Hänschens Weg – wie eine Elefantin in Europa die Menschen verzückte und auf ihre Weise Geschichte schriebEine Elefantin ist im 17. Jahrhundert fast zwei Jahrzehnte lang auf einer Tournee durch Europa. Sie muss Kunststücke zeigen, Alkohol trinken und geht elend zugrunde. Das Tier leistet aber auch Aufklärungsarbeit.Urs Hafner17.05.2026, 05.30 Uhr11 LeseminutenFechten, tanzen, Flagge zeigen: Es gibt nichts, was dieser Elefant nicht kann. Mit solchen Plakaten kündigt Cornelis van Groenevelt (mit Hut) die Auftritte seines Tieres an. Hier wirbt er 1641 für eine Vorführung auf einem Jahrmarkt in Amsterdam.Rijksprentenkabinet, Amsterdam, Object number RP-P-FM-1854Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Halb Amsterdam ist Mitte Juli 1633 auf den Beinen. Eine reich befrachtete Segelflotte ist soeben im Hafen eingetroffen. Die insgesamt sieben Schiffe gehören der VOC, der Niederländischen Ostindien-Kompanie, einem der grössten Handelshäuser der Welt. Vor über einem halben Jahr ist die Flotte von der Insel Java, heute Teil Indonesiens, in See gestochen. Die Schiffe haben wertvolle Handelsgüter wie Pfeffer und Seide, Perlen und chinesisches Porzellan geladen. Und exotische Tiere: einen indischen Hirsch, einen Leoparden, einen Kasuar (ein Vogel mit buntem Kopf, der nicht fliegen kann) – und einen Asiatischen Elefanten. Diese Tiere will die aufgeregte Menge sehen.Das dreijährige Elefantenmädchen Hansken, zu Deutsch Hänschen (von wem und warum es so genannt wird, ist nicht bekannt), ist wahrscheinlich auf der Insel Ceylon zur Welt gekommen, heute Sri Lanka, damals eine portugiesische Kolonie. Der Gouverneur der Republik der Vereinigten Niederlande, Friedrich Heinrich, hat die Tiere für sich bestellt. Sie sind ein Statussymbol: Reiche und Mächtige halten sie als Raritäten, um ihre Stellung zu demonstrieren. Doch Friedrich Heinrich verliert schnell das Interesse an seinen Tieren. Weil er es unterlässt, sie zu betreuen, frisst der Leopard den Kasuar, und Hansken erdrückt im Schlaf den Hirsch. Bald verschenkt der Gouverneur die Elefantin seinem Neffen, und um 1636 gerät sie in den Besitz von Cornelis van Groenevelt.Der Mann ist ein Abenteurer und Hochstapler. Er bezahlt für Hansken 20 000 Gulden, umgerechnet wäre das heute fast eine halbe Million Franken. Das tut er nicht aus Tierliebe, sondern weil er ein Geschäft wittert. Er sollte recht behalten: Die Elefantin macht ihn in den folgenden Jahren steinreich, weil die Leute dafür bezahlen, das grosse Tier mit dem rätselhaften Rüssel zu sehen, das Kunststücke vollführt. Fast zwanzig Jahre lang wird Groenevelt Hansken durch Europa treiben, bis sie 1655 in Florenz verendet, krank und misshandelt.Hansken war das Opfer eines raffgierigen Menschen. Aber das ist nicht die ganze Geschich­te. Die Elefantin war nicht nur ein malträtiertes Objekt, sondern auch eine Akteurin. Auf ihrer langen Tour hat sie Wirklichkeit gestaltet: In ganz Europa hat das Tier Spuren hinterlassen, hat Künstler inspiriert und die Naturforschung geprägt, hat Menschen amüsiert und miteinander ins Gespräch gebracht, hat auf seine Weise Geschichte geschrieben.Vom Königsgeschenk zum PublikumsmagnetFür die nicht enden wollende Tournee trägt Hansken ihren Meister von 1638 bis 1655 kreuz und quer durch Europa und sogar über die Alpen, von Paris bis Bratislava, von Kopenhagen bis nach Rom. Begleitet werden sie von Gehilfen und einem Pferd mit Wagen. Über zehntausend Kilometer absolviert Hansken zu Fuss, an über hundert Orten tritt sie auf, meist auf Jahrmärkten. Auch die Schweiz steht auf dem Tourneeplan. Der Trupp macht