Um 13.14 Uhr trifft das Männerteam des Fußball-Rekordmeisters FC Bayern München im Innenhof des Münchner Rathauses zur Meisterfeier ein. Sehr viele Sonnenbrillen, manch raue Stimme – nach dem 5:1-Sieg gegen Köln in heimischer Arena und Empfang der Meisterschale wurde offenkundig schon standesgemäß gefeiert. Integraler Bestandteil dieser Feierlichkeit in München ist natürlich auch der Empfang beim Oberbürgermeister und die öffentliche Sause mit Zigtausenden Fans auf dem Marienplatz.Vorm Rathaus ist schon gegen 13 Uhr bis hinter zum Rindermarkt alles derart dicht gefüllt, dass U-Bahnen den Marienplatz gar nicht mehr anfahren und Sicherheitspersonal den Zutritt dorthin weiträumig absperrt. So hat jene asiatische Familie alle Ruhe der Welt, beim FC-Bayern-Fanshop die neuen Trikots nebst heimatlichem Riesenturban anzuziehen und allein in der abgeriegelten Straße Erinnerungsfotos zu machen.Im großen Sitzungssaal des Münchner Stadtrats besteht Oberbürgermeister Dominik Krause (Grüne) derweil von 13.15 Uhr an seine Premiere. Die Spieler reihen sich dort auf, wo der OB sonst Sitzungen leitet, Trainer Vincent Kompany bekommt einen besonders herzlichen Applaus, dann betritt Krause den Saal: elegantes blaues Trachtensakko, aber im Gegensatz zu seinem Amtsvorgänger kein Bayern-Schal oder dergleichen. Krause, 35 Jahre alt, empfängt die Münchner Bayern, die ihren 35. deutschen Meistertitel feiern, nicht als Fan, aber sehr herzlich und zugewandt.Die Pannen tun der Partylaune keinen Abbruch, weder bei der Mannschaft... Foto: Robert Haas... noch bei den Fans auf dem Marienplatz. Foto: Robert HaasEr spricht davon, dass seine „erste Meisterfeier“ auch aufregend sei für ihn, lässt aber dann – als Politiker und studierter Physiker, der bisher nicht als Fußballfan bekannt war – die erfolgreiche Saison kundig und kompakt Revue passieren: Aufgefallen sei, dass die Bayern auch für FC-Bayern-Verhältnisse „mutig, offensiv, kreativ und manchmal verrückt“ gespielt hätten, etwa, wenn sie nach Rückständen erfolgreiche Aufholjagden schafften. So sei diese Saison nicht nur erfolgreich, sondern sogar „eine absurd gute Saison“ geworden, lobt Krause.Die war, das attestieren inzwischen ja sogar eingefleischte Sechzig-Fans, derart von attraktivem Fußball geprägt, noch dazu unter einem kernsympathischen Trainer, dass viele der „Blauen“ sich mit ihren traditionellen Ablehnungs-Riten schwertun. Folgerichtig hebt auch Krause im Rathaussaal Trainer Vincent Kompany als Sympathieträger des Vereins hervor, der mit seiner „sachlichen, empathischen Art“ immer den richtigen Ton treffe. Auch beispielsweise, als der sich nach einem Rassismus-Vorfall bei einem Spiel von Real Madrid in der Champions League mit einer viel beachteten Rede gegen Rassismus zu Wort gemeldet habe.Leon Goretzka präsentiert auf dem Rathausbalkon die Meisterschale... Foto: Sven Hoppe/dpa... genau wie Torhüter Manuel Neuer. Foto: Robert HaasAuch wenn „München“ derzeit nicht mehr auf den Trikots des FC Bayern auftauche, so dankt Krause dem Verein als Münchner Aushängeschild – sowohl dem Frauen-Team, das bereits das Double sicher habe (aber am Sonntag noch das letzte Ligaspiel auswärts zu absolvieren hatte), wie den Männern. Kompanys Mannschaft kann in einer Woche noch das DFB-Finale in Berlin gewinnen. Mit seinen guten Wünschen verrät der neue Münchner OB, dass er sich für diesen Empfang gut vorbereitet hat: „Möge der Kakadu mit euch und Ihnen sein!