PfadnavigationHomeGeschichte80 Jahre WELT1973Als auf deutschen Autobahnen auf einmal Tempo 100 km/h galtStand: 11:17 UhrLesedauer: 5 MinutenRollschuhfahrende Kinder und Spaziergänger auf der leeren Autobahn am Kamener Kreuz am 9. Dezember 1973, dem dritten autofreien Sonntag wegen der ÖlkriseQuelle: picture alliance/Klaus Rose, BildjournalistBinnen vier Wochen vervierfachte sich 1973 der Ölpreis. Die sozialliberale Koalition war gefordert. Zu den ersten Maßnahmen gehörte, vier autofreie Sonntage zu verordnen. Die neue Folge unserer Serie zu 80 Jahren WELT.Ungewöhnliche Zeiten erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Irgendetwas in dieser Richtung muss Ende 1973 im Kopf eines Verkehrsteilnehmers im Westerwald vorgegangen sein – Benzin war knapp, der Mann im Mercedes entschied sich dafür, einen Tankwart mit gezogener Pistole zur Herausgabe des Sprits zu bewegen. Auch andere Autofahrer waren unzufrieden mit der Situation: Ein Mann, der den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben musste, sprach die Worte „Das ist der größte Mist des 20. Jahrhunderts“ in eine Fernsehkamera. Und eine Frau vertrat die geradezu klassische Ansicht, dass die Politiker nur für „die da oben“ da seien.Auch heute gibt es aufgrund der Konflikte im Nahen Osten wieder Probleme mit der Kraftstoffversorgung und entsprechend hitzige Debatten. Ende 1973 ging es offensichtlich nicht freundlicher zu. Aber es gab eine andere Seite: An den vier autofreien Sonntagen, die mit dem 25. November des Jahres begannen, waren viele Bundesbürger auf den leeren Straßen mit Fahrrädern und Rollschuhen unterwegs.Lesen Sie auchAls rohstoffarmes Land war die Bundesrepublik auf den Import von Bodenschätzen angewiesen, und der stockte. Am 6. Oktober 1973 wollten die Israelis Jom Kippur feiern, das Fest der Versöhnung, den höchsten jüdischen Feiertag. Doch ägyptische und syrische Truppen griffen überraschend auf dem Sinai und den Golanhöhen an. Die beiden Gebiete hatte Israel sechs Jahre zuvor im Sechstagekrieg erobert.Ein paar Tage lang jubelten nun die Feinde Israels, dann schlug die israelische Armee zurück. Sie vertrieb die Syrer von den Golanhöhen, gleichzeitig waren die ägyptischen Truppen auf dem Sinai stark angeschlagen. Am 24. Oktober trat ein Waffenstillstand in Kraft. Aber schon am 17. Oktober hatten die arabischen Staaten in der Opec beschlossen, ihr Angebot an Öl um fünf Prozent zu verknappen. Militärische Verbündete Israels wie die USA und Holland erhielten keinen Tropfen mehr.Lesen Sie auchDie Bundesrepublik war nicht von diesem Boykott betroffen. Aber den steigenden Ölpreis bekamen auch die Westdeutschen zu spüren – binnen vier Wochen vervierfachte er sich. Die Verantwortlichen der sozialliberalen Koalition waren gefordert. Die ersten Maßnahmen bestanden darin, vier autofreie Sonntage zu verordnen und ein vorübergehendes Tempolimit von 100 km/h auf den Autobahnen und 80 km/h auf Landstraßen durchzudrücken.Am 28. November 1973 zitierte WELT Kanzler Willy Brandt (SPD) mit den Worten, die Bundesrepublik habe eine „Anstrengung wie nach dem Krieg“ vor sich. Wirtschaftsminister Hans Friderichs (FDP) lieferte sich am 3. Dezember in WELT ein Scharmützel mit SPD-Fraktionschef Herbert Wehner: Der hatte im Deutschlandfunk gesagt, die Maßnahmen der Regierung seien nicht ausreichend. Er sei kein Preis-Kontroll-Fanatiker, aber man müsse denjenigen einen Riegel vorschieben, die an der Notlage noch verdienten. Friderichs konterte diese versteckte Forderung, Höchstpreise für Benzin staatlich festzulegen, mit zwei Überlegungen: Wenn