestand zunehmend gefährdet.Hohe OpportunitätskostenAbgesehen von direkten Bürokratiekosten drohen bei Annahme der KVI wie auch des Gegenvorschlags zusätzlich hohe Opportunitätskosten, indem gut ausgebildete Arbeitskräfte dem Arbeitsmarkt entzogen werden, um ihre Zeit mit der Bewältigung von Bürokratievorschriften zu verschwenden. Besser würden all diese Arbeitsstunden eingesetzt, um neue Energiequellen zu entwickeln oder Recyclinginitiativen in Asien oder Afrika voranzutreiben. In diesem Sinne sind Gegenvorschlag und KVI nicht bloss untauglich, sondern zur Zielerreichung geradezu kontraproduktiv.Hannes F. Baumgartner ist Investment Professional bei BLR Capital in Zürich.Passend zum Artikel
Gegenvorschlag zur KVI: Wirtschaftlicher Rückschritt für den Werkplatz Schweiz
Der vor Ostern präsentierte Gegenvorschlag zur Konzernverantwortungsinitiative und die darin vorgesehene Aufblähung der Bürokratie zeugen von mangelndem wirtschaftlichem Sachverstand in Bundesrat und Verwaltung.