“Dieser Porzellan-Kakadu, den Spieler als Deko bei einer Vereinsfeier bei „Käfer“ in München mitgehen ließen und der seither als inoffizielles Maskottchen (längst mit Käfer-Billigung) überall dabei ist, schafft es bei der Meisterfeier auf jeden Fall schon mal auf den Rathausbalkon, wo Stadionsprecher Stephan Lehmann das Kunststück vollbringt, die prestigeträchtige Vereinnahmung des Rathausbalkons auf gefühlte Bundesliga-Match-Spiellänge auszudehnen, ohne dass sich die wohl weitaus mehr als 20 000 Feiernden langweilen.Dabei muss er auch kurz wegmoderieren, dass Sechzger-Fans in üblicher Feindschaft einen Coup bei der Feier landen: Sie rollen ein riesiges rundes FC-Bayern-Fake-Emblem unter den Blicken der Spieler aus, darauf ein unflätiger Spruch, der mit „FC Bauern“ beginnt. Lehmann bittet höflich, den Fans die Sicht nicht zu versperren mit dem Riesenbanner. Das Jubelvolk wird wohl erst später erfahren, was für eine Aktion da läuft, während sie feiern. Bilder davon gehen sofort viral.InstagramDie SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von Instagram angereichertUm Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von Instagram angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.„Servus München, servus FC Bayern – es ist mir eine wahnsinnige Ehre“, so beginnt der Oberbürgermeister dann draußen auf dem Rathausbalkon seine knappe Rede. Er lacht den Spielern und dem Trainer zu, er lacht ins gewaltige Publikum, und er umreißt die Situation erfrischend realistisch mit den Worten: „Ich weiß gar net, ob ich den FC Bayern auf meinen Balkon einlade, oder ob der FC Bayern mich auf seinen Balkon einlädt!“Krause kommt als Hausherr erst nach allen Spielern heraus, und wenn man präzise ist, dann eröffnen zwei junge Damen mit überdimensionierten Weißbiergläsern den Balkon-Reigen. Das Meisterteam, angeführt von Kapitän Manuel Neuer, darf sich einzeln von den Fans abfeiern lassen. Jeder stemmt die silberne Meisterschale Richtung Mariensäule und Fans, und die Mariensäule mit der Patrona Bavariae, der Beschützerin der Bayern (okay, das Land ist wahrscheinlich auch gemeint) in Gold obendrauf, gibt eine passende Kulisse.Erstmals als Gastgeber dabei: Münchens neuer OB Dominik Krause (links) mit dem Herbert Hainer, Präsident des FC Bayern München. Foto: Sven Hoppe/dpaStadionsprecher Stephan Lehmann in der roten Jacke entschuldigt sich bei OB Dominik Krause für seinen Versprecher. Foto: Robert HaasJoshua Kimmich wird bejubelt, Michael Olise will die Schale gar nicht mehr hergeben, Torjäger Harry Kane bekommt Extrajubel, weil er allein 36 der insgesamt 122 Ligatore in dieser Bundesligasaison geschossen hat. Für den Abschied des Bochumers Leon Goretzka nach acht Jahren lässt Sprecher Stephan Lehmann Herbert Grönemeyers „Bochum“ über den Marienplatz knarzen, und sagt schließlich voller Begeisterung gleich mehrmals Oberbürgermeister „Sebastian Krause“ an. Der geht meisterlich darüber hinweg, lacht, steckt Lehmann hinterher dezent die Namensinfo, beide umarmen sich. Ein kleines Schmankerl für gute Beobachter.Der FC Bayern und Münchens neuer Oberbürgermeister, so ist also festzuhalten, sind auf dem Weg einer auf weitere Balkonfeiern angelegten Annäherung. Der Stadionsprecher wird Krauses Vornamen nun nicht mehr vergessen, und damit Kompany-Fan Krause doch noch engerer FC-Bayern-Freund werden kann, kündigt Präsident Herbert Hainer im Sitzungssaal schon mal an, dass es „in den nächsten Wochen noch ein kleines persönliches Integrations-Programm“ für den neuen OB geben solle. Den Kakadu haben sie schon, den Krause wollen sie noch.
Münchner Marienplatz: Löwen-Fans kapern Meisterfeier des FC Bayern mit Schmähplakat
Vor den Augen der Spieler wird das beleidigende Transparent entrollt. Es bleibt nicht die einzige Panne beim Auftritt auf dem Rathausbalkon.













