Kampfansage im Fitnessmarkt: Coop greift die Vorherrschaft der Migros an Im boomenden Fitnessmarkt war die Migros-Gruppe lange die unangefochtene Nummer eins. Doch Coop holt dank einem Familienbetrieb stark auf und zählt bald 100 Studios. Kleine Betreiber fühlen sich bedroht.17.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie ewigen Rivalen: Migros und Coop liefern sich auch im Fitnessmarkt einen Zweikampf um die Vorherrschaft im Land.Illustration Simon Tanner / NZZGrüne und weisse Ballons hängen über dem Eingang des Einkaufszentrums Wiggispark in Netstal im Kanton Glarus. Interessiert betrachten Einheimische die neuen Fitnessgeräte, an denen bald geschwitzt werden darf. Das Highlight des Studios ist jedoch der Blick aus dem Fenster: der Glärnisch in der Abendsonne.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Bis vor wenigen Wochen trainierten hier die Kundinnen und Kunden von Activ Fitness – und waren damit, vielleicht ohne es zu wissen, Migros-Kinder. Die grösste Fitnesskette der Schweiz gehört zum Detailhandelskonzern mit Sitz am Zürcher Limmatplatz. Weil die Nachfrage zu gering war, entschieden die Verantwortlichen jedoch, den Standort Netstal aufzugeben. Es sei nicht gelungen, das Studio «wettbewerbsfähig» zu gestalten.Das Fitnessangebot im Glarnerland wird dadurch aber nicht kleiner. Die Räumlichkeiten von Activ Fitness hat Update Fitness übernommen, ein Unternehmen der Coop-Gruppe.Der Besitzerwechsel in Netstal hat Symbolcharakter. Migros und Coop konkurrieren nicht nur im Detailhandel, sondern auch im Fitnessmarkt. Lange war Migros mit Activ Fitness und den Migros-Fitnessparks die unangefochtene Nummer eins in dieser Boom-Branche. In den vergangenen Jahren hat Coop jedoch, von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt, deutlich aufgeholt.Expansion mit Update FitnessIm Frühling 2016 übernahm Coop eine Mehrheit an Update Fitness. Das Familienunternehmen mit Wurzeln im Kanton St. Gallen zählte damals rund 20 Studios. Mit dem Detailhandelsriesen im Rücken expandierte die Gruppe rasch: Jahr für Jahr kamen drei bis neun Standorte hinzu. Ende 2025 zählte Update Fitness 87 Studios. Der CEO und Mitinhaber Michael Ammann, der das Unternehmen 1997 mit seinem Bruder gegründet hat, will weiter wachsen: «Wir rechnen damit, in diesem oder dem nächsten Jahr den hundertsten Standort zu eröffnen.»Nach oben setzt sich Ammann keine Grenzen: «Unser Ziel ist eine schweizweite Abdeckung, wobei wir derzeit noch Lücken haben – etwa in Grossstädten wie Zürich.» Sein Team sucht aktiv nach neuen Standorten. Er sagt, dass es reizvoll wäre, «eines Tages» die Nummer eins zu sein. Vorrang habe jedoch «ein gesundes Wachstum».Um dieses Ziel zu erreichen, hat Update Fitness sein Angebot angepasst. Seit Januar 2026 sind die meisten Studios rund um die Uhr geöffnet – sieben Tage die Woche. «Die verlängerten Öffnungszeiten entsprechen einem Bedürfnis unserer Kundinnen und Kunden», sagt Ammann. Auch das gezielte Abwerben von Kundinnen und Kunden der Konkurrenz ist kein Tabu. Bei Neueröffnungen wie in Netstal wird die verbleibende Abo-Zeit des bisherigen Anbieters angerechnet, so dass Interessierte sofort starten können.Bei der Migros dürften Ammanns Aussagen als das verstanden werden, was sie sind: eine Kampfansage. Mit 144 Fitnessstudios per Ende 2025 hat die Movemi AG, die Activ Fitness und Fitnesspark betreibt, zwar weiterhin einen deutlichen Vorsprung gegenüber Coop. Das Wachstum hat sich jedoch verlangsamt: Gemäss dem Migros-Geschäftsbericht kamen in den vergangenen fünf Jahren netto nur fünf Standorte hinzu.Die Migros verzettelte sichLange hatten sich die Regionalgenossenschaften der Migros mit verschiedenen Marken wie Activ Fitness, Fitnesspark, Flowerpower, M-Fit, One Training Center und Only Fitness verzettelt. Hinzu kam ein kostspieliges Deutschland-Abenteuer der Migros Zürich. Erst 2022 wurden mit der Gründung von Movemi sämtliche Fitnessanlagen gebündelt. Seither konzentriert man sich auf die Marken Activ Fitness und Fitnesspark.Für die Zukunft rechnet die Migros wieder mit stärkerem Wachstum. Für 2026 und 2027 seien acht neue Standorte geplant, teilt die Movemi-Sprecherin Silvia Talabér mit. «Wir sind überzeugt, mit unserem Preis-Leistungs-Führer Activ Fitness und unserem Premiumformat Fitnesspark weiterhin eine einmalige Kombination an Fitness- und Erholungsangeboten bieten und so als Marktführer agieren zu können.» Das Unternehmen sieht im Schweizer Fitnessmarkt weiterhin grosses Potenzial.Die Branche wächst stark. 