SerieMit 16 Kilometern pro Stunde im ersten Auto: Wie ein dreirädriges Motorgefährt der Menschheit die Welt öffneteAls Carl Benz 1886 seinen Patent-Motorwagen anmeldete, ahnte niemand, dass dieses fragile Fahrzeug den Beginn der globalen Massenmobilität markierte. Eine Testfahrt im Nachbau.Fabian Hoberg16.05.2026, 15.01 Uhr5 LeseminutenIm August 1888 unternimmt Bertha Benz, die Ehefrau des Automobilerfinders Carl Benz, die weltweit erste Fernfahrt mit einem Automobil. Mit dem Benz-Patent-Motorwagen bewältigt sie die Strecke von Mannheim nach Pforzheim und zurück.Mercedes-Benz-Classic-ArchivMit gekonnter Bewegung dreht Nate Landers das Schwungrad zwei-, dreimal, bis der Motor endlich von selbst läuft. Langsam surrt, zischt und schnattert das Triebwerk. Nicht das sanfte Brummen eines modernen Autos, kein tiefer Bass aus einem V8, sondern ein feines, pulsierendes Zischen aus Messing und Stahl. Der Experte vom Mercedes-Benz Classic Center in Long Beach in Kalifornien justiert leicht die Kraftstoffzufuhr, bis der Antrieb ruhig läuft. Dann steht er da, der Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1, klein, fast zerbrechlich wirkend, aber monumental in seiner Bedeutung. Niedriges Rohrgestell, einzelne Ledersitzkissen, vertikaler Lenkhebel und ein Fahrhebel.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das Patent steht am Beginn von 140 Jahren Mercedes.Mercedes-Benz-Classic-ArchivDas, was Carl Benz am 29. Januar 1886 beim Patentamt anmeldet, nutzen heute täglich Millionen Menschen weltweit: das Auto. Als «Fahrzeug mit Gasmotorenbetrieb» ist der Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1 kein umgebautes Fuhrwerk, sondern ein echter Neuanfang. Motor und Fahrgestell sind erstmals zu einer Einheit verbunden.Hinter der Sitzbank arbeitet ein liegender Einzylindermotor mit 954 Kubikzentimetern Hubraum bei 400 Umdrehungen pro Minute, mit liegendem Schwungrad, kleinem Tank, offenem Riemenantrieb, der zu einer Antriebskette führt. Neben dem Motor sorgt ein Wassertank für die Kühlung des Einzylinders und spült Wasser hinter die Wand des Verbrennungstraktes. Die Kraft läuft über die beiden grossen Drahtspeichenräder, die Fahrtrichtung wechselt der Pilot über kleine Räder vorne.«Das erste richtige Auto»«Der Patent-Motorwagen ist das erste richtige Auto, das als ganz neues Fahrzeugkonzept patentiert wurde. Er hat daher die Welt drastisch verändert», sagt Marcus Breitschwerdt, Leiter der Mercedes-Benz-Heritage-Abteilung. Denn auch wenn Nicolaus August Otto den nach ihm benannten Motor als stationären Antrieb erfunden hat, entwickeln Daimler und Maybach den Verbrennungsmotor kompakt und schnelllaufend weiter. Dies in Konkurrenz zu Carl Benz, mit dem sich die beiden Pioniere 1926 zusammenschlossen.Vorsichtig füllt der Mechaniker den Treibstoff in den kleinen Tank der Patentwagen-Replika.PDWährend für Benz ein eigenständiges, ganzheitliches, über die Kutsche hinaus gedachtes Fahrzeugkonzept im Vordergrund steht, liegt für Daimler und Maybach die Priorität darauf, ein kleines, vielseitig einsetzbares Verbrennungsaggregat zu entwickeln, das über Jahre hinweg als Benchmark dient.Der Benz-Patent-Motorwagen Nummer 1 funktioniert nach dem Prinzip des Einzylinder-Viertaktmotors, das Carl Benz konsequent auf ein fahrbares Fahrzeug überträgt. Der Ottomotor saugt zunächst ein Treibstoff-Luft-Gemisch in den Zylinder ein, verdichtet es beim Herunterpressen des Kolbens, zündet es dann mittels einer kleinen Funkenzündung und stösst die Verbrennungsreste als Abgas aus.Meilensteine der MobilitätVon den ersten Bestsellern bis zu Kultklassikern – hinter jedem Jubiläum steckt eine Erfolgsgeschichte. In einer Serie blicken wir zurück auf prägende Fahrzeugmodelle, ordnen sie historisch ein und zeigen, warum sie bis heute nichts von ihrer Faszination verloren haben.Gesteuert werden die Kolbenbewegungen über eine Nockenwelle. Daraus ergibt sich ein vollständiger Zyklus, der sich kontinuierlich wiederholt – wie bei einem modernen Viertaktmotor. Alles passiert in einem kleinen, kompakten Aggregat, das trotz minimaler Leistung ein vollständiges Fahrzeug antreibt. Die erzeugte Energie wird über ein Schwungrad geglättet und über eine Kupplung und eine Kette auf die Hinterachse übertragen.Fahren wie Bertha BenzDie Probefahrt auf dem nachgebauten Gefährt beginnt: aufsitzen und das Steuer übernehmen, leicht den linken Hebel nach vorne ziehen, und sofort läuft der Patent-Motorwagen los, dreht sich das Schwungrad schneller und zischt der Motor aufgeregter und lauter. Mit etwas Anlauf auf gerader Strecke fährt der Benz bis zu 16 Kilometer pro Stunde schnell, bergauf wird es aber mühsam.Jede Kurve verlangt Fingerspitzengefühl, Unebenheiten der Strasse werden ungefiltert durch die dünnen Reifen weitergegeben – der Fahrer wird Teil der Maschine. Komfort existiert hier nicht, Kontrolle ist alles. Die Lenkung reagiert unmittelbar, jede Bewegung überträgt sich direkt auf die Hinterräder. Keine Servounterstützung, kein Sicherheitsnetz. Der Hebel zur linken Seite steuert Gas und Bremse: Letztere wirkt auf die Riemenscheibe. Jede Bewegung verlangt Aufmerksamkeit.Eine Federung an den Achsen gab es noch nicht. Über der Hinterachse sorgte eine elliptische Feder am Chassis beim Mercedes-Mechaniker für etwas Komfort.PDTechnisch ist der Patent-Motorwagen ein Meisterwerk der damaligen Ingenieurskunst. Das Prinzip des Viertaktmotors – Ansaugen, Verdichten, Zünden, Ausstossen – ist für die Zeit revolutionär. Das Schwungrad glättet die Bewegungen, der Riemenantrieb überträgt die Kraft über eine Kette auf die Achse und bewegt die Holzräder mit Präzision. Alles ist sichtbar, greifbar, nachvollziehbar. Man fährt nicht nur ein Auto – man erlebt Mechanik in ihrer reinsten Form. Mehr braucht es nicht, um Geschichte zu schreiben. Im Sommer 1886 rollt Bertha Benz mit dem Gefährt erstmals öffentlich durch die Strassen und verändert damit die Welt.Der Patent-Motorwagen macht motorisierte Mobilität möglichDieses kleine Fahrzeug ist der Vorläufer von allem, was wir heute Mobilität nennen. Es öffnet die Welt: Städte verändern sich, Handel beschleunigt sich, Distanzen werden relativ. Carl Benz’ Erfindung ist nicht nur ein technisches Experiment – sie ist der Startpunkt der motorisierten Revolution, die Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur dauerhaft prägt.«Das Auto hat die persönliche Mobilität für nahezu jede Gesellschaftsschicht massiv nach vorne getrieben und dadurch die Welt verändert», sagt der Mercedes-Historiker Marcus Breitschwerdt. Gleichzeitig habe es eine Industrie begründet, die in vielen Teilen der Welt für Wohlstand und Teilhabe gesorgt habe. «Dadurch entstand eine Technikkultur , die als angewandte Wissenschaft das Leben des Einzelnen und der Gesamtheit besser macht.»Benz hat vor 140 Jahren das Automobil erfunden und massiv vorangetrieben. «Nur, hätte Bertha Benz nicht ihre berühmte Fahrt unternommen, wäre heute vielleicht nicht klar, ob diese bahnbrechende Erfindung überhaupt angekommen wäre», sagt Breitschwerdt zu der legendären Fernfahrt von Mannheim nach Pforzheim.Das Fahrgefühl auf dem historischen Dreirad ist paradox: Langsam, sensibel, fast zerbrechlich wirkt es. Gleichzeitig ist es ein Symbol für Geschwindigkeit, Freiheit und Erfindungsgeist. Jede Fahrt erinnert daran, dass Mobilität nicht selbstverständlich ist, sondern erkämpft, konstruiert, getrieben. Wer im Patent-Motorwagen sitzt, spürt die Geburtsstunde der modernen Welt: die Transformation von Handwerk zu Industrie, von Muskelkraft zu mechanischer Leistung, von begrenztem Radius zu globaler Beweglichkeit.Der zierliche Motor sitzt über dem grossen Schwungrad.PDUnd dennoch: Die grösste Lektion liegt nicht in Geschwindigkeit oder Technik, sondern im Staunen. In jeder Umdrehung des Motors pulsiert die Vision, die Carl Benz hatte: dass der Mensch die Welt mechanisch erweitern kann, dass die Strasse eine Bühne für Erfindergeist und Pionierarbeit wird. Man sitzt in einem Fahrzeug, das Geschichte atmet.«Es gibt kein Auto, das eine solche automobiltechnische Bedeutung hat wie der Patent-Motorwagen. Mit ihm ging 1886 als erster echter Pkw die Automobilgeschichte los, und er ist daher der Ursprung moderner Autos», sagt Frank Wilke, Geschäftsführer von Classic Analytics, einem Unternehmen zur Marktbeobachtung und Bewertung von Oldtimern. Das erste originale Fahrzeug existiert nicht mehr, das wahrscheinlich dritte gebaute Auto steht im Deutschen Museum in München. Doch existieren mehr als hundert originale Nachbauten, zum Teil von Mercedes-Benz selbst gebaut.Heute, mehr als 140 Jahre später, ist die symbolische Kraft dieses Autos ungebrochen. Es steht für Erfindergeist, für den Übergang von handwerklicher Präzision zu industrieller Mobilität, für die Transformation der Welt. Jede Fahrt mit dem Patent-Motorwagen ist ein Sinnbild für Pioniergeist: vibrierende Mechanik, rohe, ungeschützte Verbindung zwischen Mensch und Maschine – und doch der Beginn einer Revolution, die unseren Alltag, unsere Wirtschaft und unsere Vorstellung von Raum und Zeit verändert hat.Technische Zeichnungen aus der Patentschrift 37435 für den Motorwagen von Carl BenzMercedes-Benz-Classic-ArchivDie Testfahrt wurde durch Mercedes unterstützt.Passend zum Artikel
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