Da saß er nun. Am hintersten Tisch, schüchtern, etwas irritiert wirkend. Wo bin ich hier nur gelandet, schien er unentwegt zu denken. Gerade noch mitten in Berlin, bei der Hertha, wo alles zigmal größer war. Und nun hier. Auf einer Terrasse eines Golfklubs irgendwo an der südhessischen Peripherie. Die „Lilien“, damals frischgebackener Aufsteiger in die Zweite Bundesliga, hatten im Sommer 2014 dorthin zu ihrer Teampräsentation für die neue Saison geladen.Ein paar Freunde und Förderer des Klubs, eine Handvoll Journalisten, die Mannschaft, viel war nicht los. Fabian Holland war sich des Wagnisses bewusst, ausgerechnet bei dem kleinen Darmstadt 98 im Profifußball durchstarten zu wollen. Rückblickend erzählt Holland im Gespräch mit der F.A.Z. schmunzelnd, es hätte ihn nicht überrascht, „nach sechs Monaten wieder zurück bei der Hertha gewesen zu sein“.Doch es kam anders, völlig anders. Zwölf Jahre später ist der gebürtige Berliner immer noch in Südhessen. Wenn er an diesem Sonntag am letzten Zweitligaspieltag der Saison im SVD-Trikot aufläuft, geht eine Ära zu Ende. Das Heimspiel gegen den SC Paderborn (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur zweiten Liga und bei Sky) wird sein 319. und letztes Match für die „Lilien“ sein, in dem er als linker Verteidiger oder defensiver Mittelfeldspieler Dienst tut.Der Abschied durch den Klub und die Fans wird sehr herzlich ausfallen und „für mich sehr emotional werden“, sagt Holland und fügt hinzu mit Blick auf das Treffen mit der gesamten „Lilien“-Führungsriege früher im Jahr, in dem ihm mitgeteilt wurde, dass sein auslaufender Vertrag nicht verlängert werden würde: „Ich wusste natürlich, dass dieser Moment eines Tages kommen wird. Aber es war schon hart.“ Weil er gerne zumindest ein weiteres Jahr geblieben wäre.Die personifizierte Entwicklung: Fabian Holland 2015 beim Auswärtsspiel in AalendpaDer Fünfunddreißigjährige personifiziert die Entwicklung des Klubs von einer kleinen, grauen Fußballmaus mit baufälligem Stadion und holpriger Trainingswiese hin zu einer etablierten Fußballadresse mit moderner Spielstätte und Übungsbedingungen. Fabian Holland ist den gesamten Weg mitgegangen. Ganz überwiegend als unumstrittener Stammspieler, von Januar 2019 (als Nachfolger von Aytaç Sulu) bis Sommer 2025 als Kapitän. Und stets als ein Musterbeispiel von Einsatzbereitschaft und Teamplayerdasein. Als einer, der öffentlich nie ein schlechtes Wort über seinen Arbeitgeber verlor. Als einer, dem man abnehmen kann, dass er das privilegierte Fußballerleben sehr wertschätzt.Denn noch zu Berliner Zeiten waren ihm erst Herzprobleme attestiert worden, und im Zuge einer notwendig gewordenen Beinoperation drohte ihm gar eine Amputation. Als er leihweise von Hertha BSC in Darmstadt aufschlug, war bei ihm und dem Verein nicht absehbar: Wird das was mit dem Profifußball, oder verschwinden beide wieder in der Versenkung?Drum sagt Holland, der in seiner Zeit zwei Bundesligaaufstiege feiern durfte, wenn er seine zwölf Jahre und bislang 318 Einsätze (sieben Tore, 28 Vorlagen) am Böllenfalltor auf einen Nenner bringen soll: „Es war vor allem eine sehr erfolgreiche Zeit.“ Und: „Besonders die ersten Jahre waren der Wahnsinn.