PfadnavigationHomePolitikAuslandTürkei„Seine Inhaftierung dient dazu, die türkische Zivilgesellschaft einzuschüchtern“Stand: 11:32 UhrLesedauer: 7 MinutenAyse Bugra in der Bibliothek des Axel-Springer-JournalistenclubsQuelle: Martin U. K. Lengemann/WELTVor mehr als acht Jahren wurde der türkische Philanthrop Osman Kavala verhaftet. Die Vorwürfe sind unklar. Seine Frau Ayse Bugra, die in Berlin für ihn einen Preis entgegennimmt, spricht über Erdogans mögliche Motive und die angespannte Lage in der Türkei.Es ist eine Ehrung, aber es ist auch ein trauriger Anlass, der Ayse Bugra nach Berlin führt. Sie ist gekommen, um den Liberal International Prize for Freedom der Liberalen Internationale entgegenzunehmen, der eigentlich ihrem Mann gilt, dem türkischen Unternehmer und Mäzen Osman Kavala. Seit Jahren ist er in der Türkei inhaftiert, ohne dass die Gründe dafür völlig klar sind. WELT: Frau Bugra, lassen Sie uns zunächst über Ihren Mann sprechen. Wie geht es ihm derzeit? Wie kommt er mit der Haft und der Isolation zurecht?Ayse Bugra: Es ist jetzt achteinhalb Jahre her, dass er verhaftet wurde. Ich bin froh, sagen zu können, dass er psychisch sehr stark geblieben ist und mit der Situation – so schwierig sie auch ist – zurechtkommt. Nach dem Urteil haben sich die Bedingungen allerdings verschärft. Früher konnte ich ihn wöchentlich sehen, heute nur noch zweimal im Monat: einmal bei einem sogenannten offenen Besuch, wo wir in demselben Raum zusammensitzen können, ein weiteres Mal durch eine Glasscheibe getrennt. Wir sprechen dabei per Telefon. Er liest viel, das hilft ihm, vor allem Belletristik. Wir lesen oft gemeinsam.WELT: Wie darf man sich das vorstellen?Bugra: Wir lesen dieselben Bücher, schreiben einander darüber oder sprechen bei den Besuchen. Zuletzt haben wir Montaignes Essays gelesen – eine neue vollständige Ausgabe auf Türkisch. Montaigne hilft immer, unabhängig von den Umständen, in denen man sich befindet.WELT: Gibt es bei Montaigne einen Gedanken, der Ihrem Mann besonderen Halt gibt?Bugra: Montaigne gibt einem Kraft, mit seinen Schriften, aber auch durch seine Persönlichkeit, die man beim Lesen seiner Essays kennenlernt. Montaigne hat selbst in schwierigen Zeiten gelebt, ohne zu klagen – während der verheerenden Religionskriege im Frankreich des 16. Jahrhunderts. Und doch hat er Wege gefunden, sich seine Freiheit zu bewahren, er selbst zu bleiben.Lesen Sie auchWELT: Die Stiftung Ihres Mannes ist weiterhin aktiv?Bugra: Ja. Anadolu Kültür existiert weiter. Mein Mann verfolgt die Initiativen der Stiftung mit großem Interesse, auch wenn er aus der Haft heraus natürlich nicht aktiv eingreifen kann. Ziel der Organisation war es stets, kulturelle Zusammenarbeit zu fördern und Brücken zu bauen – zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen, verschiedenen Weltanschauungen und politischen Positionen. Mein Mann will zur Entwicklung von Empathie und Solidarität beitragen; das ist ihm wichtig, gerade in der polarisierten Welt von heute.WELT: Wie erklären Sie sich seine Inhaftierung?Bugra: Es ist schwer zu begreifen. Sein Fall folgt keinerlei juristischer Logik. Die Vorwürfe entsprechen nicht einmal den Tatbeständen des Strafgesetzbuchs. Ihm wurde vorgeworfen, gewaltsam die Regierung stürzen zu wollen – doch in rund 20 Verhandlungsterminen, an denen ich teilgenommen habe, habe ich kein einziges konkretes Beispiel für eine entsprechende Handlung gehört. Seine Inhaftierung dient offenbar dazu, die Gezi-Proteste von 2013 nachträglich zu kriminalisieren und die türkische Zivilgesellschaft einzuschüchtern. Vielleicht ist seine fortgesetzte Inhaftierung auch schlicht die Folge einer Kette von Fehlentscheidungen, die sich nur schwierig korrigieren lassen.Lesen Sie auchWELT: Warum erscheint Ihr Mann der Regierung von Recep Tayyip Erdogan als Bedrohung?Bugra: Das verstehe ich selbst nicht. Er ist kein Politiker, er gehört keiner Partei oder Organisation an. Seine Arbeit in der Zivilgesellschaft war stets transparent. Seine Organisation Anadolu Kültür arbeitete sogar zeitweise mit Ministerien zusammen. Die Vorwürfe sind schwer nachvollziehbar. Die plausibelste Erklärung ist, dass nach dem Putschversuch 2016 eine neue Erzählung über die Gezi-Proteste entstand – als angeblicher Umsturzversuch. Und um diese Erzählung aufrechtzuerhalten, brauchte man angebliche Hintermänner, die man ausfindig machen und bestrafen konnte.WELT: Und Ihr Mann wurde zu einem Sündenbock?Bugra: Möglicherweise. Vielleicht, weil viele Menschen ihn