Die Berufsbezeichnung Designerin hört sich nicht treffend an für das, was sie tun. Und doch ist der Begriff Design nicht falsch, wenn es um die Arbeiten von Kueng Caputo, Hella Jongerius, Bethan Laura Wood oder Yvonne Rogenmoser geht. Was macht diese Gestalterinnen so besonders?Design umfasst mehr als nur das Entwerfen von Konsumgütern. Ebenso können die mit Gestaltung verbundenen Prozesse gängige Vorstellungen hinterfragen. So kann Design auch kritisches Instrument der Weltwahrnehmung sein.Genau diese Möglichkeit nutzen heute besonders viele Gestalterinnen. Sie tun dies ohne erhobenen Zeigefinger, dafür mit wagemutigen, schrägen oder humorvollen Objekten. Und sie widersetzen sich dabei zuweilen auch den Dogmen des guten Geschmacks. Sie schaffen eigene Welten, die in keine Schublade passen.Nicht, dass jenes Credo der «Guten Form», das Max Bill in den fünfziger Jahren formuliert hatte, ganz ausgedient hätte. Aber die Referenz- und Wertesysteme haben sich seither verschoben. Und das ist gut so. Es ist Zeit für eine Neubewertung bestehender Normen. Die Designgeschichte muss neu geschrieben werden. Denn Gestalterinnen wurden darin lange ignoriert, sie waren unsichtbar.Eine neue GenerationIn den letzten Jahren haben sich mehrere Museumsausstellungen zum Thema «Frauen im Design» dieser Lücke angenommen. Solche Präsentationen verändern zwar, wie Menschen auf Design blicken. Doch sie sind nur ein Anfang in einem längeren Prozess, der noch lange nicht abgeschlossen ist. Die Realität hinkt dieser Aufarbeitung nämlich leider hinterher, wie eine Lohn- und Honorarstudie der Swiss Design Association (SDA) von 2025 zeigt.Die geschlechtsspezifischen Unterschiede in der hiesigen Designbranche sind überdurchschnittlich hoch. Institutionelle Machtstrukturen zu untergraben, ist schwierig. Was es darum mehr denn je braucht, sind Gestalterinnen wie Kueng Caputo, Hella Jongerius, Bethan Laura Wood oder Yvonne Rogenmoser. Diese Namen stehen stellvertretend für eine neue Generation von Designerinnen. Sie positionieren sich selbstbewusst und hinterfragen Design und seine Schattenseiten – kritisch und spielerisch zugleich. Dabei lautet die gute Nachricht: Es gab noch nie so viele Designerinnen dieser Art wie heute.Sie schaffen eigene Welten, die in keine Schublade passen.Susanna KoeberleSie sind keine Randfiguren oder Sonderfälle, sondern gestalten unsere Lebens- und Denkräume genauso wie ihre männlichen Kollegen aktiv mit. Die These: Gerade weil sie nicht in die Fussstapfen von Giganten treten «müssen» oder dies bewusst nicht wollen, haben sie häufig eine freiere und unkonventionellere Annäherung an gestalterische Aufgaben.Oder noch besser: Sie warten nicht, bis man ihnen eine Aufgabe zuweist, sondern setzen eigene Standards, indem sie mutig sampeln und sich nicht durch irgendwelche No-Gos abschrecken lassen. Ornamente: Ja, und bitte viel davon. Farben: keine Grenzen. Motive: Wieso nicht einmal etwas Heiteres? Das Leben ist schon ernst genug. Ihre Arbeiten sind im eigentlichen Wortsinn vielschichtig: Sie erzählen mannigfaltige Geschichten.Hella JongeriusHella Jongerius gründete nach einer Ausbildung an der Design Academy Eindhoven 1993 ihr Studio Jongeriuslab. Nachdem sie über viele Jahre für namhafte internationale Unternehmen wie Vitra, Ikea, Camper, Maharam oder Nymphenburg tätig gewesen war, wandte sie sich vom seriellen Produktdesign ab. «Pushed Washtub», 1996, von Hella Jongerius. PD Der Sessel «The Worker» von Hella Jongerius entstand 2006 für Vitra. PD Bereits zu Beginn ihrer Karriere interessierte sich die niederländische Gestalterin für forschungsbasierte Gestaltungsprozesse. Es ging ihr mit anderen Worten nicht primär um das Herstellen von perfekten und abgeschlossenen