“ Gemeint sind der nie für möglich gehaltene Durchmarsch in die erste Liga 2015 und der ein Jahr darauf ausgerechnet in seiner Berliner Heimat festgezurrte Klassenverbleib unter Trainer Dirk Schuster.War er zu Erstligazeiten bei Konkurrenten auf der Linksverteidigerposition wie Luca Caldirola nicht immer erste Wahl, änderte sich dies in den folgenden Zweitligajahren. Den zweiten Aufstieg 2023 unter Coach Torsten Lieberknecht bezeichnet Holland als den noch schöneren, weil er da als Kapitän an verantwortlicher Stelle besonders großen Anteil hatte. „In beiden Aufstiegssaisons zeichnete die Mannschaft ein sehr besonderer Zusammenhalt aus“, so Holland. Einen Gemeinsinn, den er als integrativ nach innen, aber nie lautsprecherisch nach außen wirkende Führungskraft mit schuf.Aufstieg 2023: Holland (rechts) jubelt mit Trainer Torsten Lieberknecht (links).dpaIn seinen sechs Jahren als Darmstädter Spielführer hat Holland zuvorderst durch untadeliges Auftreten und Taten auf dem Platz gesprochen. „Alle Trainer wussten, wie ich ticke und dass ich keine großen Ansprachen halten werde. Ich habe die Dinge auf meine Art und Weise geklärt“, so Holland.Jegliche Art von Ruckrede oder eine einprägsame Bildsprache werden von ihm nicht in Erinnerung bleiben. Das hat er anderen überlassen, zuvorderst seinem langjährigen Freund, Zimmergenossen und Nachfolger als Kapitän Marcel Schuhen. Hollands Statements nach Niederlagen begannen meist mit den Worten: „Das ist natürlich bitter.“ Nach Siegen mit: „Das ist natürlich schön.“ Ruhig, effizient, ausgleichend, vermittelnd, fair – so präsentierte es sich stets.Fabian Holland war zeitweise durch seinen Wert auf und neben dem Platz in Darmstadt so unantastbar, dass die SVD-Führung in der Kaderplanung auf einen direkten Konkurrenten für ihren Mister Zuverlässig verzichtete. Mit Geschick und Robustheit in den Zweikämpfen und Cleverness im Stellungsspiel vermochte der 1,72 Meter kleine Blondschopf sein Geschwindigkeitsdefizit meist erfolgreich zu verbergen.Auf Hollands schönste Saison folgt die schlimmsteBis zu seinem schicksalhaften 297. Pflichtspieleinsatz für die „Lilien“ im April 2024 in Freiburg: Kreuzbandriss. Aufgrund einer Verkettung von weiteren gesundheitlichen Problemen fiel er enorme 16 Monate aus. Die in seinen Augen schönste Saison seiner „Lilien“-Zeit (2022/23) ist direkt gefolgt von seiner schlimmsten (2023/24). Schon vor seiner schlimmen Verletzung gerieten die Darmstädter in der Bundesliga ständig unter die Räder, stiegen als chancenloser Tabellenletzter ab. „Es waren viele fiese Spiele dabei. Es hieß dann immer, dass man doch versuchen solle, die Bundesliga zu genießen. Aber irgendwann machte es keinen Spaß mehr, da war nichts mehr zu genießen“, so Holland.Seine Rückkehr auf den Platz nach langer Leidenszeit genoss er dagegen sehr. Auch wenn sie mit einem schmerzlichen Rollentausch einherging: vom allseits geachteten langjährigen Kapitän zum Ergänzungsspieler mit vagen Einsatzchancen. Eine harsche Umstellung, die ihm, hört man bei den „Lilien“, tadellos gelungen ist. Mit bald 36 Jahren will er nun noch mal weiterziehen, das Knie mache „überhaupt keine Probleme. Ich bin in der zweiten und dritten Liga für vieles offen“, sagt Holland, den ein Auslandsengagement nicht reizt.Und der früher oder später in die Heimat zurückkehren wird. Ein Haus im Berliner Umland ist im Bau, das zweite Kind unterwegs. Aber nun schließt er an diesem Sonntag erst mal das Kapitel Darmstadt nach zwei Auf- und zwei Abstiegen, drei Erstliga- und neun Zweitligajahren. „Fabian Holland“, sagt Geschäftsführer Sport Paul Fernie, „verlässt den SV 98 als Vereinslegende.“