St. Gallen, Wigoltingen, Schaffhausen, Winterthur, Zürich, Luzern, Neuenburg, Burgdorf, Solothurn, Bern, Genf und Basel seine Aufwartung. Das kleinräumige und dicht besiedelte Land scheint kommerziell ein gutes Pflaster zu sein.Riesig ist das Interesse des Publikums, es strömt jeweils in Scharen herbei. Alle wollen das Rüsseltier sehen, einfache Leute und Politiker, For­scher, Geistliche, Künstler – sofern sie das Ein­trittsgeld aufbringen wollen oder können. Sie alle haben noch nie einen lebenden Elefanten ge­sehen.Wenn man im 17. Jahrhundert überhaupt Elefanten kennt, bringt man sie mit Herrschaftlichkeit in Verbindung. Tradiert wird etwa, dass der zum Kaiser gekürte Karl der Grosse im Jahr 802 vom Kalifen von Bagdad einen indischen Ele­fanten geschenkt bekommen habe. 1514 durfte sich auch Papst Leo X. freuen: Der portugiesische König liess ihm den Elefanten Hanno überbringen. Unvergessen und immer wieder beschrieben ist die Heldentat des karthagischen Heerführers Hannibal und seiner Tiere, die um 200 vor Christus die Alpen überquert haben sollen: der Dickhäuter als unbesiegbare Kriegsmaschine.Der Elefant als Kriegsmaschine: Um 200 vor Christus soll der karthagische Heerführer Hannibal mit diesem Tier die Alpen überquert haben, hier in einem Fresko von Jacopo Ripanda (um 1510).Album / AFO / ImagoUnd nun stehen die Menschen mit Hansken erstmals einem lebenden Elefanten gegenüber. Für Künstler ist das ein Glücksfall, denn jetzt können sie sich ein wirkliches Bild dieses Tiers machen. Bis anhin lag zum Beispiel das um 1510 ge­malte Fresko des italienischen Malers Jacopo Ri­panda vor, das Hannibal auf seinem Alpenzug und auf einem Elefanten sitzend zeigt. Das Tier soll furchteinflössend dreinblicken, doch seine Ohren erinnern an Fledermausflügel und der Kopf an ei­ne Maus. Oder die Elefantendarstellung im 1560 erschienenen und weit verbreiteten «Thierbuch» des Zürcher Gelehrten Conrad Gessner: Eine steife, klobige Kreatur steht wie angewurzelt da, böse schaut sie drein, ihr Rüssel erinnert an den aus Metallplättchen gefertigten Arm einer Ritterrüstung.Stosszähne müssen seinDas Zusammentreffen mit der realen Elefantin belehrt die Künstler eines Besseren. Der niederländische Barockmaler Rembrandt zum Beispiel porträtiert Hansken mehrfach. Und der italienische Bildhauer Gian Loren­zo Bernini erschafft 1667 für Papst Alexander VII. einen Marmorelefanten, der auf der Piazza della Minerva zu stehen kommt. Die Skulptur, noch heute eine der berühmtesten von ganz Rom, trägt einen ägyptischen Obelisken. Sie beruht auf Studien, die einen lebenden Elefanten zum Vorbild gehabt haben müssen. Bernini legt seine Skizzen um 1655 an, just als Hansken in Rom auftritt.Dass die Skulptur Stosszähne besitzt, obschon Hansken als Weibchen nur sehr kleine hatte, spricht nicht gegen Hanskens Wirkung auf Bernini. Verschiedene Künstler halten sich so gut wie möglich an das vor ihnen stehende Tier, wollen aber nicht auf überlieferte Elefantenattribute verzichten, was oft dazu führt, dass Stosszähne auf Bildern aus Unkenntnis schief platziert werden. Und mehr als ein Künstler passt sich den Wünschen des Auftraggebers an. Berninis Statue zeigt einen starken, stolzen Elefanten, den Rüssel vital schwenkend. Dabei geht es Hansken schlecht, als sie in Rom weilt, kurz vor ihrem Tod in Florenz.In welch erbarmungswürdigem Zustand Hansken sich an ihrem Lebensabend befindet, offenbart der Stich, den Jeremias Glaser drei Jahre zuvor anfertigt, 1652, als die Elefantin in Basel auftritt. Der Kupferstecher kann es gestalterisch nicht mit Rembrandt aufnehmen und auch nicht mit Bernini. Aber