Das Folgenreichste dieses Wochenendes kam nicht aus der Nordwestkurve. Es war ein Satz im Presseraum des Frankfurter Stadions. Philipp Reschke sprach davon, dass manche Beteiligte „den Verstand verloren“ hätten. Für einen Funktionär der Eintracht ist das bemerkenswert. Über Jahre dominierten im Umfeld des Vereins weichere Vokabeln. Es ging um Emotionen, um Fankultur, um Dialogprozesse.Nach den Ereignissen beim Spiel gegen Stuttgart blieb dafür kein Platz: Raketen flogen unters Stadiondach, Menschen wurden verletzt, Besucher berichteten von Angst. Selbst wer nicht unmittelbar neben den Knallköpfen stand, die ihre gefährliche Pyro-Show abzogen, musste ernsthaft darüber nachdenken, ob das Waldstadion noch ein Ort kalkulierbarer Risiken ist.Erschütterte VorstellungDer Samstag zeigte Bilder eines Milieus, das sich von seinen eigenen Erzählungen entfernt hat. Seit Jahren erklären führende Stimmen aus den Reihen der Fans, Leidenschaft brauche Freiräume. Man müsse reden, Verständnis entwickeln, interne Entwicklungen respektieren.Die Stehtribüne wird in dieser Logik als komplexes soziales System mit funktionierenden Korrekturmechanismen beschrieben. Grenzen würden diskutiert, Verantwortung übernommen, Eskalationen intern eingehegt. Der Samstag hat diese Vorstellung erschüttert.Geplanter EklatWas sich da entlud, hatte nichts Impulsives. Wer Sprengkörper in solchen Mengen einschleust, plant den Eklat. Wer sie zündet, nimmt Verletzungen in Kauf. Die üblichen Verteidigungslinien wirken inzwischen verbraucht. Die Beschwörung der besonderen Stimmung bei Partien der SGE verliert ihre Überzeugungskraft, sobald Menschen im Krankenhaus landen. Reschke hat das erkannt.Seine Aussagen klangen wie die späte Einsicht an der Spitze des Vereins, in dem viele zu lange hofften, Konflikte durch Nähe befrieden zu können. Dabei entstand im deutschen Fußball, und vor allem in Frankfurt, über Jahre eine merkwürdige Unschärfe.Die Beschwörung der besonderen Stimmung bei Partien der Eintracht verliert ihre Überzeugungskraft, sobald Menschen im Krankenhaus landen.dpaKlubs vermarkteten die Wucht der Ultras, feierten Choreographien als identitätsstiftendes Kapital und behandelten Grenzüberschreitungen oft wie bedauerliche Begleiterscheinungen eines großen Spektakels. Dadurch entwickelte sich in Teilen der Gruppierungen ein Gefühl der Unantastbarkeit. Regeln galten als verhandelbar. Kritik erschien vielen bereits als Angriff auf das Selbstverständnis.In Frankfurt liegt nun offen, wohin diese Denkweise führen kann. Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Dialog wichtig bleibt. Natürlich bleibt er wichtig. Entscheidend ist etwas anderes: Glaubt die Eintracht noch immer, dass jede Eskalation kommunikativ auflösbar ist? Die Vergangenheit lieferte genügend Gegenbeispiele.Und irgendwann verliert eine Szene ihr Recht auf romantische Verklärung. Der Verein weiß, was zu tun ist. Jetzt muss er es auch wollen. Raketen unter einem Stadiondach haben nichts mit Atmosphäre zu tun, sie erzählen etwas anderes: Sie handeln von Kontrollverlust. Und Kontrollverlust entwickelt keine Fußballkultur. Er vernichtet sie.