Schon am letzten Februartag stand fest, dass Deutschland es in diesem Jahr sehr schwer beim Eurovision Song Contest (ESC) haben würde. Es war der Tag des deutschen Vorentscheids, neun Kandidaten waren in Berlin angetreten. Und als die drei Superfinalisten feststanden, von Juroren ausgewählt, hofften alle Experten, dass es nicht das Lied „Fire“ sein würde. Ein Popnümmerchen der Vergangenheit, wie von der KI geschrieben, der Auftritt von Sarah Engels dazu sah ebenfalls wie aus der Zeit gefallen aus. Damit würde sich kein ESC-Finale im Jahr 2026 gewinnen lassen.Doch das Publikum entschied sich für Sarah Engels, die sich die kritischen Stimmen auch zu Herzen nahm und wenig später sagte, dass an dem Auftritt noch gearbeitet und viel geändert würde. In Wien zeigte sich in dieser Woche aber, dass es kaum Verbesserungen gab. Es war eine andere Choreographie, allerdings eine, die es nicht besser, sondern eher nur schlechter machte.Die Wettquoten auf einen Sieg für die deutsche Kandidatin waren entsprechend schlecht – und das durchgängig seit März. Das Lied wurde auch kaum im Radio gespielt, es hielt sich nur eine Woche auf Rang 75 der deutschen Singlecharts. Trotz 1,8 Millionen Followern auf Instagram schaffte es nicht einmal die Künstlerin selbst, sich in der Heimat ins Gespräch zu bringen, geschweige denn im Ausland. Die Quittung kam am Sonntagmorgen: Nur zwölf Punkte, null von den Zuschauern, das war der drittletzte Platz.Beitrag muss aus der Masse herausstechenAlso alles wie immer: Auch der Südwestrundfunk (SWR), in diesem Jahr erstmals aufseiten Deutschlands für den ESC verantwortlich, macht dieselben Fehler wie der Norddeutsche Rundfunk (NDR). Der ESC ist ein Wettbewerb, dem man sich mit allen Konsequenzen stellen muss. Man braucht einen Beitrag, der aus der Masse heraussticht, über den gesprochen wird. Warum auch immer. Vielleicht reicht ja schon eine furios gespielte Geige oder ein goldfarbenes Klavier, aus dem sich die Künstlerin in die Höhe erhebt. Oder eben auch ein Sitzkreis, der um sein Leben zu tanzen scheint, überwiegend sitzend wie die diesjährige Gewinnerin Dara aus Bulgarien mit ihrem „Bangaranga“. Aber einfach nur darauf zu setzen, dass der Kandidat singen und tanzen kann, reicht bei Weitem nicht aus. Das können inzwischen alle.Warum lädt man zum Vorentscheid 20 ESC-Experten aus 20 Ländern ein, wenn man dann ihr Urteil ignoriert? Da sitzen ehemalige Teilnehmer, wie die ukrainische ESC-Gewinnerin Ruslana (2004), der Litauer Vaidotas Valiukevičius von The Roop (2001: Platz acht) und Luca Hänni aus der Schweiz (2019: Platz vier) sowie langjährige Song-Contest-Produzenten wie der Schwede Christer Björkman zusammen, und dann dürfen sie am Ende nicht über den deutschen Kandidaten mit abstimmen.Die Europäische Rundfunkunion (EBU) hat nach wenigen Jahren gerade erst wieder Jurys in den Halbfinals eingeführt. Weil sie ein gutes Gegengewicht zum Publikum sind. Übrigens auch bei vielen anderen ESC-Vorentscheiden in Europa, bei denen Jurys und Zuschauer gleichermaßen entscheiden – etwa beim Melodifestivalen in Schweden.Björkman, der für den schwedischen Sender SVT 2002 das Melodifestivalen, den Vorentscheid des Landes, quasi neu erfunden hat und zu einer mehrwöchigen Veranstaltung mit fünf Vorrunden umwandelte, ist maßgeblich mitverantwortlich für Schwedens sensationell gutes Abschneiden beim ESC in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Er hat kurz vor dem Wettbewerb in Wien in dem Podcast „Eurovisionklubben“ von SVT davon gesprochen, dass sich die 20 Juroren einig waren, dass Sarah Engels mit „Fire“ nicht zum ESC fahren sollte: In dem Podcast nennt er zwar keinen Namen, spricht aber von einem Künstler, der herausstach. „Mit ihm hätte das beim ESC hervorragend funktioniert.“Dabei kann es sich nur um den Zweitplatzierten im deutschen Vorentscheid gehandelt haben, den Liechtensteiner Wavvyboi mit seinem Lied „Black Glitter“, Favorit auch vieler deutscher ESC-Experten schon beim Vorentscheid im Februar. Ihn zu wählen, wäre mutig gewesen, hätte bestens in die heutige Zeit gepasst, anders als Sarah Engels mit „Fire“: Ihr Auftritt in Wien erinnerte an Beiträge aus Osteuropa vor zehn oder 15 Jahren.Sarah Engels war würdige Vertreterin für DeutschlandSchweden, die Ukraine, aber auch unsere direkten Nachbarn, bis vor einigen Jahren wenig erfolgreich, zeigen, dass man konstant gute Ergebnisse einfahren und den Wettbewerb auch gewinnen kann. Conchita Wurst und JJ hatte der ORF intern ausgewählt, gegen alle Widerstände. Thomas Neuwirth, die Frau mit dem Bart, wurde selbst im Land massiv angefeindet, doch der zuständige Sender hielt an seiner Entscheidung fest – der Rest ist Geschichte. Auch Johannes Pietsch, JJ, war als Opernsänger im vergangenen Jahr nicht unumstritten und holte dann doch sensationell den zweiten Sieg für Österreich innerhalb von zehn Jahren mit seinem „Wasted Love“.Auch die Schweiz kehrte 2019 zu einer internen Auswahl zurück, schickte Luca Hänni, kam erstmals seit 2014 wieder in ein Finale und dort beim ESC in Tel Aviv sogar auf Platz vier. Nemo, intern ausgewählt, gewann 2024 mit „The Code“. Man kann auch scheitern, wie dieses Jahr Veronica Fusaro mit „Alice“ für die Schweiz. Dennoch sollte der SWR sich überlegen, nicht nur neue, sondern progressiv neue Wege beim Song Contest zu gehen. Die Zuschauerquote beim Vorentscheid allein kann kein Grund sein, den ESC für Deutschland sehenden Auges vor die Wand zu fahren.Und noch mal zu Sarah Engels: Sie war eine würdige Vertreterin Deutschlands, hat in Wien viele Sympathien gewonnen, weil sie ihr Bestes gegeben hat. Es reichte nur nicht für einen ESC. Sie hat Respekt verdient, es ist nicht allein ihre Schuld, dass es für keine gute Platzierung gereicht hat. Vor allem das Publikum in Deutschland wollte sie – an jenem letzten Februartag in diesem Jahr, als schon absehbar war, dass es wieder nichts werden würde.