Die Armee, die zuschaut, wenn das eigene Land bombardiert wirdDamit der Krieg nicht weitergeht, muss Libanon bei Gesprächen in Washington eine Übereinkunft finden mit israelischen Vertretern. Diese wollen, dass der Hizbullah entwaffnet wird. Wieso übernimmt diese Aufgabe nicht einfach die libanesische Armee?17.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDie libanesischen Soldaten sind meistens Zuschauer, wenn in ihrem Land Krieg herrscht. Foto: Ein israelischer Luftangriff auf Beirut, 8. April 2026.Chris McGrath / GettyDie beiden Männer, 68 und 60 Jahre alt, tragen Anzug, sind frisch rasiert und haben so wenig Falten auf der Stirne, als ob sie sich ein Leben lang kaum Sorgen gemacht hätten. Aber Khaled Hamadeh und Munir Shehadeh dienten vier Jahrzehnte in der Armee, zuletzt gar als Generäle, mitten in einer Weltregion, in der immer wieder Konflikte ausbrechen. Die beiden Rentner sprechen derzeit oft in libanesischen Medien, allerdings kaum in denselben Sendern. Anders als ihre glatten Stirnen unterscheiden sich ihre Einschätzungen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Frage, auf die Hamadeh und Shehadeh seit Wochen immer wieder antworten: Sollte die libanesische Armee endlich versuchen, die von Iran unterstützte schiitische Hizbullah-Miliz zu entwaffnen? Dem Militär untersteht, zumindest theoretisch, das Gewaltmonopol eines Landes. Doch im multikonfessionellen Libanon hat sich die Armee schon immer zwischen den Zuständen «ziemlich schwach» und «kurz vor dem Kollaps» befunden.Sie wurde nach der Unabhängigkeit von Frankreich aufgebaut, um politische Stabilität zu gewährleisten. Damals bestand sie aus einigen tausend Soldaten. Heute beträgt die Truppenstärke etwa 70 000. Die Löhne der Soldaten aber sind seit dem Währungszerfall während der Wirtschaftskrise nur noch so wenig wert, dass der Armeechef ihnen vor einigen Jahren erlauben musste, Nebenjobs anzunehmen. Manche arbeiten seither als Taxifahrer. Zum Militär gehören wenige hundert veraltete Panzer, darunter sowjetische T-55. Die Luftwaffe besteht vor allem aus drei Cessnas und einigen Helikoptern.Unterstützer des Hizbullah demonstrieren Mitte April gegen die libanesische Regierung, die mit israelischen Vertretern in Washington über einen Waffenstillstand verhandelte.Chris McGrath / GettyDer Hizbullah-Anführer Naim Kassem spricht Mitte April zu seinen Unterstützern. Der TV-Sender al-Mayadeen überträgt die Rede.Chris McGrath / GettyWütend auf den HizbullahKhaled Hamadeh, fester Händedruck, posiert mit geradem Rücken für das Foto im Café eines Fünf-Sterne-Hotels in Beirut, das er für das Treffen vorschlug. Der drusische General, der 2014 in Rente ging, spricht mit Wärme in der Stimme. Er war für die Ausbildung der Truppen zuständig. Und findet: Jetzt müssten diese einschreiten. «Wenn nicht wir, dann tun es die Israeli.» Was er damit meint: Dann drohe noch mehr Krieg.Khaled Hamadeh, pensionierter General.Karin A. WengerDie Bevölkerung unterstütze das, glaubt er, auch viele Schiiten. «Der Hizbullah würde seine Raketen bestimmt nicht auf das eigene Land richten, es wäre ein Kampf zwischen Mann und Mann.» Die libanesische Armee, ist er überzeugt, könnte mit der Hilfe vom Ausland und mit dem Rückhalt der Bevölkerung noch innerhalb dieses Jahres gewinnen.Tatsächlich verfluchten die meisten Libanesinnen und Libanesen den Hizbullah, als seine Kämpfer am 2. März begannen, Israel zu beschiessen aus Solidarität mit seinem Sponsor Iran. Viele fragten wütend: Wieso für ausländische Interessen in den Krieg ziehen?In den Wochen darauf schlug Israel mit voller Härte zurück. Bisher zählt das libanesische Gesundheitsministerium 3000 Tote und 9000 Verletzte, längst nicht alles Hizbullah-Kämpfer. Israelische Truppen sind einmarschiert im Süden, halten 68 Ortschaften besetzt, sie sprengen Häuser in den Dörfern nahe der Grenze. Hunderttausende Menschen mussten fliehen. Nach alldem finden besonders die Schiiten in Libanon wieder, nur der Hizbullah könne sie retten.Und deshalb sind sie auch gegen die Verhandlungen über ein Ende des