Die Behauptung, dass Tolle am Theater sei das Gemeinschaftserlebnis, ist vielleicht mehr Wunschdenken als Empirie. Der Mitmensch als solcher kann ja, besonders im Nahkontakt, etwas anstrengend sein. Das ist im Theater nicht anders als zum Beispiel im öffentlichen Personennahverkehr. Man muss auch nicht gleich an die Volksgemeinschaft, an Elias Canettis Beschreibungen von Horde und Meute oder an Helmuth Plessners „Grenzen der Gemeinschaft“ denken, um bei Appellen ans Gemeinschaftsgefühl innerlich zusammenzuzucken. Der Wunsch nach etwas mehr Abstand ist nur zu verständlich. Leider stößt er im Zuschauerraum eines Theaters unvermeidbar an Grenzen.So hat man im Theater ausgiebig Gelegenheit, über die rustikalen Sitten und Gebräuche der Zeitgenossen zu staunen. Das röchelnde, gurgelnde, irgendwie moribund klingende Tiefschlaf-Schnarchen eines Herren in der Vorderreihe oder das sich leise, aber mit eisernem Durchhaltewillen angiftende Paar direkt dahinter können dann schon mal wesentlich existenziellere Fragen aufwerfen als das routinierte Kunstgeplänkel auf der Bühne.Es lassen sich nicht nur mit endlos ausgewickelten Hustenbonbons schöne Geräusche machenDie Distanztechnik der Höflichkeit gilt in Berlin ohnehin als merkwürdige, letztlich überflüssige und bestenfalls geduldete Marotte. Weshalb auch sollte es ausgerechnet im Theater rücksichtsvoller zugehen als zum Beispiel in der U-Bahn, wo man in aller Seelenruhe seinen SMS-Verkehr pflegt. Neulich beim Theatertreffen konnte man in den vorderen Sitzreihen einen jungen Mann beobachten, der sich während der gesamten Vorstellung mit großer Konzentration Notizen in seinem Smartphone machte, nur selten, bei besonders lauten Stellen, unterbrochen von kurzen Blicken zur Bühne. Vielleicht wollte er wissen, wer ihn da bei seiner Arbeit stört.Auch sonst bemüht sich das Theaterpublikum um maximale Entspannung. Am unvermeidlichen Weg-Bier bei laufender Vorstellung zu nuckeln, ist zum Beispiel in der Berliner Volksbühne nicht zwingend vorgeschrieben, stärkt aber gerade dort bei öderen Abenden das Gemeinschaftsgefühl und die Überzeugung, hier an subversiven Dingen teilzuhaben. Überhaupt geht der Trend hin zum Theaterpicknick. Weshalb beim ausgiebigen Knistern der mit liebevoller Hingabe endlos ausgewickelten, weitergereichten, dankbar kommentierten und umständlich wieder verstauten Hustenbonbons stehen bleiben, wenn sich auch mit Chipstüten und Salzstangen schöne Geräusche machen lassen. Nur so stellt sich die offenbar dringend erwünschte Fernsehabendstimmung und Sofagemütlichkeit ein, die auch im Theater für ein wohliges Feierabendgefühl sorgen.Theater:Berlin ist nicht WeimerDas Theatertreffen ist eröffnet – und stellt sich gegen rechts. Nur einer hat sich mal wieder gedrückt: der Kulturstaatsminister.Dass sich auf der Bühne gerade Schauspieler die Seele aus dem Leib spielen, dass dort geliebt, gehasst und gelitten wird, als gäbe es kein Morgen – das hat gegen diese Chips- und Bonbongemütlichkeit nicht den Hauch einer Chance. Beim Theatertreffen konnte man einer tollen Schauspielerin, Paulina Alpen, dabei zusehen, wie sie in Lucia Bihlers Inszenierung von Thomas Melles „Die Welt im Rücken“ die Schrecken einer bipolaren Störung, die Verzweiflung der Depression und der Selbsterkenntnis spielte. Die Sitznachbarn in der achten Reihe machten sich derweil ausgiebig an ihrer Plastikflasche zu schaffen. Sie mussten in der nicht einmal zweistündigen Vorstellung schon aus Prinzip unbedingt etwas trinken, egal, in was für Seelenkatastrophen sich die hochkonzentrierte Schauspielerin vor ihnen gerade jagte. Theater ist ja schön und gut, aber es soll den Gemütlichkeitsspießer bitte nicht weiter stören. Das muss sie sein, die berühmte Niedrigschwelligkeit, die den Respekt vor der Kunst erfolgreich weichgespült hat.Paulina Alpen in „Die Welt im Rücken“ nach dem Roman von Thomas Melle – eine Inszenierung von Lucia Bihler am Schauspiel Stuttgart, eingeladen zum Berliner Theatertreffen. Julian BaumannOffenbar leiden beim Theatertreffen erstaunlich viele Zuschauer unter der Angst, im Zuschauerraum zu verhungern und zu verdursten. Äpfel, Schokolade, Nüsse oder ganz altmodisch ein herzhaftes Wurstbrot aus der Plastikdose gehören für sie zur Survival-Grundausstattung, selbst wenn die Aufführung so kurz ist wie ein „Tatort“. Thermoskannen, Wasserflaschen, Smoothies, Bier- und Colabüchsen bewahren die Theater-Prepper auch bei kurzen Einaktern vor der jederzeit drohenden Dehydrierung.Vielleicht ist die German Angst unter Theaterbesuchern ja besonders stark verbreitet. Zumindest in dieser Hinsicht hat sich das Berliner Theatertreffen wieder mal als Trendsetter oder mit den schön gestelzten Worten Wolfram Weimers als „Seismograf für den Zustand unseres Theaters – und damit auch für den geistigen Zustand unserer Gesellschaft“ bewährt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis der gepflegte Döner-Verzehr im Zuschauerraum, vor allem bei Liebes-, Sterbe- und Verzweiflungsszenen, zum gehobenen Theaterbesuch gehört und altmodische Zuschauer, die sich lieber auf die Kunst konzentrieren wollen, mit der besorgten Frage rechnen müssen, ob es ihnen denn gut gehe und weshalb sie keinen Appetit hätten.