kennen, vielleicht auch, weil er einer reichen Familie entstammt. Aber das sind Spekulationen. Fakt ist: Es gibt keinen ernsthaften Versuch, Beweise vorzulegen.WELT: Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat bereits 2019 die Freilassung ihres Mannes angeordnet.Bugra: Ja. Weil die türkischen Behörden sich weigerten, diesem Urteil Folge zu leisten, hat der Menschenrechtsgerichtshof ein Vertragsverletzungsverfahren gegen die Türkei eingeleitet – mit dem eindeutigen Ergebnis, dass die Türkei ihren Verpflichtungen aus der Europäischen Menschenrechtskonvention nicht nachgekommen ist. Es ist ein außergewöhnlicher Fall, dass jemand trotz eines solchen Urteils weiterhin inhaftiert bleibt. Es ist ein Fall, der das gesamte System der Europäischen Menschenrechtskonvention infrage stellen könnte.WELT: Haben Sie noch Hoffnung, dass ein neues Urteil seine Freilassung bewirken könnte?Bugra: Ich halte daran fest, dass es so sein muss. Die Türkei ist seit 1949 Mitglied des Europarats (zu dem der Menschenrechtsgerichtshof gehört, Anm. d. Red.), die Einhaltung der Urteile ist sogar in der türkischen Verfassung verankert. Ob es tatsächlich dazu kommt, kann ich nicht sagen. Aber die Hoffnung bleibt.WELT: Sie glauben also weiterhin an das System der Menschenrechte?Bugra: Ich glaube, dass dieses System von grundlegender Bedeutung ist. Man kann nicht einfach sagen, es funktioniere nicht mehr und könnte entsorgt werden. Das System muss verteidigt werden. Denn es verleiht Normen und Werten – Menschenrechten und individuellen Freiheiten – Gewicht. Ohne ein solches System wären Personen, deren Menschenrechte verletzt wurden, schutzlos.WELT: Braucht es dafür mehr politischen Druck aus Europa?Bugra: Europäische Staaten verfolgen natürlich ihre geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen. Aber ich finde, diese Interessen sollten nicht die Werte überlagern. Ich wünsche mir, dass Menschenrechte in den internationalen Beziehungen stärker betont werden. Wenn diese Werte völlig verdrängt werden, verstärkt das nur autoritäre Tendenzen.WELT: Tut Deutschland genug, um die Freilassung ihres Mannes zu erreichen?Bugra: Es steht mir nicht zu, Forderungen zu stellen. Aber ich würde mir wünschen, dass sein Fall in Gesprächen zwischen Vertretern Deutschlands und der türkischen Regierung stärker präsent ist. Es geht nicht um Druck, sondern darum, Bewusstsein zu schaffen und seine Sorge auszudrücken.WELT: Manche meinen, das System Erdogan sei ohnehin bald am Ende. Wie sehen Sie das?Bugra: Es gibt zahlreiche Umfragen, die darauf hindeuten, dass in der Bevölkerung weitverbreitete Unzufriedenheit herrscht. Wirtschaftliche Probleme stehen bei den Beschwerden der Menschen an erster Stelle, und diese Probleme sind ziemlich gravierend. In Umfragen wird neben der Wirtschaft zunehmend auch „Gerechtigkeit“ als zentrales Anliegen genannt. Auch wenn in solchen Umfragen nicht konkretisiert wird, was die Menschen unter Ungerechtigkeit verstehen, deutet dies auf eine grundlegende Kritik an der aktuellen Situation hin. Dennoch ist es schwer einzuschätzen, ob dies trotz der Polarisierung im Land zu einem demokratischen Wandel führen könnte. Bei den Kommunalwahlen 2024 erzielte die größte Oppositionspartei (die sozialdemokratische CHP; d. Red.) den höchsten Stimmenanteil und gewann in vielen Großstädten das Bürgermeisteramt. Sie steht nun jedoch angesichts der anhaltenden Maßnahmen gegen ihre gewählten Bürgermeister vor großen Herausforderungen.Lesen Sie auchWELT: Sie sind Ökonomin – wie beurteilen Sie die wirtschaftliche Lage?Bugra: Sie ist äußerst angespannt. Die Inflation gehört zu den höchsten weltweit. Armut und soziale Unsicherheit nehmen zu. Viele gut ausgebildete junge Menschen finden keine Perspektive. Das verstärkt den Wunsch nach Veränderung.WELT: Viele Menschen in Deutschland sind unsicher, wie sie mit der Türkei umgehen sollen, etwa ob sie das Land als Reiseziel meiden sollten, oder wie sie mit türkischen Freunden über die Verhältnisse dort reden sollen. Was würden Sie den Deutschen raten?Bugra: Man sollte die Bevölkerung eines Landes nicht mit seiner Regierung gleichsetzen. Es ist wichtig zu sehen, dass sich in der Türkei viele Menschen für Gerechtigkeit und Freiheit einsetzen. Es ist wichtig, sensibel für Ungerechtigkeiten zu bleiben und den Dialog zu suchen. Fragen Sie nach, sprechen Sie miteinander – Dialog ist entscheidend, Vorurteile schaden.Senior Editor Daniel-Dylan Böhmer berichtet für WELT über den Nahen Osten und Afghanistan.