Objekten, sondern um das Sichtbarmachen von deren Entstehung.Die Forscherin Hella Jongerius Die niederländische Gestalterin kombiniert alte Verarbeitungstechniken mit neuster Technologie. Sie sieht ihre Arbeit als Teil eines nie endenden Prozesses. Design sollte für sie eine vermittelnde Rolle zwischen dem Menschen und seiner Lebenswelt einnehmen. Ihre experimentellen Entwürfe tragen die Spuren ihrer Entstehung zur Schau. Bis zum 6. September 2026 ist ihre Retrospektive «Whispering Things» im Vitra Design-Museum zu sehen. Das Museum beherbergt seit 2024 ihr Archiv. Jongerius wurde mit verschiedenen Preisen geehrt. (Bild: PD) Dazu gehören auch materielle Aspekte. Sie treibt die Haptik und das Aussehen von Werkstoffen systematisch an ihre Grenzen. Jongerius zeigt uns dadurch, dass diese eine eigene Sprache und gleichsam ein eigenes Leben haben. Die Bedeutung unseres eigenen Handelns und unserer Verantwortung gegenüber der Dingwelt unterstreicht die Designerin durch die zentrale Rolle der menschlichen Hand in ihrer Arbeit, sowohl als Motiv als auch als intelligentes Werkzeug des kreativen Gestaltens. Hände sind hochentwickelte Wunderwerkzeuge. Kueng CaputoAllerdings verschwindet genau das in unseren Breitengraden zusehends, und damit geht auch viel Wissen verloren. Das ist unter anderem ein Grund, weshalb das Duo Kueng Caputo häufig mit Handwerksbetrieben zusammenarbeitet. Sarah Kueng und Lovis Caputo lernten sich schon vor ihrer Ausbildung kennen und taten sich nach ihrem Abschluss an der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) 2008 zusammen.Die Radikalen Kueng Caputo Für ihre Entwürfe arbeiten Sarah Kueng und Lovis Caputo häufig mit Handwerksbetrieben zusammen. Im Fokus stehen dabei das Experimentieren mit Materialität und Farbe sowie der Austausch mit Menschen. Ihre Designpraxis ist durch Reflexion und Haltung geprägt. In den letzten Jahren hat sich ihre Arbeit immer stärker ins Räumliche verlagert. Sie unterrichten regelmässig an diversen Hochschulen. 2020 gewannen sie den Schweizer Grand Prix Design. (Bild: Claude Gasser) Dabei ist ihre Arbeit zum einen durch demokratische Do-it-yourself-Projekte gekennzeichnet, zum anderen durch handwerklich gefertigte Unikate und Kleinserien für den Designsammlermarkt. Die Konsequenz, mit der sie jedes einzelne Projekt angehen, beeindruckt. Sie wissen, was sie wollen, und bleiben beharrlich dran, etwa wenn es darum geht, eine bestimmte Farbe für einen Linoleumboden zu finden – die es bis anhin nicht gab. «Never Too Much», 2015, von Kueng Caputo: Die Schalen aus Leder sind von Hand bemalt. PD Die Kollektion «Bricks», 2023, von Kueng Caputo aus Schweizer Backsteinen vereint Industrieprodukt und Handwerk. Paola Caputo Ungeachtet der Umstände finden die zwei Gestalterinnen durch lange Gespräche stets eine Lösung, auch für scheinbar Unmögliches. So konnten sie bei ihrem Konzept für ein Ausbildungszentrum in Winterthur zeigen, dass massgeschneiderte und lokal hergestellte Möbel gleich viel kosteten wie teure Standardware. Sie entwickelten zudem ungewöhnliche Farbkompositionen für Wände und Böden in 61 verschiedenen Kombinationen. Die Farben knallen zwar, aber dennoch schreien sie nicht. Das hat Vorbildfunktion für öffentliche Bauten, in denen oft irgendwelche traurigen und farblosen Räume für Menschen entworfen werden. Beim Umbau eines Stalles 2026 setzten Kueng Caputo überall Farben ein. Dennoch wirkt der Raum nicht laut. PD Bethan Laura WoodAuch die Arbeit von Bethan Laura Wood ist komplex. Ihre Entwürfe sprühen nur so vor Farben, Materialexperimenten und Mustern. Aber es bleibt nicht bei diesem visuellen Feuerwerk, das sie übrigens auch gleich selbst verkörpert. Ihr exzentrischer Auftritt täuscht darüber hinweg, dass