Der Mythos vom Dampfablassen: Wer aus Ärger ins Kissen boxt, wird noch wütenderViele Menschen glauben, Wut müsse körperlich entladen werden. Doch die Forschung zeigt das Gegenteil. Wer runterkommen will, sollte etwas anderes tun. Die Kolumne «Psychologie des Alltags».Franca Cerutti17.05.2026, 05.30 Uhr3 Leseminuten«Lass es raus» ist kein guter Rat, jedenfalls nicht für diejenigen, die runterkommen möchten.Farknot Architect / Getty«Box in ein Kissen!» oder «Geh in den Wald und schrei es heraus!» gelten als hilfreiche Mittel zum Dampfablassen. Junggesellinnen-Abschiede werden in Rage-Rooms verlegt, in denen die angehende Ehefrau Möbel und Porzellan zerdeppern darf, auf dass ihr das in der Ehe nicht passiere. Und viele Menschen empfinden es als befreiend, im Auto laut zu fluchen und zu schimpfen. Dabei ist seit Jahrzehnten belegt: Wer wütende Reaktionen «austobt», verlängert die Emotion.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der amerikanische Psychologe Brad Bushman zeigte das bereits 2002: Zuvor provozierte Probanden wurden in drei Gruppen geteilt. Die einen schlugen auf einen Boxsack ein und dachten dabei an die Person, die sie verärgert hatte. Die zweite Gruppe boxte ebenfalls, dachte dabei aber an Fitness. Die dritte Gruppe tat schlicht: nichts. Anschliessend hatten alle Versuchsteilnehmer die Gelegenheit, dem Provokateur unangenehm laute Geräusche zuzumuten. Am aggressivsten reagierten hierbei die wütend Boxenden, vor den Fitness-Boxern, am ruhigsten die Nichtstuer.Psychologie des AlltagsIn dieser Kolumne schreibt die Psychotherapeutin, Autorin und Podcasterin Franca Cerutti regelmässig über Alltägliches mit psychologischem Tiefgang.Daraus schlossen die Forscher: Wer seiner Wut einen körperlichen Kanal anbietet und ihn intensiv nutzt, beruhigt sich nicht – er verfestigt die wütende Reaktion. Eine Metaanalyse aus dem Jahr 2024, wiederum unter Federführung von Bushman, mit über 10 000 Teilnehmenden bestätigte dies. Was die Wut schwinden lässt: tiefes Atmen, Meditation, Yoga oder progressive Muskelentspannung, allesamt Tätigkeiten, die das körperliche Erregungsniveau senken. Auch eine bewusst eingelegte Pause kann helfen.Aktivitäten jedoch, die das Erregungsniveau heben – wie der beliebte Boxsack oder das Rausschreien –, erhalten die Wut aufrecht. Auch Joggen schneidet leicht schlechter ab als Nichtstun. Hinter diesen Befunden steht die psychologische Erkenntnis, dass Emotionen aus zwei Bestandteilen bestehen – einer körperlichen Erregung und einer mentalen Deutung. Wer beim Boxsack an den ungerechten Chef denkt, befeuert beide Komponenten gleichzeitig. Der Körper bleibt unter Strom, der Kopf hält den Anlass warm, und die Wut hat alles, was sie zum Weiterleben braucht.Ruhiges Atmen unterbricht hingegen die körperliche Spur und Meditation oder eine Pause die kognitive. Die Wut verliert an Wucht. «Lass es raus» ist also unterm Strich kein guter Rat, jedenfalls nicht für diejenigen, die runterkommen möchten. Es geht bei alldem nicht darum, Gefühle wegzudrücken. Wut darf da sein, sie ist oft berechtigt und manchmal sogar produktiv.Die Frage ist eher, was wir mit ihr vorhaben. Wer seine Wut bewahren möchte, weil er sie für eine notwendige Auseinandersetzung braucht, kann sie durch Schreien, Boxen oder lautes Fluchen hochköcheln. Wer sich aber beruhigen und wieder klar sehen möchte, der greift mit dem Vorschlaghammer im Rage-Room zum falschen Werkzeug. Bevor wir also im Auto oder im Wald etwas rausschreien, sollten wir uns bewusst machen, ob wir die Wut behalten oder loslassen wollen – das Loslassen funktioniert eher in Stille.Franca Cerutti ist Psychotherapeutin, Autorin, Podcasterin. Ihr Sehnsuchtsort ist Finnland, ohne Kaffee ist sie nicht sie selbst.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
Warum Dampfablassen bei Wut nicht hilft – und was wirklich beruhigt
Viele Menschen glauben, Wut müsse körperlich entladen werden. Doch die Forschung zeigt das Gegenteil. Wer runterkommen will, sollte etwas anderes tun.