Kriegs, die eine libanesische Delegation in Washington mit den Israeli führt. Es sind historische Gespräche zwischen den verfeindeten Nationen. Israel verlangt, dass der Hizbullah entwaffnet wird und sich aus dem Süden Libanons zurückzieht.Munir Shehadeh, pensionierter General.Karin A. WengerMunir Shehadeh wählt für das Interview eine Patisserie in einem Aussenquartier von Beirut. Der Schiit war Chef des Militärgerichts und hatte vor einigen Jahren direkt mit den Israeli verhandelt, als es um die gemeinsame Grenze im Meer ging, die bei Gasfeldern verläuft. Auch damals zeigte sich: «Libanon ist klein und machtlos.» Die USA hätten den Grenzverlauf zugunsten Israels bestimmt, seine Landsleute mussten zustimmen.Shehadeh warnt davor, die Miliz zu entwaffnen. Nicht weil die Armee dafür zu schwach wäre. Sondern weil ein Drittel der Soldaten Schiiten sind, manche mit Verwandten beim Hizbullah. «Sollen die Soldaten auf ihre Brüder schiessen?», fragt er. Für ihn ist klar: Das würde im Bürgerkrieg enden.Die beiden Generäle sind sich in diesem Punkt einig: Nicht die Schwäche der Armee sei das Hauptproblem. Sondern das politische und gesellschaftliche System. Seit der Unabhängigkeit konkurrieren die verschiedenen Konfessionen. Keine Gruppe ist stark genug, die anderen zu unterdrücken. Eine gemeinsame Identität aber fehlt. Korrupte Politiker und Familiendynastien nutzen Libanon als Selbstbedienungsladen. Das zeigt sich auch im Zustand der Sicherheitskräfte und der Armee. «Fauda», sagt Shehadeh, Chaos herrsche im Land. «Weil niemand fürchten muss, Rechenschaft ablegen zu müssen.»Und zu den inneren Brüchen kommt eine lange Geschichte fremder Interessen hinzu. Da war die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) von Yasir Arafat, die sich im Süden Libanons niederliess und begann, von dort aus Israel anzugreifen. Da war der Bürgerkrieg, in dem die Armee versuchte, die verschiedenen Gruppen auseinanderzuhalten, doch selbst in Fraktionen zerbrach. Da waren israelische Truppen, die den Süden Libanons besetzten (1982 bis 2000), und die syrischen Besetzer (1976 bis 2005), denen das libanesische Militär nichts entgegensetzen konnte.Und so hat sich Libanon nie zu einem Staat entwickelt, in dessen Armee die Jungen aus Nationalstolz eintreten wollten. Shehadeh kannte zwar den Geruch der Stiefel von seinem Vater, der in der Armee diente, doch er bewarb sich 1984, weil für ihn als jüngsten Sohn kein Geld übrigblieb, um zu studieren. Immerhin bezahlte das Militär damals anständig. Auf die Bewerbung habe er geschrieben: «Ich will beitreten, um Libanon von den Ausländern zu befreien.»Auch Hamadehs Vater war beim Militär. Und wünschte sich, dass einer seiner sechs Söhne seine Karriere fortsetzen würde. Hamadeh, der die Freiheiten des Architekturstudiums in Beirut genoss, ging 1978 nur zur Aufnahmeprüfung, um nicht mit seinem Vater zu streiten. Er war überzeugt, dass er sowieso nicht bestehen würde.Schlagzeilen machte die Armee im Jahr 2021, als die libanesische Lira zerfiel und das Militär dringend Geld brauchte. Die Piloten boten Helikopterflüge für Touristen an. 15 Minuten kosteten 150 Dollar. Die Armee ist abhängig von ausländischen Geldgebern, vor allem von den USA. Die zahlen so viel, dass die Truppen überleben, aber nie genug, damit sie gegen den Nachbarn Israel die geringste Chance hätten. Der Hizbullah dagegen – finanziert mit iranischen Waffen und Millionen von Dollar – wuchs zum Staat im Staat.In seiner Abtrittsrede als General habe Shehadeh gesagt: «Ich habe 40 Jahre lang meine Hausaufgaben gemacht. Aber ich bin traurig, das Land in diesem Zustand zu übergeben. Bitte macht etwas Besseres daraus.»Staatspräsident Joseph Aoun muss eine Lösung für sein Land finden. Er will den Hizbullah entwaffnen, aber er zögert, dies mit dem Militär zu tun. In Libanon hängen Plakate, die ihn unterstützen. Auf diesem steht in Anspielung auf Israels Einmischung: «Joseph Aoun. Die Entscheidung liegt bei Libanon.»Wael Hamzeh / EPAMitarbeit: Philip Bajjaly.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel