Erst denken, dann handeln. Das klingt nach einer vernünftigen Maxime, die man beispielsweise bei Leuten mit Oberbefehl über Soldaten und Flugzeugträger zuletzt nicht immer beherzigt sah. Leider kann man daraus nicht allgemein ableiten, eine Entscheidung werde umso besser, je länger über sie nachgedacht wurde. Denn bei einem prominenten Typ komplexer strategischer Entscheidungen gilt ein solcher Zusammenhang gerade nicht.Zu diesem Ergebnis kommen der Verhaltensökonom Uwe Sunde von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität und seine Ko-Autoren Dainis Zengers aus Rotterdam sowie Anthony Strittmatter aus der Schweiz in einer soeben in den PNAS veröffentlichten Studie, in der sie untersucht haben, wie lange professionelle Schachspieler über ihre Züge nachdenken. Insgesamt 215.000 Schachzüge aus 3600 Turnierpartien haben sie auf diese Weise gestoppt und die Qualität der jeweiligen Entscheidungen mithilfe eines Schachcomputers bestimmt.Ausdruck subjektiv empfundener KomplexitätDabei zeigte sich: Im Schachspiel sind die schnelleren Entscheidungen die besseren. Das gilt selbst unter Berücksichtigung der rechnerischen Komplexität eines Zuges, der Unterscheidbarkeit von Entscheidungsalternativen sowie des Zeitdrucks, schreiben die Autoren. Bei gleicher objektiv messbarer Schwierigkeit einer Zug-Situation entscheidet schlechter, wer länger darüber nachdenkt.Das überrascht, denn gerade wo Profis am Werke sind, sollte man erwarten, dass das längere Nachdenken auch das gründlichere ist und dann die besseren Ergebnisse zeitigt. Doch dem ist hier offenbar nicht so. Wer beim Schach länger nachdenkt, empfindet die Komplexität der anstehenden Entscheidung offenbar subjektiv höher.Das ist ein Hinweis darauf, dass beim Schach weniger auf möglichst weitgehende rationale Durchdringung einer Situation ankommt als auf intuitive Mustererkennung, die ein Spieler durch die Beschäftigung mit dem Schach und mit der Erfahrung aus vergangener Partien trainiert hat. Erst wenn diese versagt, fängt der Schachprofi mit dem Nachdenken an – und zieht gegenüber einem Gegner, den die Intuition weiter trägt, den Kürzeren.Uwe Sunde hält es für möglich, dass das Ergebnis auch auf Situationen außerhalb des Schachspiels übertragbar ist, in denen komplexe Entscheidungen gefällt werden müssen. Genau besehen ist dieser Befund für den menschlichen Intellekt wenig schmeichelhaft. Wer in einem Metier, das komplexe strategische Entscheidungen erfordert, zu wenig Erfahrung hat oder keinen Zugriff auf das gesammelte Wissen einer professionellen Tradition – oder wer sogar vorsätzlich auf selbiges pfeift –, dem hilft Denkvermögen auch nicht viel weiter. Selbst wenn er über welches verfügt.
Schnelle Entscheidungen sind die besseren - möglicherweise nicht nur bei Schachprofis
Schnelle Entscheidungen korrelieren mit besseren Schachzügen, zeigen Forscher. Intuition schlägt bei komplexen strategischen Aufgaben rationales Nachdenken.