vielleicht will Glaser das gar nicht: Wir sehen ein Tier mit leeren, schwarzen Augen, die Ohren verschrumpelt, der Bauch aufgedunsen, die Zehennägel ungeschnitten und verwachsen. Glaser zeigt kein frohgemutes Lebewesen, sondern eine leidende Kreatur.1652 tritt Hansken immer noch auf und zeigt ihre Tricks: «36 schön kunstuck», wie Jeremias Glaser schreibt. Der Basler Kupferstecher macht auf seinem Bild aber deutlich, dass die Elefantin leidet. Ihr Blick geht ins Leere, die Ohren wirken wie welke Blätter.Bayerische StaatsbibliothekMit Schnaps abgefülltSie wird nur gerade fünfundzwanzig Jahre alt. Gewöhnlich haben Asiatische Elefanten eine Lebenserwartung von etwa sechzig Jahren. Bis zu sechzig Kilometer pro Tag marschiert die beladene Elefantin, einmal sogar, im Sommer 1653, über die Alpen, wahrscheinlich über den Brennerpass. Ihre Hauptnahrung besteht aus Brot und Obst, auch aus Heu und Stroh. Der aufgebläh­te Bauch, den Glaser und andere festhalten, rührt von der Mangelernährung her. Zu trinken bekommt die Elefantin Wasser – sowie Bier, Wein und Schnaps.Aus den Augenzeugenberichten ist zu schliessen, dass Hansken alkoholabhängig ist. Das Publikum hat seinen Spass daran, das grosse Tier torkeln und taumeln zu sehen. Oft leert es während der Vorstellung ein ganzes Fass Bier. Der Alkohol, notieren Beobachter, mache den Elefanten besonders gefügig und zutraulich. Einmal fällt Hansken leblos zu Boden, nachdem sie auf einen Schlag vierzig Liter Schnaps getrunken hat, spendiert von einem reichen Herrn. Groenevelt hat sie bereits abgeschrieben. Nach einer Weile erwacht sie doch noch aus dem komatösen Zustand.Die Elefantin spielt, wenn immer möglich, in Schlössern vor Künstlern und Fürsten, zweimal sogar in Wien in der Hofburg vor dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation, begleitet von Orchester und Feuerwerk – welche Ehre! An diesen Orten nimmt Groenevelt besonders viel Honorar ein, und auch Hanskens Verpflegung ist besser als gewöhnlich. Doch der Alltag sieht anders aus: Der Trupp macht halt in Kleinstädten und in der Provinz vor Hinz und Kunz.Der italienische Bildhauer Gian Loren­zo Bernini erschafft 1667 für Papst Alexander VII. einen Marmorelefanten, der auf die Piazza della Minerva zu stehen kommt. Bernini legt seine Skizzen für die Skulptur um 1655 an, just als Hansken in Rom auftritt.Florian Monheim / ImagoTausendmal absolviert Hansken ihre Kunststücke. Kein einziger Bericht ist überliefert, wonach sie ihren Einsatz verweigert hätte. Nur ein schwerer Vorfall soll sich zugetragen haben: In Piacenza reizt ein junger Mann die Elefantin mit einem Apfel, den er ihr vor den Rüssel hält, aber nicht zu essen gibt. Darauf habe sie den Mann in die Luft geschleudert und zu Tode getrampelt. Dieser Spass geht ihr zu weit. Während der Vorstellung macht sie den Clown, aber nicht vorher und auch nicht nachher.Theaterszenen: Was für ein Gaudi!Der Alltag heisst für Hansken: Leute unterhalten. Sie bringt Menschen zum Lachen, die selbst nicht viel zu lachen haben, wie sie, die Elefantin. Sie hebt mit dem Rüssel mehrere Zuschauer aufs Mal in die Luft, wie lustig! Torkelt betrunken gegen eine Wand, welch ein Gaudi! Zu Hanskens Repertoire gehören auch ein paar kleine Theaterszenen, die sich Groenevelt ausgedacht hat. So packt sie im Publikum einen Dieb, der einer Frau das kostbare Armband gestohlen hat. Der Dieb wie das Opfer sind Groenevelts Komparsen.In katholischen Gebieten entlarvt Hansken jeweils einen reformierten Pfarrer, der stotternd gesteht, gerade ein Bordell besucht zu haben. Die Menge johlt: Die lutherischen Pfaffen, diese