Rettet uns, ihr Superhelden! Die Fantasy Basel wächst jedes Jahr. Ist das mehr als Eskapismus?Die Fantasy Basel ist der grösste popkulturelle Event der Schweiz. Eine Autorin sagt: «Das Böse zieht uns an.» Ein Besuch17.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenFür einen Tag ein Schurke sein: Das geht an der Fantasy Basel.Urs Flüeler / KeystoneDarth Vader scheint müde zu sein. Der grosse Bösewicht aus den «Star Wars»-Filmen bahnt sich in der starren, schwarzen Uniform einen Weg durch die Menge und reisst sich hinter einem Stand den Helm vom Kopf. Super Mario und Luigi sitzen auf einer Bank und teilen eine Portion Pommes. Ein paar Meter weiter schleckt Batman an einem schwarzen Glacé. Hier, an der Fantasy-Messe in Basel, sind Figuren aus allen erdenklichen Ecken der Pop-Kultur zum Leben erwacht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Eine Fantasy-Messe? Ja, und was für eine: Seit 2015 findet sie in Basels Messehallen statt, und jedes Jahr wird sie grösser. Im ersten Jahr waren es 20 000 Besucherinnen und Besucher, dieses Jahr kamen laut den Veranstaltern 103 000 Leute für die dreitägige Veranstaltung nach Basel. Und das in einer Zeit, in der viele andere Messen wegen hoher Kosten und mangelnder Nachfrage nicht mehr stattfinden. Die Baselworld, die grosse Uhren- und Schmuckmesse, ist Geschichte. Auch die Muba, die Basler Mustermesse, gibt es seit einigen Jahren nicht mehr.Hier gibt es alles, was die Herzen von Bösewichten und Elfen begehren.Urs Flüeler / KeystoneViele Besucherinnen und Besucher geben Hunderte Franken für ihre Kostüme aus.Urs Flüeler / KeystoneDie Fantasy-Messe breitet sich auf drei Stockwerken mit 850 Ausstellerinnen und Ausstellern aus. Für 50 Franken pro Tag und Erwachsener ist man dabei. Es gibt einen riesigen Teil für Computerspiele, einen für Brettspiele, Stände zu Filmen, Büchern, Comics, Serien aus der Fantasy-Welt. In einer «Kampfzone» lernen Fans, mit Lichtschwertern zu kämpfen. Im asiatischen Teil verkauft ein Reisebüro Animé-Reisen nach Japan. Überall rumpelt und summt, zischt und piepst es.Soldatinnen und FabelwesenIn einem ruhigen Teil der Messe, bei den Comic-Zeichnerinnen und Buchautoren, steht Sabrina Witzig und sagt: «Das Böse zieht uns an.» Witzig ist Deutschlehrerin an einem Gymnasium im Kanton Zürich und daneben publiziert sie seit Jahren unter dem Pseudonym Severn A. Lee Fantasy-Romane. Gerade stand sie auf einer kleinen Bühne der Messe und erzählte, wie man als Autorin einen Schurken entwickelt. Den 50 Leuten, die vor ihr sassen, erläuterte sie ihre Gedanken zum Bösen. Es gebe zwei Typen von Bösewichten, die Geheimnisvollen und die Psychopathen, sagte sie. Und: «Obwohl die Figuren schrecklich sind, müssen sie uns irgendwie faszinieren.»Viele würden in den Fantasy-Welten eine Form von Eskapismus sehen, sagt Witzig, während sie an ihrem Stand Autogramme in Bücher kritzelt. Man entfliehe dem Alltag, indem man sich in eine andere, in eine fiktive Welt begebe. Doch Fantasy sei mehr: Für sie und viele andere Autoren sei es eine Form, die Realität zu verarbeiten. Vielleicht hat sie sich deshalb schon immer für Bösewichte interessiert. Bereits als Kind sei sie beim Lesen stets auf der Seite der Schurken gewesen. Nun entwirft sie eigene. Nur eine weibliche Bösewichtin, das sei ihr noch nicht gelungen.Die Bösewichte sind in Basel überall. Die Menschen verkleiden sich als Superschurken aus ihren liebsten Filmen und Serien, sie schleppen Schwerter in allen Formen und Farben oder gar Maschinengewehre und Pistolen an, die an echte Waffen erinnern. Bei den Eingängen gibt es «Waffenkontrollen». Wer als Teil des Kostüms eine Waffe dabei hat, muss diese dort überprüfen lassen. Echte Darstellungen von Militäruniformen sind verboten.Die Sache mit den Kostümen nennt sich Cosplay. Für alle, die das verpasst