2025 waren laut dem Branchenverband Swiss Active 1,45 Millionen Menschen in der Schweiz Mitglied eines Fitnesscenters – ein Anstieg um 25 Prozent in vier Jahren. Die Umsätze stiegen im gleichen Zeitraum von 1,03 auf 1,36 Milliarden Franken, ein Plus von 32 Prozent.Die Zahlen, gemeinsam mit zwei Hochschulen erhoben, sind jedoch nicht unumstritten. Der Schweizerische Fitness- und Gesundheitscenter-Verband (SFGV), der vor allem kleinere, inhabergeführte Studios vertritt, zweifelt an deren Repräsentativität. Da Swiss Active vor allem grosse Ketten vertrete – darunter Activ und Update Fitness –, seien deren Studios überproportional berücksichtigt, sagt der SFGV-Präsident Claude Ammann.«Der Zweikampf schadet den Kleinen»Ein Fragezeichen setzt Ammann etwa hinter die Altersstruktur der Fitness-Community. «Junge Trainierende bilden die grösste Gruppe», so resümierte Activ Fitness vergangene Woche in einer Medienmitteilung. Nach Ansicht von Ammann trifft das nur bedingt zu. «In den inhabergeführten Studios, die tendenziell mehr Wert auf eine persönliche Betreuung und Prävention legen, sind die älteren Altersgruppen deutlich stärker vertreten.» Das habe auch mit den Abo-Preisen zu tun. «Marken wie Activ und Update Fitness siedeln sich eher im unteren Preissegment an, weil sie weniger stark auf Betreuung setzen – und zum Teil von einer gewissen Quersubventionierung profitieren.»Eine solche Quersubventionierung innerhalb der Detailhandelskonzerne vermutet Ammann insbesondere bei der Standortsuche und den Mieten. «Migros und Coop haben oft die besten Standorte. Ich weiss nicht, wie das funktionieren soll, wenn man das mit einer fairen Berechnung macht.» Die Miete gehöre zu den grössten Kostenblöcken und belaufe sich je nach Grösse auf mehrere zehntausend Franken.Belegen kann Ammann diesen Vorwurf nicht; Einblick in die Bücher hat er nicht. Für ihn ist jedoch klar: «Der Zweikampf von Migros und Coop schadet den Kleinen in der Branche bei der Standortsuche.»«Wir werden keineswegs quersubventioniert»Migros und Coop bestreiten nicht, dass sie bei der Standortsuche Vorteile haben. «Da verschafft uns Coop einen schnelleren Zugang zu freien Flächen», sagt Michael Ammann von Update Fitness. Ein Viertel der neuen Update-Filialen entstehe auf Coop-Arealen. Für diese würden jedoch marktübliche Konditionen bezahlt.Ammann betont, dass Update Fitness keineswegs quersubventioniert werde: «Wir finanzieren unsere Expansion seit der Gründung 1997 eigenständig und ohne Bankkredite.» Abgesehen von der Standortsuche profitiere man lediglich in Bereichen wie Datensicherheit sowie Aus- und Weiterbildung von Kadermitarbeitern von der Anbindung an Coop. «Wir agieren trotz unserem Hauptaktionär weiterhin unabhängig und sind so schnell und agil wie zu Zeiten als reines Familienunternehmen.»Auch die Migros weist den Vorwurf der Quersubventionierung zurück. «Die Movemi AG ist ein eigenständiges und wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen», sagt die Sprecherin Silvia Talabér. Neben der Standortsuche gebe es lediglich «in wenigen administrativen Belangen» Synergien.Bei der Eröffnung in Netstal zeigt sich aber, dass die Verbindung zu den beiden Grossverteilern zumindest kein Nachteil ist. Dort werden die fitnessinteressierten Glarnerinnen und Glarner von Update Fitness nicht nur mit einem Rabatt zum Abo-Abschluss animiert, sondern auch mit 3333 Coop-Superpunkten. Diese können direkt im Supermarkt im gleichen Gebäude eingelöst werden.Passend zum Artikel