die niedrigsten bisher üblichen Preise festgesetzt würden, kämen „schätzungsweise 40 Prozent weniger Öl auf den Markt“.Sollten sich die Höchstpreise aber an der bisherigen Obergrenze orientieren, werde es kein billiges Öl mehr geben. Friderichs verwies damit auf Marktlogiken, die kein freiheitlicher Staat der Welt je unterbinden können wird. Der grundsätzliche Fehler war zuvor passiert: Zwar wussten alle, dass Öl ein endlicher Rohstoff war, aber die Politik richtete sich nicht danach. Warnungen aus den 1960er-Jahren, dass die Ressource schnell zur Neige gehen könnte, ignorierten die Regierenden.Niedrige Arbeitslosenzahlen und ein stabiles Wirtschaftswachstum um die acht Prozent schienen ihnen recht zu geben. So kam es, dass 55 Prozent des westdeutschen Energieverbrauchs im Jahr 1973 durch Öl gedeckt wurden, das wiederum zu 75 Prozent aus den Ländern der Opec stammte. Die Araber schlachteten das aus – so sagte ein Scheich, dass der Rohstoff dem Westen fehlen würde, wann immer es ihm gefalle.Konkret spürten in Deutschland zuerst die Gastronomen auf dem Land die Folgen der Krise. Sie waren auf Ausflügler angewiesen. Rasch griffen die Probleme auf die Auto- und Stahlindustrie über. Je öfter die Autobahnen wirkten, als wären sie einer Dystopie entsprungen, desto mehr Leute stellten erstmalig den Sinn eines eigenen Kraftwagens infrage. Einmal davon abgesehen, dass Kurzarbeit oder gar ein drohender Jobverlust für die Konsumlust nicht förderlich sind.Lesen Sie auchDies wiederum verstärkte die Krise nur noch mehr. Auch Kanzler Brandt wirkte bald erschöpft. Verdenken konnte man es ihm kaum: Arbeitslosigkeit als große Herausforderung hatte es zum letzten Mal zu Beginn der 1950er-Jahre gegeben. Nun stieg sie rasant an, 1975 erreichte sie eine Quote von fünf Prozent – und auch der Staatshaushalt rutschte tief ins Minus.Brandt jedoch war ein Mann der politischen Reformen, aber kein Manager, der durch eine ökonomische Malaise hätte führen können. Hinzu kam, dass auch diese Notlage eher sozial schwache Gruppen traf und damit die Kernklientel der SPD. Nicht zuletzt, um die Arbeiterschaft vor Konkurrenz zu schützen, beschloss die Regierung, bis auf Weiteres keine „Gastarbeiter“ aus dem Ausland mehr anzuwerben.Viele Ausländer mit Jobs in der Bundesrepublik fuhren deshalb nicht in den Weihnachtsurlaub. Sie hatten Angst, dass bei der Rückkehr ihre Stelle gestrichen sein würde. Das Verhältnis zwischen den Bundesbürgern und den Ausländern litt. Dies umso mehr, als die Westdeutschen erstmals seit 1945 die Globalisierung mit voller Wucht spürten: Ein regionaler Krieg, der Tausende Kilometer weit weg stattfand, hatte Auswirkungen auf die Sicherheit ihres Arbeitsplatzes.Noch 1973 stand fest, dass die Maßnahmen der Regierung kaum Effekte erzielt hatten, die über den Symbolwert hinausgingen. Am 24. April 1974 stürzte Willy Brandt – es war bekannt geworden, dass mit Günter Guillaume einer seiner engsten Mitarbeiter für die Stasi gespitzelt hatte. Brandt folgte mit Helmut Schmidt jemand nach, der seit dem Jahrhundert-Hochwasser 1962 in Hamburg als Krisenmanager galt. Um Deutschland unabhängiger vom Öl zu machen, setzte er auf Kernenergie. Das trieb Umweltaktivisten dazu, mit den Grünen eine eigene Partei zu gründen. Damit lässt sich sagen, dass die Ölkrise von 1973 bis in die Gegenwart hinein fortwirkt.Als Kind des Jahres 1973 blickte Philip Cassier bei dem Thema besonders genau hin. Ihm fiel auf, wie sehr sich die Welt seit 1973 verändert hat – konstant geblieben ist allerdings, dass die Gegenwart oft als Krise wahrgenommen wird.