haben: Als Cosplay bezeichnet man das Ritual von Fans, sich als ihre liebsten Heldinnen und Helden zu verkleiden. Viele geben dafür Hunderte von Franken aus und investieren Stunden, um das perfekte Kostüm zu basteln. Cosplay kommt ursprünglich aus Japan und ist durch den Boom von Anime und Manga in Europa und den USA auch in der Schweiz gross geworden. Während der Leipziger Buchmesse findet seit über zehn Jahren die Manga-Comic-Con statt, eine Messe für Comiczeichnerinnen, Synchronsprecher, Autorinnen, deutsche Meisterschaft der Cosplayer inklusive.An Wettbewerben treten die Cosplayer gegeneinander an.Urs Flüeler / KeystoneSehen und gesehen werden: Ein wichtiger Teil der Fantasy Basel.Urs Flüeler / KeystoneAuch in Basel sind sie überall, die Soldatinnen im Tarnanzug, die Elfen mit den farbigen Pupillen und die Fabelwesen mit Hasenohren und Fuchsschwänzen. Letztere geraten auch gerne einmal in die Toilette, wie eine junge Frau in der Warteschlange vor der Damentoilette ihrer Freundin berichtet.Frittieröl und SchweissDie Basler Fantasy-Messe ist selbstverständlich eine riesige Konsumveranstaltung. Alles kann man hier kaufen: Schwerter, Perücken, Umhänge, Schminke, Labubus, Überraschungspakete, wieder Schwerter, K-Pop-Fanartikel, Gaming-Tastaturen, Brettspiele und noch mehr Schwerter. Dazwischen: die Schweizer Firma Maggi, die eine eidgenössische Version japanischer Ramen-Nudeln präsentiert.Aber die Messe ist auch ein Treffpunkt für Kunstschaffende. An einem Stand sitzt Ingo Römling aus Berlin und skizziert Yoda, diesen kleinen, legendären Ausserirdischen aus den «Star Wars»-Filmen. Römling ist Illustrator und Comiczeichner. Jahrelang hat er im Auftrag von Disney Teile der «Star Wars»-Comics entworfen. Vergangenes Jahr lancierte er gemeinsam mit einem französischen Comic-Autoren die Reihe «Metropolitan», die im Berlin des Jahres 2099 spielt.Römling hat auch das Coverbild der diesjährigen Messe gemalt. Es zeigt eine kämpferische Figur mit langen, pinkfarbenen Haaren, die an Regenwürmer erinnern. Er habe die Figur genderneutral gestalten wollen. Nun sei sie doch irgendwie feminin geworden. Das riesige Zepter, das sie in der Hand hält, habe er aus einem Biologiebuch seiner Frau abgezeichnet. Im Gegensatz zu vielen anderen hier kann Römling von seiner Arbeit leben. Doch wie lange noch? Mit Maschinen kann man heute in Sekunden erschaffen, wofür Comiczeichner Stunden brauchen.Die künstliche Intelligenz: Auch hier in der Fantasy-Welt ein Thema. Obwohl die Festivalleitung dagegen vorgeht und an den Ständen der Künstlerinnen und Künstler keine allein von KI erschaffenen Werke erlaubt, ist es Gesprächsstoff. An einem Panel mit dem Titel «KI und Fantasy – eine unheilige Allianz?» oder im Austausch neben den Bühnen. Insbesondere die Synchronsprecherinnen und Synchronsprecher sind in Sorge um ihre Jobs, seit Plattformen wie Netflix die Stimmen ihrer Sprecher für das Training künstlicher Intelligenzen nutzen wollen. Der Illustrator Römling versucht, es positiv zu sehen. Die Menschen interessierten sich für Kunst, die von Menschen gemacht werde. Bei KI-Werken fehle das.In den Hallen der Messe Basel riecht es nach Frittieröl und Schweiss.Urs Flüeler / KeystoneDie Menschen hinter den Comics und Cosplays. Darum scheint es an dieser Messe zu gehen. Viele der Besucherinnen und Besucher leben ihr Fan-Sein normalerweise online aus, in fiktiven Welten, in Fan-Foren oder Tiktok-Videos. Jeder Film, jedes Videospiel und jede Serie ist über das Handy mit wenigen Klicks erreichbar. Etwas zu veröffentlichen, war wohl noch nie so einfach wie heute. Aber es war noch nie so schwer, damit gesehen zu werden. Hier in Basel, wo es laut ist und chaotisch, wo Frittieröl und Schweiss in der Luft hängen, stillen Fans und Künstler ihre Sehnsucht nach Aufmerksamkeit in der echten Welt.