Man hätte diesen letzten Bundesliga-Spieltag glatt für Scripted Reality halten können. Nicht weil die letzten Entscheidungen so packend gewesen wären, die waren schnell erzählt. Sondern weil rund um das Thema Nummer eins bei der Fußball-Nationalmannschaft ein dramaturgisches Element das nächste jagte: fast zu viel, um wahr zu sein.Gerade deshalb drängten sich am späten Samstagabend zwei Eindrücke auf: erstens, dass an der Sache mit Neuer in jedem Fall etwas dran ist. Andernfalls hätte Nagelsmann ja auf den bisherigen Stand verweisen können (oder Neuer auf einen Urlaub im Sommer). Und zweitens, dass ausgerechnet derjenige, den es neben Neuer am meisten betrifft, davon noch nichts gehört hatte: der gehörnte Baumann.Auch wenn es die Auflösung erst am Donnerstag geben soll, wenn Nagelsmann auf dem Campus des Deutschen Fußball-Bundes seinen Weltmeisterschaftskader bekannt gibt – im schlechtesten Fall wäre schon ein Schaden angerichtet, dessen Ausmaß sich zwei Wochen vor dem Abflug nach Chicago noch nicht absehen lässt.Eine derart stillschweigend vollzogene Rückstufung Baumanns jedenfalls wäre nicht nur ausgesprochen schlechter Stil, sie hätte vor allem dann eine äußerst unerwünschte Nebenwirkung, wenn ein weiteres Handlungselement vom Samstag noch auf die eine oder andere Weise ins Spiel kommt: Neuers vorzeitige Auswechslung nach 60 Minuten.Selbst wenn diese sich für den Moment als reine Vorsichtsmaßnahme herausstellt und er schon am kommenden Wochenende im Pokalfinale gegen Stuttgart wieder zwischen den Pfosten steht: Es war eine Erinnerung daran, dass Neuer zwar immer mal wieder zeigt, dass er noch der alte ist, aber eben unzweifelhaft auch ein bisschen älter geworden ist. Und in diesem Fall wäre es Nagelsmann, der besonders alt aussähe, wenn seine alte neue Nummer eins bei der WM plötzlich unpässlich wäre.Die Ausstrahlung spricht für NeuerSo erscheint es zwar nicht wahrscheinlich, aber auch nicht völlig ausgeschlossen, dass Nagelsmann sich die finale Pointe bis zum Donnerstag noch einmal überlegt. Gegen das Timing als solches ist nichts einzuwenden: Seine Aufgabe ist es, das deutsche Tor im Zweifel bis zum letzten Moment für denjenigen offenzuhalten, den er für den besten hält.Einige Argumente pro Neuer fielen erst in den vergangenen Wochen so richtig ins Auge, und vielleicht auch erst beim Stadionbesuch des Bundestrainers: Neben den Leistungskurven Neuers und Baumanns, die alles in allem eine gegenläufige Tendenz zeigten, ist es die besondere Ausstrahlung, die von Neuer noch immer ausgeht, gerade in den großen Spielen.Manchmal konnte man allerdings den Eindruck bekommen, dass Nagelsmann schon darauf spekulierte, als er Baumann öffentlich noch stützte – ein kleines Törchen blieb da immer offen. Ob er Neuer nun endgültig hindurchlässt? Aura oder Anfälligkeit – das könnte die Überschrift sein, die über diesem Samstag steht. Es ist das Risiko, das diesem Stück darüber hinaus auch eingeschrieben ist.