Tugendwächter, sie predigen Wasser und trinken Wein! Umgekehrt zeigt Hansken an reformierten Orten mit dem Rüssel auf einen Mann, der schliesslich zugibt, auf Pilgerreise nach Rom zu sein: ein schändlicher Papist! Applaus ist ihr sicher.Das Publikum ist in der Regel voller Bewunderung für den geschickten Dompteur, mehr aber noch für das exotische, gelehrige Tier. Es sei so klug wie ein Mensch, habe fast menschliche Verstandeskräfte und verstehe mehrere Sprachen, halten gebildete Beobachter fest. Fürst Christian II. von Anhalt-Bernburg notiert 1649 in sein Tagebuch, der Elefant könne hundert Jahre alt werden. Und wäre ihm nicht die Zunge angewachsen, wie er «selber gesehen, gefühlt, und ihm in den Gaumen und in die Zähne gegriffen habe», würde das Tier, wie sein Hüter meine, «wie ein Mensch reden können».Die Chronisten sind nicht unvoreingenommen. Elefanten haben seit der Antike ein hervorragendes Image. Aristoteles hält den Dickhäuter in seiner «Historia animalium» für intelligenter und keuscher als andere Tiere, der römische Gelehrte Plinius der Ältere schreibt in der «Historia naturalis», der Elefant sei dem Menschen verstandesmässig am nächsten, er zeichne sich durch seine Tugend und Schamhaftigkeit aus, und manche Exemplare seien gar imstande, griechische Buchstaben zu schreiben. Der Zürcher Conrad Gessner knüpft in seinem «Thierbuch» von 1560 an diesen Diskurs an. Nach dem Menschen sei kein Tier «mit so viel Tugenden, Weisheit, Frömmigkeit und Zucht begabt» wie der Elefant, schreibt er. Das Tier lebe rein und bescheiden und breche die Ehe nicht.Naturforscher werden korrigiertGessner hält aber auch die Geschichte fest, dass männliche Elefanten mit ihren Rüsseln gern die Brüste schöner Frauen betasteten. Vielleicht berichten darum einige von Hanskens Beobachtern, der Elefant, der ja eigentlich weiblich ist, habe mit dem Rüssel die Röcke von Frauen gehoben – noch ein Gaudi! Schliesslich gibt Gessner in seinem «Thierbuch» die unter anderen von Plinius verbreitete Idee wieder, dass Elefanten im Stehen schliefen, weil sie sonst nicht wieder aufstehen könnten: Ihre Knie seien nicht biegbar.Gerade auch für Künstler war Hansken ein Faszinosum, Rembrandt etwa zeichnete die Elefantin mehrfach. Hier das erste Porträt, das er 1637 von ihr anfertigte.Albertina, WienHansken könnte mit den über ihre Art kursierenden Mythen und Legenden nicht viel anfangen. Dass sie sich niederlegen und aufstehen kann, ist für sie selbstverständlich. Unzählige Male führt sie dem Publikum die Bewegung vor. Diese bleibt, zusammen mit den endlosen Märschen, nicht folgenlos: Das Tier bekommt Gelenkprobleme.Ein Nürnberger Bürger notiert in seinem Exemplar des Gessnerschen «Thierbuchs», man habe 1652 Hansken mit grossem Vergnügen im Fechthaus gesehen. Damit gibt der Bürger zu verstehen, dass Gessner sozusagen falsifiziert sei mit seinem statischen Elefantenbild. Sogar korrigiert wird die niederländische Ausgabe von Plinius’ «Historia naturalis», nachdem Hansken in Amsterdam aufgetreten ist. Der Drucker fügt 1650 den Zusatz ein, Elefanten könnten sich sehr wohl selbst niederlegen und auch selbst wieder aufstehen. Hansken hilft, wenn auch nicht mit Absicht, den Naturforschern auf die Sprünge.