sie mit ihrer Arbeit mehr als nur retinal beeindrucken möchte.Die Exzentrische Bethan Laura Wood Farben, Muster, Texturen: Eine abenteuerliche Mischung dieser Zutaten kennzeichnet das Werk der britischen Designerin. Sie entwirft sowohl für den Designsammlermarkt (etwa für die Mailänder Galerie Nilufar) als auch für namhafte Unternehmen (darunter Cassina, Moroso, Kvadrat, Abet Laminati, Dior, Perrier-Jouët oder Hermès) Möbel, Leuchten, Textilien und Accessoires. Viele Objekte entstehen in enger Zusammenarbeit mit Handwerkern. Wood hat unter anderem am RCA, am Central Saint Martins College sowie an der Écal unterrichtet. (Bild: Emanuele Tortora) Die Referenzen, die sie zitiert, übersteigen Vorbilder der Moderne oder der Antimoderne. Sie überbrücken leichtfüssig Epochen und Kulturen. Damit macht die Designerin deutlich, dass die Wurzeln des heutigen Designs viel weiter zurückreichen als die Entstehung dieses Begriffs im späten 19. Jahrhundert. Und auch nicht zwingend in Europa liegen. Weltweit haben Menschen schon immer Dinge gestaltet. Sich mit schönen Objekten und Alltagsgegenständen zu umgeben, ist ein universelles Bedürfnis. Das totemartige, von allen Seiten zugängliche Bücherregal von Bethan Laura Wood wirkt durch Überfülle an Details und Farben. Emanuele Tortora Bethan Laura Wood, Kaleidoscope-o-rama, 2023. Allein schon der Titel dieser Serie von Möbelstücken ist wild. Emanuele Tortora Universell und kulturübergreifend sind auch Ornamente. Sie feiern nach Jahrzehnten des Diktats von Reduktion und Klarheit eine Renaissance. Der wilde Mustermix war von Anbeginn das Markenzeichen von Bethan Laura Wood. Als sie 2009 die Szene betrat, war sie eher eine Ausnahmeerscheinung. Seit ihrem frühen Erfolg hat sie viele jüngere Gestalterinnen dazu inspiriert, mehr zu wagen.Überhaupt animieren ihre Entwürfe sie dazu, keine Angst vor überbordender Gestaltgebung zu haben. Es geht bei diesem Maximalismus nicht um Massstäblichkeit. Auch nicht darum, par tout aufzufallen. Eher ist es so, dass diese Objekte unsere Überforderung mit der Unmenge an visuellen Einflüssen abbilden, denen wir täglich ausgesetzt sind.Yvonne RogenmoserSo charakterisieren Kollisionen von widersprüchlichen Bildwelten die Keramikobjekte und Illustrationen von Yvonne Rogenmoser. Sie gleichen Schnappschüssen von Paralleluniversen: Pop-Kultur trifft auf Mythologie, Geometrisches auf Verschnörkeltes. «A Plate 01», 2024, Handaufbau, Steinzeug, Engobe, transparente Glasur, von Yvonne Rogenmoser. PD Bei genauerer Betrachtung entdeckt man bei ihren von Hand aufgebauten Gefässen immer wieder neue Details, inklusive sprachlicher Botschaften auf der Rückseite einer Serie von blau-weissen Tellern, wo sie spontane Einfälle festhält – egal, wie wunderlich diese auch sein mögen. «Slow is too fast», 2026, Handaufbau, Steinzeug, Engobe, transparente Glasur, von Yvonne Rogenmoser. PD «Viel bunt» oder «Träume und Schliessfächer» heisst es da etwa. Nichts ist bedeutungslos, auch das Absurde nicht, flüstern uns diese Gegenstände zu. Manchmal kann Gestaltung viel, gerade dann, wenn sie ihre Grenzen ausreizt. Sie kann zum Beispiel zeigen, dass Paradoxes zum Alltag gehört. Und dass viel Schönheit in Furchtlosigkeit liegt.Die Spontane Yvonne Rogenmoser Die Gestalterin und Künstlerin kreiert verspielte und wunderliche Keramikobjekte, die sich bei genauerer Betrachtung als komplexe Kompositionen aus archaischen Symbolen und Mythologie sowie Massen- und Alltagskultur entpuppen. Sie nutzt die Technik des Handaufbaus. Ausgangspunkt ihrer Arbeit sind oft Gedanken, Eindrücke oder Beobachtungen. Sie hat auch zahlreiche Bücher und Zines gestaltet sowie Textilien entworfen. (Bild: PD) Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.