Über die Alpen in den TodAls die Elefantin 1651 in Zürich eintrifft, ist auch hier die halbe Stadt auf den Beinen. Einer ihrer Vorstellungen wohnen sogar die Kanoniker des Grossmünsters bei, der zwinglianischen Kaderschmiede. Und die Elefantin sorgt dafür, dass ein Reformierter, der sich als Katholik ausgeben muss, in den Schoss Zürichs findet: Nach Hanskens Auftritt kommt der reformierte Pfarrer Erhard Kesselring mit dem Schwyzer Martin von Hospenthal ins Gespräch. Sie reden über die gigantische Grösse von Elefanten und deren Erwähnung in der Bibel – worauf Hospenthal gesteht, er lese nur in der Bibel, wenn ihn im katholischen Schwyz niemand sehe, die Priester würden nämlich den einfachen Leuten verbieten, die Heilige Schrift zu studieren. Kesselring ist empört, das sei eine Sünde. Der Bann ist gebrochen, offen reden die beiden miteinander. Bald darauf flieht Hospenthal mit Getreuen aus Schwyz ins sichere Zwingli-Zürich.Die Elefantin ist dann schon auf dem kräftezehrenden Weg über die schneebedeckten Alpen. Im November 1655 stirbt sie während ihres Auftritts in Florenz. Einer ihrer ungepflegten Füsse hat sich entzündet, der Abszess entleert sich in die Blutbahn. Über eine Stunde lang soll sie wie von Sinnen gebrüllt haben, dann fällt sie tot zu Boden. Der Dichter Francesco Buoninsegni, der die Szene beobachtet hat, schreibt darüber das dramatische Poem «Der Tod eines Elefanten». Der Künstler Stefano della Bella fertigt von der Leiche drei Zeichnungen an. Auf einer scheint Hansken vor Schmerz noch im Tod weiterzuschreien.Als ob sie im Leben nicht genug gelitten hätte, muss Hansken auch noch qualvoll sterben: Eine Stunde lang soll sie 1655 in Florenz geschrien haben, bevor sie tot zu Boden fiel. Bild des italienischen Künstlers Stefano della Bella, 1655.Städel Museum, Frankfurt am MainZehn Jahre später stirbt auch Cornelis van Groenevelt – mit 49 Jahren, einsam und verarmt. Die Einkünfte, die ihm die Elefantin verschafft hat, fehlen ihm nach ihrem Tod, sein Vermögen hat er verloren. Seine Frau, die er bald nach dem Erwerb von Hansken geheiratet hatte, verliess ihn, nachdem das Tier gestorben und er von Florenz nach Amsterdam zurückgekehrt war.Knochen von Riesen?Noch nach ihrem Ende wirkt Hansken weiter. Ärzte und Gelehrte machen eine Autopsie, weil sie die Todesursache kennen wollen. Der Grossherzog der Toskana, Ferdinando II. de’ Medici, erwirbt die Leiche für seine Sammlung und stellt die Elefantin gleich zweimal aus: als ausgestopftes Tier und als Skelett. 1690 schreibt der Archäologe Giovanni Giustino Ciampini, in Rom würden Gelehrte behaupten, sie hätten die Knochen von Riesen ausgegraben, die in grauer Vorzeit gelebt hätten. Aber er, Ciampini, bezweifle dies: In Florenz habe er ein Elefantenskelett studiert, die Knochen glichen denen der angeblichen Riesen aufs Haar. Nachdem die Römer von Ciampinis Analyse Kunde erhalten haben, räumen sie ihren Irrtum ein.Irrtümer und neue Kenntnisse, Bilder, Skulpturen und Diskussionen: Hanskens Existenz hat in der Welt der Europäer und Europäerinnen des 17. und 18. Jahrhunderts zahllose Spuren hinterlassen, und noch heute ist das Tier präsent, im Museum La Specola in Florenz sogar für die Zukunft gerettet. Was würde es zu alledem sagen?Vielleicht würde die Elefantin pfeifen auf all die Gelehrten, Theologen und Künstler, die sich ihren Reim auf ihr Schicksal und ihren Charakter machten, würde die Idioten und Idiotinnen verwünschen, die sich gegen Bezahlung über die kindischen Tricks amüsierten, die sie ihnen zumuten musste. Wahrscheinlich würde sie den Herrn verfluchen, der sie fast umbrachte mit der Überdosis Schnaps, und den Kaiser mit seinen knallenden Raketen, die ihren Ohren weh taten. Und vor allem würde sie wohl ihren Meister verdammen, für den sie als unermüdlicher Lastesel und nie versiegende Geldmaschine durch Europa stapfte. Nie ist sie in diesem Leben einem Artge­nossen begegnet, immer war sie allein.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel